Wochengespräch

«Die öffentliche Schule braucht uns nicht als Konkurrenz wahrzunehmen»

Die Meilemerin Lisa Cummins leitet die Swiss International School in Männedorf.

Lisa Cummins ist als Schulleiterin für Kinder aus gut 20 Nationen verantwortlich.

Lisa Cummins ist als Schulleiterin für Kinder aus gut 20 Nationen verantwortlich. Bild: Moritz Hager

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Warum sollen Kinder schon ab dem Kindergarten Englisch lernen?

Lisa Cummins:Englisch finden wir an unserer Schule angesichts der Globalisierung wichtig. Es geht bei uns aber nicht nur um die Sprache. Dadurch, dass unsere Lehrpersonen alles Muttersprachler aus verschiedensten Ländern sind, lernen die Schüler auch andere Kulturen kennen, und dies nehmen sie für ihr späteres Leben als Offenheit im Umgang mit Fremdem und Neuem mit.

Englisch ist ohnehin schon allgegenwärtig. Wäre es nicht besser, andere Sprachen intensiv zu fördern – wie etwa das Französische, das auch Landessprache ist?

Wir unterrichten wie die öffentlichen Schulen ab der fünften Klasse Französisch. Es ist also nicht so, dass uns die Landessprachen nicht interessieren. Unsere Erfahrung ist, dass die Kinder durch das intensive Englisch- und Deutschlernen einen leichteren Zugang zu einer weiteren Sprache haben.

Wie muss man sich den Schulalltag an der Swiss International School vorstellen?

Die Kinder lernen nach der sogenannten Immersionsmethode – was so viel heisst wie das Eintauchen in die Fremdsprache. Die eine Hälfte der Unterrichtsstunden findet auf Deutsch, die andere auf Englisch statt, also auch Mathematik, Turnen und die musischen Fächer – und dies konsequent. Die Lehrer sprechen auch in den Pausen immer in ihrer Muttersprache und machen keine Worterklärungen in einer anderen Sprache. So lernen die Kinder ganz natürlich, wie beim Erwerb ihrer Erstsprache.

In ein Umfeld versetzt zu werden, wo man zunächst nichts versteht, ist eine unangenehme Situation – zumindest für Erwachsene. Ist das bei Kindern anders?

Ja, Kinder reagieren darauf gelassen und neugierig. Dass sie am Anfang nichts verstehen, ist für sie zweitrangig. Sie orientieren sich einfach an ihren Kameraden, schauen, was diese machen und wie sie die Dinge benennen.

Wer gehört zu Ihrer Klientel? Sind es die Kinder reicher Expats?

Das meinen eben viele. Tatsächlich ziehen nicht wir die klassischen Expats an – Familien, die circa alle zwei Jahre in ein anderes Land umziehen und wenig am lokalen Geschehen interessiert sind. Diese Familien bevorzugen rein englischsprachige Schulen. Unsere Schüler hingegen stammen zum einen aus Familien, die sich hier niedergelassen haben, ihr Englisch aber behalten wollen. Zum andern sind es Schweizer Eltern oder Eltern einer dritten Muttersprache, die ihre Kinder zu uns schicken. So haben wir Kinder aus rund 20 Nationen bei uns, etwa aus den USA, Schweden, Russland, Australien oder Österreich.

«Kinder reagieren gelassen und neugierig auf eine fremde Sprache.»Lisa Cummins

Nicht alle können es sich leisten, ihre Kinder an einer internationalen Schule unterrichten zu lassen. Müssen diese Eltern befürchten, dass ihre Kinder später im Nachteil sind?

Wir glauben, es ist ein Vorteil, wenn man so früh mit dem Englisch beginnen kann. Aber es ist auch so, dass sich leider nicht alle unsere Schule leisten können. Weil wir keine Unterstützungsgelder von Bund und Kanton erhalten, hat unser Angebot einen gewissen Preis. Allerdings haben wir nicht nur den Nachwuchs reicher Eltern bei uns. Einige Familien sparen sich das Schulgeld von 11 640 Franken pro Semester auch vom Mund ab, fahren zum Beispiel seltener in die Ferien.

Privatschulen sind für Kinder, für welche die öffentlichen Schulen zu schwierig sind – und die vermögende Eltern haben. Das ist zumindest ein gängiges Klischee. Trifft es zu?

