Küsnacht

Ein ganzes Leben in 21 Bildern

Die Schauspielgruppe «Die Kulisse» wird in ihrer neuen Produktion «Die Ballade vom kleinen Mann» gleich von zwei Regisseurinnen betreut.

Die Küsnachter Schauspielgruppe «Die Kulisse» probt eifrig für die Premiere ihres neuen Stücks «Die Ballade vom kleinen Mann».

Die Küsnachter Schauspielgruppe «Die Kulisse» probt eifrig für die Premiere ihres neuen Stücks «Die Ballade vom kleinen Mann». Bild: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie übernehmen ein grosses Erbe: Die 66-jährige Charlotte Joss und ihre 30-jährige Tochter Sarah Deissler, die zum ersten Mal gemeinsam für «Die Kulisse» Regie führen. Denn Renate Muggli, die seit 2003 zahlreiche Inszenierungen für die Küsnachter Schauspielgruppe realisierte, darunter das Wandertheater «Ziitsprüng» oder die «Dreigroschenoper» von Brecht, hat sich nach dem letztjährigen Reformationsprojekt aus der Regiearbeit zurückgezogen.

Da dem Duo Joss/Deissler das aktuelle «Kulisse»-Ensemble nicht vertraut war, wollten sie die Darstellerinnen und Darsteller erst einmal kennen lernen und ihr Potenzial erfassen. Die erste Inszenierung sollte kein Theaterdrama sein, in dem die Rollen schon verteilt sind, «denn wir hatten ja noch keine Ahnung, wer sich für welche Rolle eignen würde», erläutert Sarah Deissler kurz vor einer Probe. Der Vorteil einer Zusammenarbeit sei der Austausch: «In der Regel bist du allein als Regisseurin, gibst Anweisungen, bist da für das Ensemble, kannst dich aber mit niemandem besprechen, wenn du mit vollem Kopf heimkehrst», erklärt Joss. So nutzen die Theaterfrauen die Heimfahrt von Küsnacht ins Tösstal, wo sie wohnen, regelmässig für eine Nachbereitung, wie sie es nennen.

Vom monotonenBeamtenleben

Mit der «Ballade vom kleinen Mann» haben die Regisseurinnen ein Gedicht des Österreichers Josef Weinheber (1892–1945) ausgesucht, das in seinem ersten Lyrikband 1920 erschienen ist. Weinheber wurde als gemütvoller Wiener Heimatdichter geschätzt, gar als Dichterfürst verehrt und strebte danach, nicht irgendein Lyriker, sondern der Lyriker Österreichs zu sein. Einzig die Tatsache, dass er seine Arbeit in den Dienst des Nationalsozialismus stellte und dadurch im Dritten Reich aufsteigen konnte, wirft einen Schatten auf sein Wirken und Leben, aus dem er 1945 freiwillig schied.

Das Gedicht mit 24 Strophen, das einen einzigen Tag im monotonen Leben eines durchschnittlichen Mannes beschreibt, haben Joss und Deissler mit Texten aus Theaterstücken, Prosa und Lyrik namhafter Autoren wie Horvath, Borchert, Frisch, Wedekind und Bichsel, aber auch mit Zeitdokumenten ergänzt. Entstanden sind 21 Bilder, in denen die «Kulisse»-Darstellenden das Leben dieses Beamten nachzeichnen. Er heisst Alfred Behlmann, und das Geschehen spielt sich zwischen 1922 und 1977 ab. Rückblenden lassen seine Jugend aufleben, die erste Liebe. Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, der seine Träume zunichtemachte, verfolgen ihn bis in den Schlaf.

Unerschöpfliche Leidenschaft

Charlotte Joss ist in Küsnacht keine Unbekannte: Vor 20 Jahren schon führte sie den «Sommernachtstraum» und ein Jahr später «Das Orchester» mit der «Kulisse» auf. «Doch das ist lange her», meint sie abwehrend. Joss ist, wie sie sagt, in einer Musik- und Theaterwelt aufgewachsen und war ihr Leben lang als Schauspielerin, Musikerin sowie Stücke- und Liederschreiberin tätig, zuerst im Engagement und schon mit knapp über 30 Jahren freiberuflich. «Weil ich keine Chefs ertrug, die über mich bestimmten», erklärt sie mit einer Selbstverständlichkeit, die keinen Zweifel zulässt. Sie liebe die Freiheit, das zu tun, was sie wolle. Wenn sie später in der Probe agiert und reagiert, die Theatergruppe unterbricht und kritisiert, sprühen die Funken.

Diese Leidenschaft fürs Theater teilt sie mit der Tochter. Obwohl die beiden beteuern, auf keinen Fall symbiotisch zu sein, haben sie doch die gleiche Vorstellung vom Theatermachen und können sich nach eigener Aussage stets auf ein Konzept einigen. Bei der «Ballade vom kleinen Mann» ist es die unkonventionelle Bühne – eine mitten im Raum mit einem Publikum, das die Szenerie umringt, und Schauspielern, die abwechslungsweise Handelnde, Zuschauende und Kommentierende sind.

«Die Ballade vom kleinen Mann»: Premiere, Freitag, 29. März,19.30 Uhr, kath. Pfarreizentrum St. Georg, Kirchstrasse 2, Küsnacht. Weitere Vorstellungen: Sonntag, 31. März, 17 Uhr, und vom 4. bis 12. April. Reservationen unter www.kulisse.ch, in der Buchhandlung Wolf oder unter 044 910 37 47. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 14.03.2019, 17:24 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!