Männedorf

Die Türöffnerin zur chinesischen Geschäftswelt

Min Wang unterstützt Studenten und Berufsleute, die sich für den Markt China interessieren. Die Männedörflerin hat sich damit einen lang gehegten Wunsch erfüllt.

Min Wang vermittelt Studenten Praktika in Shanghai.

Min Wang vermittelt Studenten Praktika in Shanghai. Bild: Manuela Matt

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das kann nicht stimmen, denkt Min Wang. Damals, als sie vor gut 20 Jahren in einem Zürcher Taxi sitzt. Und als dieses anhält, als sei das Ziel erreicht. «Sind Sie sicher?» fragt sie den Chauffeur. Er ist es. Die kopfsteingepflasterten Strassen und schmucken Häuser gehören tatsächlich zum Zentrum der Limmatstadt. Oder: zur Stadt, die Wang mit der Schweizer Finanzmetropole assoziiert. Die aber stellt sie sich ganz anders vor, mit Wolkenkratzern wie in Toronto. Von dort ist sie eben angereist; unweit davon hat sie zuvor gelebt und studiert. Und doch, das Taxi hält richtig vor dem Backpacker-Hotel, wo sie logiert, bis sie ihre eigene Wohnung hat.

Heute lacht Wang über die Episode. «Im Niederdorf anzukommen, war ein Schock.» Angekommen ist sie dort, weil ihr Arbeitgeber – die Grossbank Credit Suisse – sie von Toronto nach Zürich geschickt hat. Schnell indes lebt sie sich ein, lernt die Schweiz kennen, macht Karriere. Und doch: der Schock von damals löst etwas aus. So, dass sie nun, Jahre später, in Männedorf ihr einstiges Ziel verwirklicht sieht.

Abstieg in Kanada

«Ein eigenes Geschäft», war dieses Ziel. Und dass dieses Geschäft etwas mit China zu tun hat. Dort, in der Industriestadt Wuhan, wird sie 1976 geboren. 1990 wandert ihre Familie nach Kanada aus. Die chinesische Kultur und Mentalität bleiben Wang gleichwohl: Dank den Tugenden «Fleiss und Wille, etwas zu erreichen» nimmt ihr Leben in Kanada eine erfolgreiche Wendung. Dies, nachdem sich der von den Eltern erhoffte «American Dream» eher als Alptraum entpuppt.

«Kanada brachte uns den sozialen Abstieg.»Min Wang

«Kanada brachte uns den sozialen Abstieg», erklärt sie. Die Eltern erhalten nur schlecht bezahlte Jobs. Wang legt sich ins Zeug und lernt in drei Monaten Englisch. Schickt sich ins neue Schulsystem, das ihr keine Mühe bereitet – «man ist als Schüler viel freier als in China» – , studiert internationales Business.

Fleiss und Erfolgswille werden ihr zum Credo. Auch nach ihrem Umzug in die Schweiz. Und als sich ihre Geschäftsidee konkretisiert: «Die Schweiz mit China zu verbinden.» Denn, so wie sie damals im Niederdorf und überhaupt im Westen einen Kulturschock erlitten habe, so beobachte sie es umgekehrt bei Schweizer Chinareisenden. Nur schon angesichts der Menschenmassen, mit der eine Stadt wie Shanghai aufwarte. Gut 24 Millionen Einwohner zählt diese – fast dreimal so viel wie die Schweiz.

Mit Uni und ETH

Im Fokus von Wangs Angebot stehen mögliche künftige Geschäftspartner chinesischer Firmen. «Route to China» heisst sinnigerweise ihr nun dreijähriges Kleinunternehmen. Studenten – vorab aus dem IT-, Finanz- oder Architekturbereich – vermittelt sie Praktika in Shanghai. «Drei Wochen arbeiten sie in Gruppen an einem Projekt für einen Kunden», erläutert die 42-Jährige. Eine Herausforderung stelle für die jungen Leute dar, dass sie dabei weitgehend selbstständig tätig seien.

Nur talentierteste Hochschüler kämen darum infrage. «Die Auswahl trifft die Schule», sagt Wang, die mit der Universität Zürich, der ETH und Fachhochschulen zusammenarbeitet. Sie in ihrem Büro in Männedorf und die fünf Mitarbeiter vor Ort würden das Organisatorische erledigen. Auch an Berufsleute, die sich im Reich der Mitte verwirklichen wollen, richte sie sich. «Als Türöffnerin zu potenziellen Geschäftspartnern.»

Offenheit ist wichtig

Nur, um das Image Chinas steht es derzeit nicht zum Besten. Die Kritik an der Umwelt- und Menschenrechtssituation oder am geopolitischen Expansionsgebaren der Regierung hört Wang öfter. «Es ist im Moment nicht einfach», sagt sie, «und noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.»

«Es ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.»Min Wang

Sie könne die Ängste und Bedenken nachvollziehen: «China ist nicht perfekt.» Jedoch, sie wird nicht müde, den Austausch mit dem Land als Chance für alle darzulegen. Chinas Rolle ändere sich nun mal. «Statt sich abzuschotten, ist es besser, das Land kennenzulernen, um an dessen Entwicklung teilzuhaben», meint sie.

So verschieden die beiden Welten sind, so schwierig stellt man sich das richtige Verhalten im chinesischen Arbeitsalltag vor. Aber, es brauche nur etwas, sagt Wang: Offenheit. Mit laut geäusserter Kritik an der Regierung vertrage sich das weniger. Ansonsten profitiere man als Ausländer vom Sympathiebonus, noch dazu im international geprägten Shanghai. «Ein Fehler wird schnell verziehen», sagt sie. Und: Unkompliziertheit schade nicht – könne man doch hin und wieder Frösche oder Schlangen zu essen bekommen.

www.route2china.ch (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 18.02.2019, 15:29 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!