Meilen

Die Macht der Erwartungen in Paarbeziehungen

Was Paare stark macht und was Gift ist für ihre Beziehung: Darüber hat am Mittwoch der Psychologe Guy Bodenmann in Meilen referiert. Dies im Rahmen der Winterreihe der Reformierten Kirche.

Auch Blumensträusse spielten im Referat von Guy Bodenmann eine Rolle.

Auch Blumensträusse spielten im Referat von Guy Bodenmann eine Rolle. Bild: Sabine Rock

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Manchmal kann ein Blumenstrauss auch zu einem falschen Zeitpunkt kommen. Und die gut gemeinte Geste wird statt mit Freude mit Verdächtigungen, Vorwürfen, ja gar mit Zynismus quittiert. Dann allerdings hat in einer Paarbeziehung schon längst eine schädliche Macht das Zepter ergriffen.

Nämlich: die Macht negativer Erwartungen. Das hat am Mittwochabend der Paartherapeut Guy Bodenmann in der reformierten Kirche Meilen aufgezeigt. Der Professor für Klinische Psychologie der Universität Zürich referierte darüber, «was Paare stark macht» – aber eben auch über die Kehrseite dieser Medaille. Über all dem stand die Frage, was Erwartungen in einer Partnerschaft bewirken. Denn, «Erwartungen» sind das Thema der aktuellen Winterreihe der Reformierten Kirche. In deren Rahmen hat Bodenmann die zweite von insgesamt sechs Veranstaltungen bestritten.

Ein Teufelskreis

Wenn also ein Blumenstrauss nur noch als heuchlerische Absicht des Schenkenden wahrgenommen wird: Dann wird in der entsprechenden Beziehung offenbar nichts Besseres mehr erwartet. Das Paar befinde sich dann im Modus der selbsterfüllenden Prophezeiung, erklärte Bodenmann. Zu oft seien vordem ungute Verhaltensweisen exerziert worden. Mit dem Resultat, dass sich beim Gegenüber eine zunehmend pessimistische Erwartungshaltung festsetze – bis schliesslich die Macht der negativen Erwartungen zum Selbstläufer werde. «Aus diesem Teufelskreis auszubrechen gelingt Paaren meist nicht aus eigener Kraft», sagte der Beziehungsforscher.

«Die Kombination aus Vorwurf und Verallgemeinerung ist Gift für Partnerschaften.»Guy Bodenmann

Wie es so weit kommt? Dass nämlich in unglücklichen Paaren die Partner je meist negative Reaktionen auf das eigene Verhalten erwarten: Vor allem durch Kommunikationsfehler. «Die Kombination aus Vorwurf und Verallgemeinerung ist Gift für Partnerschaften», stellte Bodenmann klar. Im Sinne von, «du machst oder bist immer, nie oder überall dieses oder jenes.»

Konflikte braucht es

Hierzu wiederum würden oft unrealistische Erwartungen führen. Etwa: wer liebe, wisse, was der andere fühle und brauche – und werde diese Wünsche zu erfüllen versuchen. Oder dass ein Paar ständige Nähe brauche, immer gleicher Meinung sei und so fort. Aber, sagte Bodenmann, «diese Erwartungen gehen meistens nicht auf.» Das belegte er mit einer Umfrage unter Verheirateten, wonach sich mehr als drei Viertel der Befragten enttäuscht von ihrer Beziehung zeigten. Nichtsdestotrotz hätten viele Paare beschönigende Erwartungen zu Beginn ihres Zusammenseins. «Selbst Leute aus einem Elternhaus mit Scheidungshintergrund glauben, dass ihre eigene Beziehung glücklich sein wird», erläuterte er.

Früher oder später würden still schweigend getroffene Erwartungen indes aneinander prallen. Sie nehmen dann die Gestalt von Konflikten an. Solche würden zu jeder Partnerschaft gehören. Entscheidend sei, wie man mit ihnen umgehe, legte Bodenmann dar: «Erwartungen müssen mitgeteilt werden.» Dabei seien Toleranz, Akzeptanz und Grosszügigkeit günstige Ingredienzien. Und dies eben ständig und nicht nur zu Beginn des Liebesverhältnisses.

Sich Zeit nehmen

«Jeder ändert sich im Laufe seines Lebens», erklärte Bodenmann, «und damit auch seine Bedürfnisse und Wünsche.» Werde dieser Konflikt aber verdrängt und verschwiegen, könne das böse Folgen haben: von psychosomatischen Symptomen über ein – scheinbar – urplötzliches Verlassen des Partners bis im Extremfall zu Gewaltakten.

Die Mechanismen von Erwartungen würden auch in anderen Arten von Beziehungen gelten, sagte Bodenmann auf eine Frage aus dem Publikum. So etwa im Arbeitsumfeld oder zwischen Eltern und Kindern. Wichtig sei der Zeitfaktor: «Manchmal braucht es einen gemeinsamen Suchprozess», erklärte er. Denn oft würde eine unerfüllte Erwartung nur als diffuse Enttäuschung wahrgenommen.

Erstellt: 23.01.2020, 15:26 Uhr

Nächster Anlass der Winterreihe

Die Psychotherapeutin Verena Kast spricht über „Gut erwarten lernen – offen für das Unerwartete“. Mittwoch, 29. Januar, 19. 45 Uhr, reformierte Kirche, Meilen.

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