Gar nicht. Bei uns ist es wegen der Zweisprachigkeit sogar schwieriger. Besonders, wenn die Kinder erst später von der öffentlichen Schule zu uns wechseln. Ebenso ist das Erreichen des International Baccalaureate neben der Schweizer Matura ein hoch gestecktes Ziel. Die Kinder müssen zwar nicht hochbegabt sein, sollten aber im einsprachigen System keine grösseren Schwierigkeiten haben, um bei uns mithalten zu können.

In Männedorf sind einige grössere Firmen angesiedelt. War das entscheidend für den Standort der Schule?

Neben dem, dass in der Gegend viele Familien wohnen, ja. Mit den internationalen Firmen hier bin ich in Kontakt. Es ist wichtig, dass die Mitarbeiter dieser Firmen wissen, dass es uns gibt.

Das Werben um Kunden wird die Vertreter der öffentlichen Schule weniger freuen. Erhalten Sie da Reaktionen?

Nein. Die öffentliche Schule braucht uns ja auch nicht als Konkurrenz wahrzunehmen – sie hat immer Kundschaft. Es wechseln zwar zum Teil Schüler von der öffentlichen Schule zu uns, aber ich glaube nicht, dass diese deswegen beunruhigt ist.

Sie sind selber zweisprachig aufgewachsen. Wie hat Sie dies geprägt?

Mein ganzes Leben hat seit je mit interkulturellen Erfahrungen zu tun. Mein Vater ist englisch-, meine Mutter deutschsprachig, aufgewachsen bin ich die meiste Zeit hier in der Region. Daneben bin ich viel und gern gereist. Bei meiner Arbeit an der Schweizer Schule in Mexiko als Lehrerin und Schulleiterin einer der Schulen war die Zweisprachigkeit zentral. Und das ist sie heute wieder, nicht nur bei meiner Tätigkeit, sondern auch mit meiner eigenen Familie – mein Mann ist Mexikaner. Dieser Hintergrund hilft mir beim Umgang mit den unterschiedlichsten Menschen. Ich weiss, wie es ist, in einem Land zu sein, dessen Sprache man nicht oder nicht gut kann.

Wodurch hat sich Ihre Arbeit als Schulleiterin in Mexiko von derjenigen hier in Männedorf unterschieden?

Mexiko ist natürlich ganz anders, ein politisch instabiles Land. Der Umgang mit den Behörden ist sehr kompliziert und braucht viel Geduld. In der Kommunikation gilt dort, dass Schwierigkeiten nicht direkt angesprochen werden. Das ist ein markanter Unterschied zur Schweiz, mit dem ich lernen musste, umzugehen. Erfahrungen dieser Art helfen mir jetzt sehr. Allerdings passen wir den Unterricht nicht an kulturelle Besonderheiten an. Der ist für alle gleich. Aber im Gespräch gehe ich je nach Hintergrund der Eltern und Schüler anders auf sie ein.

Wo nehmen Sie die kulturellen Unterschiede besonders wahr?

Etwa beim Thema Sicherheit. In Mexiko zum Beispiel bewacht ständig ein Sicherheitsangestellter die Schule, die Kinder dürfen nicht selbständig nach draussen. Dass dies bei uns anders ist, ist für viele ausländische Eltern erst nicht vorstellbar. Andere wiederum wundern sich, dass wir mit unseren Schülern bei schlechtem Wetter in den Wald gehen – weil in ihrem Land niemand auf diese Idee käme. Mich mit so verschiedenen Welten auseinanderzusetzen, gefällt mir. Schön ist auch, wenn die Kinder die Festtagsrituale aus ihrer Heimat in der Schule vorstellen. Umgekehrt sind die Schweizer Traditionen fester Bestandteil unseres Schuljahres.

Erstellt: 22.01.2017, 16:10 Uhr

Zur Person

Lisa Cummins (45) ist in England als Tochter eines Briten und einer Schweizerin geboren, hauptsächlich aber in Stäfa aufgewachsen. Von 1996 bis 2007 arbeitete sie als Primarlehrerin in der Schweiz und in Mexiko. In Mexiko baute sie auch den dritten Standort der Schweizer Schule auf, wo sie bis 2009 als Schulleiterin wirkte. Von 2010 bis 2015 führte sie die SIS Swiss International School in Tamins (GR) und ab 2015 nun den Standort der Schule in Männedorf. Cummins ist mit einem Mexikaner verheiratet, Mutter zweier Kinder (5 und 2) und lebt in Meilen.
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