Herrliberg

Die Schweiz und Migration: Von Gothen, Pasta und Genen

Der Herrliberger Historiker Hans Spuhler referierte beim Seniorentreff über die Migrationsgeschichte der Schweiz. Dabei erklärte er, wieso Völkerwanderungen das «normalste» der Welt seien.

Historiker Hans Spuhler beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Migrationsgeschichte.

Historiker Hans Spuhler beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Migrationsgeschichte. Bild: Sabine Rock

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«Der heutige Vortrag hat eine Geschichte». So begann der Herrliberger Historiker Hans Spuhler sein Referat über die Migrationsgeschichte der Schweiz. Vor 30 Jahren habe Herrliberg erstmals Asylsuchende aufgenommen – zu diesem Zweck sollte es eine Informationsveranstaltung geben. «Die damalige Gemeinderätin Luis Isler hatte mich angefragt, ob ich einen Vortrag zur Migrationsgeschichte halten könnte, um etwas Kontextwissen zu liefern», sagt Spuhler. Am Mittwoch stand der unterdessen 73-jährige erneut vor einem Publikum, um über Völkerwanderungen zu sprechen.

Gleich zu Beginn des von rund 60 Seniorinnen und Senioren besuchten Referats stellte Spuhler fest: «In meinem Vortrag geht es nicht um Migrationspolitik, sondern um Migrationsgeschichte». Beginnend bei den ersten bekannten Völkerwanderungen, wie die der Westgoten nach Rom, zeigte Spuhler so die verschiedenen Epochen der Migration auf. Dabei sei zwischen verschiedenen Hintergründen der Migration zu unterscheiden. «Es gibt immer sogenannte Pull- und Pushfaktoren», sagte Spuhler. Pullkräfte würden Leute anziehen, also etwa durch bessere Lebenschancen. Pushkräfte hingegen würden abstossend wirken, wie wenn es im Herkunftsland beispielsweise nicht genug Arbeit gibt.

Pasta als Folge der Migration

Das Ziel dieses Vortrags sei, aufzuzeigen, dass Migration «das normalste der Weltgeschichte» sei, erklärte Spuhler. Häufig würden die Begriffe «Völkerwanderung» und «Migration» mit negativen Konzepten assoziiert. Dabei: «Es ist bereits zwischen den Römern und den Gothen zu einem friedlichen Kulturaustausch gekommen.» Völkerwanderungen hätten also durchaus positive Seiten. «Wanderungsbewegungen sind normale Vorgänge, die im Allgemeinen mit positiven Auswirkungen auf das Land der Einwanderung zu beurteilen sind», sagte Spuhler. «In der Migration übernimmt man immer das Beste – so hat die Schweiz zum Beispiel die italienische Pasta eingeführt.»

Gerade die Schweiz sei von der Migration geprägt. Erst seien verschiedene Völker wie die Kelten, die Helvetier, die Römer und die Alemannen in das Gebiet der heutigen Schweiz eingewandert. «Somit sind wir eine genetische Mischbevölkerung», erklärte Spuhler. Man könne sich dies als Schichtung vorstellen. Im 19. Jahrhundert seien dann viele aus der Schweiz ausgewandert, vor allem Männer auf der Suche nach Arbeit. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Schweiz wieder zu einem Ziel für Migrierende. «Wir sind ein Volk von Migranten», schlussfolgerte Spuhler. Und: Die Sesshaftigkeit sei kein naturgegebener Zustand – «niemand war schon immer da und niemand bleibt ewig hier», sagte Spuhler mit Hinweis auf die Ausstellung «Keine Schweiz ohne Migration» im Landesmuseum.

«Aktueller denn je»

Anschliessend an den rund einstündigen Vortrag gab es durchwegs positive Rückmeldungen der Herrliberger Seniorinnen und Senioren. «Das erinnerte mich in schöner Weise an den Geschichtsunterricht in der Schule», sagte ein Anwesender. Elsa Bobay, die Spuhler als Redner für den Seniorentreff Herrliberg engagiert hatte, zeigte sich mit dem gut besuchten Referat zufrieden. Zur Themenwahl erklärte sie: «Ich fand den Vortrag vor 30 Jahren faszinierend – und heute ist das Thema aktueller denn je.»

Ein bisschen angepasst habe er den Vortrag schon, sagte Spuhler. Heute stünden dank der Archäogenetik, bei der Gene genau untersucht werden können, Möglichkeiten offen, die es dazumal noch nicht gegeben hätte. Wenn es also doch Mal um Migrationspolitik gehen sollte, befände man sich damit auf «sicherem wissenschaftlichen Boden».

Erstellt: 24.01.2020, 11:42 Uhr

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