Kirchen

Die reformierte Kirche mit allen Sinnen erleben

Für das Reformationsfestival «Aufstehen» am ersten November-Wochenende haben sich sechs Kirchgemeinden zusammengetan. Es soll Kopf, Herz und Hand ansprechen – etwa beim Thesennageln, Tanzen und Milchsuppe essen.

Reformation muss nicht immer kopflastig sein: Eine rauschende Ballnacht feierte im September die Kirche Wädenswil, und ähnlich wird es am 4. November in Stäfa aussehen.

Reformation muss nicht immer kopflastig sein: Eine rauschende Ballnacht feierte im September die Kirche Wädenswil, und ähnlich wird es am 4. November in Stäfa aussehen. Bild: Sabine Rock

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Wenn in einer Kirche sechs Organisten aufs Mal spielen, wenn eine Regierungsrätin und ein Regisseur mit einer Pfarrerin diskutieren, und wenn unter dem Kirchendach eine rauschende Ballnacht stattfindet: dann ist definitiv nicht reformierter Alltag.

Am Reformationsfestival, das vom 3. bis 5. November in sechs Kirchgemeinden am oberen rechten Zürichsee stattfindet, ist all dies geplant.«500 Jahre nach dem Beginn der Reformation fragen wir wieder nach dem Kern und der Vision des christlichen Glaubens», sagt Jacqueline Sonego Mettner, Pfarrerin in Meilen, stellvertretend für ihre Amtskolleginnen und -kollegen in Uetikon, Männedorf, Stäfa, Oetwil und Hombrechtikon. Sonego ist Initiantin des Reformationsfestivals. Eine Antwort scheinen die sechs Kirchgemeinden gefunden zu haben: «Aufstehen». So lautet der Titel des dreitägigen Festivals.

Auftakt in Oetwil

«Das Einstehen für Menschen am Rand, das Aufwachen in einer veränderten Zeit, die Hoffnung der Auferstehung – das alles steckt drin im ‹Aufstehen›», heisst es im Programm. Eben-dieses Programm haben die Veranstalter breit gestreut. Alle Haushalte, also nicht nur die reformierten, in allen sechs Dörfern haben es zugestellt erhalten. Ein bewusster Entscheid, wie Achim Kuhn, Pfarrer in Männedorf und verantwortlich für die Kommunikation zum Festival, sagt: «Wir wollen alle ein- und niemanden ausschliessen.»

Den Auftakt zum Festival – das nicht zufällig aufs Wochenende des Reformationssonntags gelegt wurde – macht am Freitagabend eine «Stern-Stunde» in Oetwil: Soul und Jazz kontrastieren mit Texten von Frauen der Reformationszeit. Das entspricht dem Konzept, dass pro Kirchgemeinde eine grosse Teilveranstaltung organisiert wird. «Oetwil soll als kleinste der sechs nicht untergehen und setzt deshalb den Anfangspunkt», sagt Kuhn.

Premiere an der Orgel

Weiter geht es am Samstag mit einem prominent besetzten Podium in Meilen. Unter anderem diskutiert die Zürcher Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP) mit zum Thema «Aufstehen und Einstehen – wofür?». Der Samstagnachmittag steht im Zeichen von Wort und Klang, mit «markigen Worten aus der Reformationszeit» in Uetikon sowie dem erwähnten Orgelkonzert zu zwölf Händen und zwölf Füssen in Meilen. «Ich wüsste nicht, dass es so etwas im Bezirk schon mal gegeben hat», sagt Kuhn lachend.

Am Samstagabend dann heisst es in Stäfa: «Der erlöste Mensch tanzt.» Wer am Reformationsball eine besonders gute Figur abgeben will, hat sogar die Möglichkeit, im Vorfeld an einem Tanzkurs teilzunehmen. Ernster, oder zumindest theologischer, wird es am Sonntag beim grossen Festgottesdienst in Männedorf. Die Predigt hält die dortige Pfarrerin Marjoline Roth, in der Liturgie wirkt aber je eine Pfarrperson aus den übrigen fünf Gemeinden mit. Und, wie Achim Kuhn hervorhebt, der katholische Stephans-Chor. «So ist auch der Gedanke der Ökumene präsent.»

Marktleben wie anno 1517

Noch vor dem Gottesdienst ertönen Hammerschläge. In Anlehnung an Martin Luther werden neu entwickelte Thesen aus allen sechs Kirchgemeinden angeschlagen. «Was die Leute anspricht, können sie bekräftigen, indem sie bei der entsprechenden These einen Nagel einschlagen», erklärt Kuhn (vgl. Kasten).

Bei der Menüwahl zur Stärkung nach dem Gottesdienst stand die Zürcher Reformation Pate: Am Leueplatz gibt es Kappeler Milchsuppe. Historisch-unterhaltsam wirds auch am Sonntagnachmittag, wenn ein Markt wie anno 1517 betrieben wird. Dieser Anlass ist besonders für Familien und Jugendliche gedacht. Er liege, erklärt Kuhn, von der Vorbereitung her in Hombrechtiker Händen. Man habe sich aber für Männedorf als zentraleren Durchführungsort entschieden. Befragt nach seinem persönlichen Highlight im Programm, sagt der Pfarrer: «Dass alle so engagiert für etwas Gemeinsames am Werk sind.»

Erstellt: 23.10.2017, 17:31 Uhr

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Die «Thesen heute» bilden ein Kernstück des Reformationsfestivals. Sie sind vorgängig in den beteiligten Kirchgemeinden entstanden, aus Fragen wie «Wofür und wogegen soll die Kirche heute einstehen?» und «Worauf können wir bauen und hoffen?».

Die Antworten klingen so und ähnlich: «Zum christlichen Glauben gehören der Zweifel und das Offenhalten der grossen Fragen nach dem Menschen und nach Gott» (Meilen). «Wir Christinnen und Christen leben ein ehrliches Leben ohne Zwänge, dafür mit Freude» (Oetwil). «In unserer Zeit wird häufig behauptet, der christliche Glaube sei eine Privatangelegenheit. Demgegenüber bekennen wir die umfassende Bedeutung Jesu Christi für jeden Einzelnen wie auch für die Gesellschaft» (Stäfa).

Am Sonntag, 5. November, werden die Thesen ab 9 Uhr bei der Reformierten Kirche Männedorf angeschlagen. Eigene Thesen können beigesteuert werden.

Das Reformationsfestival hat eine eigene Website. Dort sind sämtliche Details der im Hauptartikel erwähnten sowie der weiteren Programmteile zu finden. (amo)

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