Küsnacht

Die Verzweiflung der Studenten

In «Lieblingsmenschen» porträtiert die Bühnenautorin Laura de Weck verzweifelnde Studierende. Die Darstellenden der Jungen Kulisse Küsnacht studieren ebenfalls und sind somit die ideale Besetzung für das Stück.

Die fünf Darsteller der Jungen Kulisse Küsnacht agieren auf schwarzer Bühne mit übergrossen farbigen Kissen.

Die fünf Darsteller der Jungen Kulisse Küsnacht agieren auf schwarzer Bühne mit übergrossen farbigen Kissen. Bild: Michael Trost

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Auf 66 Seiten beschreibt Laura de Weck sechs junge Menschen und ihre Lebenspläne. Identitätssuche, Erfolg und Scheitern im Studium, Glück und Pech in der Liebe – das volle Leben. Doch das 2007 im Diogenes-Verlag erschienene Werk verlangt geradezu nach einer theatralischen Umsetzung, denn was als Text oder vielmehr als Dialoge ohne jegliche Beschreibung von Emotionen daherkommt, will erlebt sein. Vor zehn Jahren fand denn auch die Uraufführung in Basel statt.

Nun hat die erst 2014 gegründete Junge Kulisse, die sich derzeit aus Studierenden zusammensetzt, das Stück für ihre vierte Inszenierung ausgewählt. In­struiert und begleitet hat das fünfköpfige Ensemble die Regisseurin Renate Muggli. In der Probenarbeit von drei Monaten haben Muggli und das Ensemble – nur anhand von blossen Sätzen – die dahinter stehenden Menschen geschaffen.

Gespielt wird auf einer schwarzen Bühne, auf der einzig übergrosse Kissen in allen Farben Akzente setzen (Bühnenbild Peter Hauser): Sie dienen den Studierenden mal als Sack, in dem sie ihren Ballast mit sich herumschleppen, mal als Sitzgelegenheit, Bett und Tisch. Als unterstützendes Element hat die Regisseurin den jungen Gitarristen Alex Gil engagiert, der mit seinem Improvisationsspiel Stimmungen untermalt, Emotionen nachklingen lässt, aber auch die von den Darstellern selber vollzogenen Szenenwechsel akustisch begleitet.

Laufpass per SMS

Nadine Bitterli (24) ist Jule, Ailin Nolmans (21) spielt Lili, Paige Hicks (26) ist erst vor zwei Wochen eingesprungen und verkörpert Anna, Felix Helmrich (23) hat die Rolle von Darius und Florian Feuchter (23) diejenige von Sven inne. Die Aufführung vom Sonntag, die keiner linearen Handlung folgt und aus bildhaften Episoden im Dasein der Protagonisten besteht, war stark. Die Schauspielerinnen und Schauspieler gehen in ihrer Rolle auf und steigern sich mit jeder Szene.

Die Studierenden wollen es eigentlich nicht schlecht haben miteinander, doch sie sind derart in ihren eigenen Problemen verstrickt, dass sie sich aus dieser Not aggressiv und verletzend verhalten. Was bei Philipp, von dem oft die Rede ist, der aber nie auftritt, fatal endet. Anna gibt ihm nach sechs Jahren Beziehung und eine Woche vor den Prüfungen den Laufpass, per SMS natürlich.

Jule, die nicht mehr mit Darius zusammen ist und darum Anna um ihre Beziehung beneidet hat, wird von dieser abserviert: «Ich hab doch nur mit meinem Freund Schluss gemacht, das macht ihr doch die ganze Zeit.» So wird das Stück immer trauriger, je mehr die Fassade der Studierenden Risse abkriegt und je tiefer sie in ihre Abgründe blicken lassen. Darius, der gerade durch sein Jura-Examen gerasselt ist und sich volllaufen lässt, kann die Komplimente der ihn tröstenden Lili nicht annehmen. Auch dieser Dialog tut weh und kann nur schief enden.

Aktuelle Jugendsprache

Hier ist anzumerken, dass Laura de Weck, die «Lieblingsmenschen» im Alter von 26 geschrieben hat, weder mit spassigen Disputen noch mit Situationskomik geizt. Zudem bedient sie sich der mit kurzen und abgehackten Sätzen typischen und heute noch aktuellen Jugendsprache, die für amüsante Szenen sorgt. Wobei der Witz im Verlauf des Stücks immer bitterer wird.

Grosse Komik liefern Jule, Lili und Anna, die sich darüber streiten, wie der Plural von «Penis» wohl heisst. Da wird erfolglos aus dem Latein und Griechisch geschöpft, bis Anna genervt verlauten lässt, dass sie «noch nie zwei Penisse auf ein Mal gesehen» hat und damit auch den richtigen Plural weiss. Es ist Anna, die den grössten Wandel durchmacht von der unscheinbaren Braven bis hin zur selbstbewussten Frau, die den langweiligen Philipp verlässt, um in den Armen des Frauenverführers Sven zu landen. Die Darstellerin Paige Hicks, die mit Ailin Nolmans als Einzige des Ensembles eine Schauspielausbildung absolviert, vermag diesen Wandel vortrefflich zu demonstrieren.

Und Ailin Nolmans kullern Tränen über die Wangen, als sie ins Publikum starrend gesteht, dass sie Jule den Darius ausgespannt und ihr damit wehgetan hat. Hier setzt Alex Gils melancholisches Spiel ein.

Nächste Aufführung am Dienstag, 28. November, sowie Donnerstag und Freitag, 30. November und 1. Dezember, 19.30 Uhr. Aula Schule Heslibach, Mittelfeldstr. 8 in Küsnacht. Reservation: jungekulisse@gmail.com. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 27.11.2017, 16:47 Uhr

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