Uetikon

Mit einem gewaltigen Rohr wird Seewasser zum Heizen gewonnen

Ein Energieunternehmen hat in Uetikon zwei mehrere Hundert Meter lange Leitungen auf dem Seegrund verlegt. Dank ihnen soll künftig mit Seewasser Wärme gewonnen werden.

Mit einem gewaltigen Rohr wird Wärme aus dem Zürichsee gewonnen.

Mit einem gewaltigen Rohr wird Wärme aus dem Zürichsee gewonnen. Bild: Manuela Matt

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Manch einer reibt sich die Augen und fragt sich, was da in Uetikon vor dem Hafen neben dem Fabrikareal gebaut wird: Eine gut 300 Meter lange und 50 Zentimeter dicke Leitung, bestehend aus schwarzen Elementen, schwimmt auf der Wasseroberfläche. Mit Hilfe zweier Pontons bringen Arbeiter sie in die richtige Position. Vom Hafen Uetikon aus verläuft das Rohr vom Ufer weg. Es ist wohl eines der längsten Objekte, das je auf dem Zürichsee geschwommen ist.

Mit der Leitung soll dem See künftig Wasser entnommen werden, um damit alle gemeindeeigenen Liegenschaften sowie neue Quartiere am See zu heizen und zu kühlen. Dereinst soll auch die Kantonsschule angeschlossen werden, die 2028 vom Provisorium im Dorfkern auf das Gelände der ehemaligen Chemie Uetikon zieht.

Mit Betonelement bestückt

«Liegt die Konstruktion an der richtigen Stelle, wird sie abgesenkt und kommt auf dem Seegrund zu liegen», sagt Daniel Wernli, der das Projekt für die AEW Energie AG mit Sitz im Kanton Aargau leitet. Damit die Leitung auch wirklich absinkt, ist sie mit schweren Betonelementen bestückt. «Im Vorfeld haben wir mit Hilfe eines Echolots die Topografie des Sees analysiert.» Wernli weiss daher: «Die Leitung wird auf Schlick zu liegen kommen.» Genauer genommen wird sie im Schlick einsinken, denn der Seegrund vor Uetikon ist äusserst weich. Mit der Leitung wird dereinst in einer Tiefe von 30 Metern Wasser aus dem See entnommen. Eine zweite Leitung gibt das Wasser zurück – dies in 20 Metern Tiefe. Sie werden Teil sein des 2014 erstellten Wärmeverbunds zwischen dem Uetiker Fabrikareal und Liegenschaften im Dorf wie dem Gemeindehaus und dem Pflegezentrum Haus Wäckerling.

Derzeit wird am See eine Fernwärmezerntrale für das Fabrikareal gebaut. Foto: Manuela Matt

Der Bauherr, die AEW Energie AG, hat mit den Wärmekunden einen Vertrag geschlossen. Mindestens 80 Prozent der Heizenergie soll mit erneuerbar erzeugter Wärme gedeckt werden. Die restlichen maximal 20 Prozent kommen aus einer Ölheizung. Bis 2017 wurde die Abwärme aus dem Produktionsprozess der Zeochem AG genutzt. Weil diese nicht mehr zur Verfügung steht, werden die angeschlossenen Gebäude derzeit mit fossilen Brennstoffen beheizt. «Wenn mit dem Bau der neuen Anlagenteile alles rund läuft, sollte ab kommenden Frühling Seewasser die Wärme liefern», sagt Wernli. Rund 4,5 Millionen Franken kosten die Anpassungen am Wärmeverbund.

Im nächsten Frühling soll auch das neue Pumpenhaus neben dem Hafen Uetikon in Betrieb sein. An seinem Platz befindet sich derzeit noch eine Baugrube.

Unter dem Seespiegel

«Wir mussten die Seitenwände mit Bohrpfählen absichern», erklärt Wernli. «Denn das Haus wird sich teilweise unter dem Seespiegel befinden.» Mit den Pumpen soll dereinst vier Grad kaltes Wasser dem See entnommen und zur bestehenden Wärmezentrale mit den Wärmepumpen oberhalb der Bahnlinie befördert werden. Dort wird dem Wasser Wärme entnommen. Danach fliesst es kühler, nämlich mit einem Grad, wieder in den See zurück.

Das 300 Meter lange Rohr für die Wasserentnahme schwimmt hier vor dem Absenken auf dem See.

Weil direkt vor dem Fabrikareal noch der Seegrund von Altlasten befreit und saniert werden muss, verlaufen die Wasserleitungen in einem grossen Bogen unter der Bahnlinie und der Seestrasse hindurch in Richtung Hafen. Dort kann der Seegrund so belassen werden, wie er ist. Mit einer sogenannten Horizontalspülbohrung wird das Loch für die Leitungen in mehreren Schritten erstellt.

Der Untergrund bestehe an Land grösstenteils aus Sandstein, sagt Bohrmeister Mario Zwartek von der Firma Schenk AG. Für jedes Material hat er einen passenden Bohrkopf bereitliegen. Als der Bohrer sich dem See näherte, musste sich der Kopf plötzlich nicht mehr durch harten Sandstein sondern durch weichen Schlick arbeiten. «Das merke ich sofort, wenn das Material weicher wird.» Grosse Mühe bereite ihm Sandstein nicht, sagt Zwartek. «Granit ist da viel schlimmer, der ist richtig hart.» Auch loses Erdreich könne zu schaffen machen, weil dann die Bohrung in sich zusammenfalle.

In Feldbach zusammengesetzt

Die Leitung schwimmt immer noch vor dem Hafen. Der Wind hat sie etwas abgetrieben. Die Männer auf den Pontons werden sie nochmals richten müssen, bevor sie sie absenken. Um sie zusammenzusetzen, brauchten sie viel Platz. Diesen hatten sie auf einer grossen Wiese mit Seeanstoss in Feldbach. Dort wurden die Elemente aus Polyethylen im sogenannten Stumpfschweissverfahren verbunden, wie Wernli erklärt. Dabei werden die Enden erhitzt, bis sie flüssig werden und unter Druck miteinander verschmelzen.

Mit Hilfe von Motorbooten wurde die Konstruktion später in den See und nach Uetikon gezogen. Dort sind es die letzten Stunden, während denen die Leitung für eine lange Zeit zu sehen sein wird. Denn, wenn alle Verbindungen überprüft worden sind, wird sie mit Wasser geflutet. Sie sinkt ab auf den Seegrund – wo sie für viele Jahre liegen bleibt.

Erstellt: 29.11.2019, 19:01 Uhr

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