Die Zeitung als Kind der Lesegesellschaft

In den 200 Jahren ihres Bestehens hat die Lesegesellschaft Stäfa sich auch als Zeitungsverlegerin verdient gemacht. Das von ihr gegründete «Wochenblatt vom Zürichsee» erfüllte das Bedürfnis nach Nachrichten aus der Region. Daraus ging die ZSZ hervor.

1931: Im Maschinensaal der Stäfner «Buechdrucki» wird die ZSZ auf einer Zeitungs-Rotation (im Hintergrund) gedruckt.

1931: Im Maschinensaal der Stäfner «Buechdrucki» wird die ZSZ auf einer Zeitungs-Rotation (im Hintergrund) gedruckt. Bild: Archiv Zürichsee-Zeitung

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Demokratie braucht Information. Diese lieferte die Lesegesellschaft Stäfa seit ihrer Gründung 1819, indem sie Zeitungen aus der Stadt Zürich und teilweise sogar aus dem Ausland abonnierte. Doch der Informationsfluss ging zu langsam für ein Mitreden und Mitbestimmen. Noch 1830 wurden die Verhandlungen des Grossen Rats (heutiger Kantonsrat) der Lesegesellschaft erst ein paar Wochen später gemeldet.

Unzufriedenheit kam auch auf, weil alle lokalen Anzeigen nur über den sonntäglichen Kirchenruf verbreitet wurden. Deshalb regte die Versammlung der Lesegesellschaft vom 9. Juni 1844 an, ein öffentliches Anzeigeblatt herauszugeben und zwar mit Nachrichten für das ganze rechte Seeufer. Schon Anfangs 1845 war das Wochenblatt vom Zürichsee geboren, wie es in einer Festschrift zum 125-Jahr-Jubliäum der Lesegesellschaft Stäfa im Jahr 1944 heisst.

Organ für die Gemeinden

Gedruckt wurde das Wochenblatt vom Stäfner Johann Jakob Keller. In der ersten Nummer des Wochenblattes vom 4. Januar 1845 erklärt er zur Einführung: «Das Wochenblatt erscheint wöchentlich einmal jeden Samstag in Stäfa. Wie der 1842 gegründete ‹Anzeiger vom Zürichsee› in Wädenswil hat es sich die Aufgabe gestellt, nach und nach den Kirchenruf zu verdrängen, namentlich am rechten Ufer des Sees und in denjenigen Gemeinden, mit denen Stäfa im täglichen Postverkehr steht.»

Der Inhalt der vierseitigen, kleinformatigen Zeitung war zunächst spärlich. Die in den Kirchen von Stäfa und Meilen verkündeten Ehen, Taufen und Sterbefälle wurden regelmässig im Wochenblatt gedruckt wiedergegeben. Dazu kamen nach und nach «nützlich Unterhaltendes und Erzählung des Interessantesten aus der Tagesgeschichte». Bereits in der vierten Ausgabe gab der Gemeinderat Stäfa bekannt, dass er statt wie bis anhin den «Anzeiger vom Zürichsee» von nun an des «Wochenblatt» als Organ für die öffentlichen Bekanntmachungen anerkannt habe. Diesem Vorbild folgten weitere rechtsufrige Gemeinden, so 1852 Meilen und Küsnacht.

Von Gull zu Gut

Nach mehreren Wechseln in der Redaktionsverantwortung übernahm 1858 Rudolf Gull von Altstetten das Ruder. Nun erschien die Zeitung zweimal wöchentlich und das beschleunigte das Wachstum. Das Blatt zählte 2600 Abonnenten, was damals der Hälfte jener der NZZ entsprach. Gull meldete nicht nur Ereignisse aus den Seegemeinden, sondern informierte auch über Europa.

Die Seehofdruckerei von Emil Gull in Stäfa 1894.

Welche lokale Themen in die Zeitung fanden, zählt Historiker Peter Ziegler in seinem Buch «Die Geschichte der Zürichsee-Zeitung» (Stäfa, 2010): Feuersbrünste und Brandstiftung, Unglücksfälle wie den Untergang eines Fischerbootes, Würdigungen Verstorbener, Frostschäden und Hagelwetter, Bemühung der Gemeinnützigen Gesellschaft zur Abschaffung der Strassenbettels, die Rechnung der Sparkasse.

1887 endet die Geburtshilfe der Lesegesellschaft. Emil Gull, der bereits früh in die Fussstapfen des Vaters trat, kaufte die Verlagsrechte. Der begabte Journalist und Unternehmer baute seine Zeitung auf drei Ausgaben pro Woche aus und vergrösserte das Format. Zwanzig Jahre später änderte er den Namen in «Zürichsee-Zeitung» und wagte 1914 den Schritt zur Tageszeitung.

Schon ein Jahr zuvor beriefen Emil Gull und sein für die neue Druckerei in Stäfa verantwortlicher Bruder Albert einen Studenten aus Männedorf, der sich als Ortskorrespondent verdient gemacht hatte, in die Redaktion. Das war Theodor Gut. Mit dem Historiker und nachmaligen Nationalrat begann 1920, als er Emil Gull als Chefredaktor ablöste und 1933 auch die Aktienmehrheit der Druckerei und Zeitung übernahm, die Ära Gut in der «ZSZ».

Damals war der digitale Wandel in der Medienbranche noch weit entfernt: Rundstereotypie für Zeitungsplatten (1931). Der Blick in die Maschinensetzerei (1931).

Sie endete in dritter Generation 2010 mit dem Verkauf an die Tamedia AG. Den Grundsätzen der Geburtshelferin Lesegesellschaft Stäfa – im liberalen Geist über die Geschehnisse in den Gemeinden am Zürichsee zu berichten und als Forumszeitung offen für alle demokratischen Meinungen sein – ist sie bis heute treu geblieben.

Erstellt: 29.07.2019, 16:35 Uhr

Lesegesellschaft Stäfa

200 Jahre Bildung und Kultur

Die Lesegesellschaft Stäfa feiert dieses Jahr ihren 200. Geburtstag als Verein. Sie hat mit ihrem gesellschaftlichen und kulturellen Wirken wesentlich die politische Entwicklung der Region und des Kantons Zürich beeinflusst. Diese Zeitung begleitet das Jubiläum mit einer Artikelserie. Bisher erschienen: «Erst mit Lesen beginnt die Demokratie» (Ausgabe vom 2. März), «Nur 6 von 144 haben überlebt» (25. April), «Der älteste Pfeiler der Lesegesellschaft» (21. Mai), «Wie die Lesegesellschaft wieder zu Kräften kam» (11. Juni). (red)

Artikel zum Thema

Wie die Lesegesellschaftwieder zu Kräften kam

Stäfa Nach den revolutionären Anfängen verlor die Lesegesellschaft an Bedeutung. Ab den 60er-Jahren erhielt sie neuen Schwung. Mehr...

Eine Klangwolke über dem Spittel

Stäfa Die Lesegesellschaft hat ihr 200-Jahre-Jubiläum mit einem Bläser-Openair-Konzert im Quartier Spittel gefeiert. Danach folgte eine Tavolata im Rössli und einige launige Reden. Mehr...

Der älteste Pfeiler der Lesegesellschaft

Stäfa 200 Jahre alt ist die Lesegesellschaft Stäfa. Das ist nichts im Vergleich mit einem Gebäude an der Dorfstrasse. Vor 75 Jahren fanden die beiden Institutionen zusammen. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles