Schule

Die Schule um 1800 war besser als ihr Ruf

Wie stand es um die Bildung vor der Volksschulpflicht? Dieser Frage geht der Erziehungswissenschaftler Michael Ruloff in seiner Dissertation nach. Die Ergebnisse überraschen – vor allem in Bezug auf die Gemeinden am Zürichsee.

Vor über 200 Jahren gingen hier in Stäfa schon Mädchen zur Schule – das fand Michael Ruloff beim Recherchieren für seine Doktorarbeit heraus.

Vor über 200 Jahren gingen hier in Stäfa schon Mädchen zur Schule – das fand Michael Ruloff beim Recherchieren für seine Doktorarbeit heraus. Bild: David Baer

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Eine Schulstunde in Stäfa, spätes 18. Jahrhundert, vor Einführung der allgemeinen Schulpflicht: Die Buben lernen Gebete und Psalmen auswendig. Rechnen und Schreiben? Nur am Rand. Allzu viel Zeit verbringen die Schüler sowieso nicht im Unterricht, denn im Sommer werden sie auf dem Feld und in den Weinbergen gebraucht. Und die Mädchen schickt man gar nicht erst zur Schule. Die sollen zuhause der Mutter zur Hand gehen, kochen, nähen und sich um die jüngeren Geschwister kümmern.

So oder ähnlich stellen sich wohl die meisten Menschen hierzulande das frühe Bildungssystem in den Dörfern vor. Zu Unrecht, wie der 35-jährige Pädagogikdozent Michael Ruloff herausgefunden hat. Dass die Schule um 1800 mit einem schlechten Image behaftet sei, liege nicht zuletzt an der vermeintlich dürren Quellenlage jener Zeit, sagt er. Er aber wollte es genauer wissen und wählte das Thema für seine Doktorarbeit. Das war vor vier Jahren. Zu dem Zeitpunkt hatte er an der Universität Bern an einem gigantischen Transkriptionsprojekt mitgearbeitet. Und dabei eine Ahnung bekommen, dass die Bildung in der Schweiz während der Helvetik – von 1798 bis 1803 – wertvoller war als angenommen.

Umfrage als Fundgrube

Die sogenannte Stapfer-Enquête von 1799 brachte ihm Licht in die wenig bekannte Zeit. Dahinter verbirgt sich eine Umfrage, die der damalige Bildungsminister, Philipp Albert Stapfer, mit 2400 Lehrern im ganzen Land durchgeführt hatte. «Er wollte sich einen Überblick über die Unterrichtsverhältnisse in der Helvetischen Republik verschaffen», erklärt Ruloff. Von der Datenmenge der erhaltenen Antworten sei der liberale Politiker aber heillos überfordert gewesen.

Umso faszinierter von dem Zeitzeugnis war dagegen Erziehungswissenschaftler Ruloff. Las er doch darin Sätze, die der negativen Meinung über die Bildung um 1800 zuwider liefen. Sätze, wie etwa jener aus der Feder eines Stäfners Lehrers: «Die Schule wird durch das ganze Jahr, im Sommer und Winter gehalten, nur in der Erndte und Weinlese, ist jedesmal 14 Tage Vacant.» Die bisherige Annahme, dass die Kinder auf dem Land im Sommer statt in den Unterricht zur Feldarbeit geschickt worden seien, habe sich als falsch erwiesen, resümiert Ruloff.

Schulen für Mädchen

Dass in Stäfa ganzjährig Schulbetrieb war, reflektiere die damals besondere Stellung des Zürichseeufers. Zwar gehörte es politisch zum ländlichen Gebiet; die gesellschaftlichen Strukturen seien aber städtisch gewesen. Heimindustrie und Handel hatten ihm schon früh zu Wohlstand verholfen. In diesem Kontext habe die Bildung eine wichtige Rolle gespielt: Eine hohe Dichte an Schulhäusern belege dies, wie auch, speziell in Stäfa, die Entstehung von Lesezirkeln.

Ruloff machte bei seiner aufwändigen Recherche, die das Studium von Taufbüchern und Unterlagen in Staats- und Gemeindearchiven einschloss, eine weitere Entdeckung, die er nachgerade als Sensation wertet: «Es stimmt nicht, dass nur Knaben die Schule besuchten.» Wohlgemerkt vor Einführung der allgemeinen Schulpflicht. Das hätten seine Untersuchungen für die ganze Schweiz ergeben – für seine Arbeit befasste er sich mit acht unterschiedlichen Regionen im ganzen Land.

Hohes Bildungsbewusstsein

In Stäfa und Wädenswil habe gar eine separate Mädchenschule existiert. Das entsprechende Stäfner Schulhaus an der Kirchbühlstrasse 28, erbaut 1721, ist das älteste der Gemeinde und steht noch heute. Und auch wer glaube, dass die Mädchen vor allem in Handarbeit unterwiesen worden seien, irre. «Unterrichtet wurden grundsätzlich dieselben Fächer wie bei den Knaben», sagt Ruloff.

Briefe schreiben und Buchhaltung – nebst freilich dem Lernen von Psalmen und Gebeten – habe in der Mädchenschule von Stäfa zum Stoff gehört. Das wiederum sei ein weiterer Beweis für das starke Bildungsbewusstsein in der Region. Die Parallelen zu heute, mit dem künftigen Gymnasium in Uetikon etwa, liegen auf der Hand.

Michael Christian Ruloff: Schule und Gesellschaft um 1800. Der Schulbesuch in der Helvetischen Republik. Verlag Julius Klinkhardt. Ca. 40 Franken. Das Buch ist kostenlos als PDF auf www.pedocs.de verfügbar. www.stapferenquete.ch (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.08.2017, 15:46 Uhr

Die Informationstafel beim alten Schulhaus an der Kirchbühlstrasse 28.

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