Stäfa

Ein Duell mit Ansage

Arthur Schnitzlers Schauspiel «Freiwild»entstand vor über 100 Jahren. Wie aktuell das Thema gerade heute ist, hat das Statttheater-Ensemble an seiner aussergewöhnlichen Premiere gezeigt.

Die naive Anna trägt das Schleierhütchen zur Schau.

Die naive Anna trägt das Schleierhütchen zur Schau. Bild: Michael Trost

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Aussergewöhnlich ist das Stück darum, weil die Schauspielerinnen und Schauspieler nicht nur eine Rolle verkörpern. Der Regisseur des Statttheaters, Michael Schwyter, hat sich da eine künstlerische Freiheit erlaubt. Er lässt sein zehnköpfiges Ensemble die von Arthur Schnitzler vorgesehenen Rollen immer wieder von verschiedenen Darstellern spielen. Dies gelingt durch den schnellen Kostümwechsel, wobei es eigentlich nur um das Aufsetzen eines anderen Kopfschmucks geht.

In «Freiwild» steht denn auch eine Schauspielergruppe, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in einem Volkstheater in der Nähe von Wien auftritt, im Mittelpunkt des Geschehens. «Und weil Schauspieler eben schauspielern, lasse ich sie es im doppelten Sinn tun», wie der Regisseur nach der Premiere am Mittwochabend erklären wird.

Chantal wird zu Paul

Wer also das romantische Schleierhütchen zur Schau trägt, ist die naive Anna, die von Paul umgarnt wird. Seine Requisite ist die Baskenmütze, mit der Chantal Hüni flugs zum Paul wird. Ihre Wandlungsfähigkeit ist frappant und so ist sie mit ihrem burschikosen Auftreten und der rauen Stimme schliesslich diejenige, die den verliebten Paul am besten spielt. Der steife Offiziershut ziert das Haupt des Oberleutnants Karinski, ein streitsüchtiger Haudegen, der glaubt, ihm sei auch in Friedenszeiten mehr erlaubt als den andern. Am häufigsten trägt ihn Ronald Kling, weil er den Militaristen mit dem Aufschlagen des Stiefelabsatzes wohl am treffendsten mimt. Karinski sitzt oft im Publikum des Volkstheaters, dessen Fassade zugleich das Bühnenbild ist.

«Weil Schauspieler eben schauspielern, lasse ich sie es im doppelten Sinn tun.»Michael Schwyter, Regiesseur

Nach einer Fotografie des legendären Wiener Theaters von anno dazumal hat es der Stäfner Künstler Mike Cadurisch gemalt. Eine Anzahl Schaufensterpuppen in den Kostümen der Darstellenden mitsamt Hüten belebt zusätzlich die Bühne. Ganz Glücklich ist der Regisseur über den Umstand, dass er für die Inszenierung eines österreichischen Stücks gleich vier gebürtige Österreicher verpflichten konnte. Das ist ein grosses Plus der Aufführung, weil auch die Stäfner Mimen sich um den gemütlichen österreichischen Akzent bemühen, und dies mit Erfolg.

Überhaupt setzt sich das aktuelle Ensemble aus neuen Gesichtern zusammen. Dazu gehört die reformierte Pfarrerin Diana Trinkner. Ihr Debüt im Statttheater ist erstaunlich: Mit ihren ausdrucksstarken Augen, den sicheren Bewegungen und der klaren Stimme steckt viel Potential in ihr. Ebenso in Alexandra Gerlof, Nadine Richei und Harry Voigt, die alle drei zum ersten Mal auf der Stäfner Bühne stehen und in ihren wechselnden Rollen überzeugen. Zumal eine Rolle stets so dargestellt werden muss, wie sie der Vorgänger interpretiert hat, was wohl die grösste Herausforderung fürs aktuelle Ensemble ist.

Und nun zum Stück: Oberleutnant Karinski macht Anna wiederholt den Hof, doch sie weist seine Avancen zurück, was wiederum Paul zufriedenstellt. Karinski ist blamiert und so richtet sich sein Zorn gegen seinen Nebenbuhler. In seiner verletzten Eitelkeit provoziert er Paul so lange, bis dieser ihn in aller Öffentlichkeit ohrfeigt. Die folgende Duellforderung Karinskis lehnt er aber ab. Ihm ist sein Leben lieb und teuer und er will sich nicht schlagen «mit einem Lumpen», obwohl seine Freunde es verlangen, weil er sonst kein Gentleman ist. Doch Paul begehrt gegen den seinerzeit geltenden Duellcodex auf und wird so zum Freiwild.

Dramatisches Akkordeonspiel

Anna fühlt sich ebenfalls als Freiwild: Der Theaterdirektor kündigt ihr, ausser, sie kommt seiner schleimigen Aufforderung nach, zu ihm ins Büro zu kommen. «Hashdag Me too» posaunen da gleich alle Spielerinnen als Sprechchor und spielen damit die aktuellen sexuellen Übergriffe vor allem in der amerikanischen Filmbranche an. Diese künstlerische Realität eingebaut hat Michael Schwyter, der auch den Schluss nicht von Arthur Schnitzler übernehmen mag. Es ist schliesslich nicht Paul, der fällt. Die bangen Minuten vor dem Knall untermalt Schwyter mit seinem dramatischen Akkordeonspiel, als wärs ein Krimi. Seine sonst sanfte Musik auf dem eigens für ihn und sein Statttheater von der Schwyzer Orgelbaufirma Gwerder gebauten Digitalakkordeon hat die Szenen immerfort mit einem ¾-Takt umrahmt und ihnen zu ihrem «Wiener Schmäh» verholfen.

Weitere Aufführungen im Statttheater, Bahnhofstr. 52 in Stäfa, jeweils um 20 Uhr: 17., 20., 24., 26., 27. und 31. Januar und 2. und 3. Februar. Reservationen 077 423 52 40, www.statttheater-staefa.ch. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 12.01.2018, 14:59 Uhr

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