Zürichsee

Die harte Idylle auf dem See

Berufsfischer gehören zu den seltensten Brotverdienern in der Region Zürichsee. Adrian Gerny ist einer von ihnen. Obwohl er Fische fängt und tötet, spricht er mit Ehrfurcht und Respekt von den Tieren, die seine Lebensgrundlage bilden. Die ZSZ hat Gerny bei Tagesanbruch auf seiner Tour begleitet.

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Die Sonne ist noch nicht einmal sichtbar. Aber sie schickt rote Strahlen als Vorbote auf die Wolkendecke über dem Pfannenstiel. Im Osten und Süden säumen verschneite Berge den Horizont. Auf der anderen Seite verblassen die funkelnden Lichter der Stadt mit dem erwachenden Tag. Adrian Gerny würdigt die Kulisse, für die jeder sofort seine Kamera zücken würde, kaum eines Blickes. Er nimmt sie einfach zur Kenntnis. Für den 30-jährigen Zürcher ist das Alltag, genauso wie wenn es regnet, windet, schneit, es noch dunkle Nacht oder schon wohlig warm ist.

Gerny ist Berufsfischer, unterwegs in einem kleinen Boot zu seinen Netzen, die er am Vortag zwischen dem Wollishofner Ufer und dem Zürichhorn ausgelegt hat. An diesem Morgen ist es knapp über null Grad kalt. Der Fahrtwind sucht frostigen Einlass durch die winzigsten Öffnungen in der Kleidung. Der Fischer bietet ihm in Stiefeln, gummierter Latzhose, Fleecejacke, Mütze und enger Kapuze möglichst wenig Zugang.

Fische bewegen sich kaum

Gerny erwartet heute keinen grossen Fang – ein paar Hechte, Brachsmen, Schleien, vielleicht ein Egli oder Felchen. «Der Winter ist eine schlechte Jahreszeit», sagt er, während hinter ihm der Aussenbordmotor sonor brummt. Derzeit ist das Nahrungsangebot klein. Die Fische bewegen sich kaum, sie fahren ihren Kreislauf runter. «Da wir passiv fischen kann es sein, dass ein Netz leer ist», warnt er den Reporter und die Fotografin vor einer Enttäuschung.

Mit zehn Jahren Berufserfahrung, in denen er zusammen mit Rolf Ruf die Zürichsee-Fischerei in Wollishofen führt, weiss er wovon er spricht. Die Natur ist keine Bestellkarte. Geschick und Wissen hängen auch von Zufall und Glück ab, zumal der See geiziger wird, was den Fischfang betrifft.

«Seelische Handarbeit»

Die ersten Grundnetze mitten im See sind erreicht, jetzt wird es laut auf dem Arbeitsdeck. Ein Hilfsmotor rattert los und speist Lichtmast sowie die hydraulische Winde am Auslegerarm. Sie holt das eingehängte Netz hoch. Schon erscheint ein Hecht. Gerny fasst ihn fast zärtlich, nimmt einen Knüppel und beendet mit zwei harten Schlägen knapp hinter dem Kopf das Leben des Raubfischs. Dann löst er ihn wieder sanft aus den Maschen, als ob er Mitleid hätte.

«Obwohl ich Fische fange und töte, schaue ich möglichst gut zu ihnen», beginnt er sich zu erklären. Entsprechend behandle er sie mit Ehrfurcht und Sorgfalt. Der See solle ja nicht leergefischt werden.

«So leicht wie sich das Netz anfühlt, ist es sicher leer.»
Adrian Gerny, Berufsfischer am Zürichsee

«Die Fische sind unsere Lebensgrundlage», sagt Gerny. Er glaubt, dass vermutlich kaum jemand so viel Respekt vor diesem See und dessen Lebewesen habe wie die Berufsfischer, die von ihm leben. «Für mich ist das eine seelisch verbundene Handarbeit mit viel Intuition.»

Algen statt Fische

Bald landen die nächsten Fische wie Hechte, Rotaugen, Egli und Brachsmen in der Plastikkiste. Stetig zieht die Winde das Netz hoch und fädelt es über eine Umlenkrolle in gleichmässigen Schlaufen in einer Tonne ein, bereit zum erneuten Auslegen.

«Der Anfang hätte gepasst», kommentiert der Fischer die leeren Netze, die er seit einigen Minuten hochzieht. Stattdessen zupft er Algen aus den Maschen. Am Ende des vierten Netzes kommen nochmals drei Fische an die Oberfläche. Zwei Schläge und ab in die Kiste: Routine zugunsten einer Delikatesse auf dem Teller.

Dann hebt Gerny die grosse Tonne mit den Netzen auf die hintere Bordkante. Er blickt auf sein GPS vorne in der Kajüte. «Ich achte darauf, dass ich die Netze möglichst genau an den im GPS gespeicherten Punkten auslege, dann finde ich sie auch in der Dunkelheit und bei Nebel.»

Die Handgriffe sitzen. Die Grundnetze legt er am Heck geradeaus ins Wasser während das Boot im Schritttempo fährt. «Man muss schauen, dass die das Netz beschwerende Bleileine nicht über die Schwimmleine fällt, sonst gibt es Überwürfe», erklärt er. Dann würde sich die Fläche des Netzes drastisch verkleinern. Den Anfang und das Ende bilden rotweisse Schwimmkörper mit seinen Initialen AG.

Minderheit ohne Konkurrenz

Eigentlich dürfte Gerny überall im zürcherischen Seeteil Netze auslegen. Aber es gibt ein ungeschriebenes Gesetz unter den Berufsfischern der zehn Betriebe auf Zürichsee und Obersee. «Man spricht sich ab, wer wo fischt.» Sein Revier ist das Seebecken vor Zürich, das linke Ufer bis Rüschlikon sowie das rechte bis Küsnacht. Überhaupt widerstrebt ihm, der auch Präsident des Regionalverbands der Berufsfischer Zürichsee und Walensee ist, das Konkurrenzdenken. «In der heutigen Zeit gibt es keine Konkurrenz mehr, als Minderheit müssen wir zusammenarbeiten.».

Nach einer kurzen Fahrt ist das Zürichhorn erreicht. In Ufernähe holt er wieder Netze ein. Sie weisen eine andere Maschenweite und Fadenstärke auf. «Für Karpfen», erklärt Gerny. Ausgelegt werden sie ausserdem von Hand in Bögen. Also zieht er sie auch von Hand ein und bemerkt sofort: «So leicht wie sich das Netz anfühlt, ist es sicher leer.»

Wenn andere heimkehren

Sein Eindruck hat ihn nicht getäuscht. Darum legt er die Netze gleich wieder aus, was etwas stressiger wirkt, denn jetzt muss er gleichzeitig die Netze manuell ins Wasser lassen und mit dem Knie steuern um die erwünschten Bögen zu fahren. Nach sechs Stunden sind alle 30 Netze geleert und wieder im See gesetzt. Mit dem Fang kehrt Gerny zurück in den kleinen Hafen in Wollishofen und beginnt die Fische zu entschuppen, filettieren und für den Verkauf parat zu machen.

Die Arbeit an Land ist zwar wetterunabhängig aber keineswegs leicht. Kundenlieferungen und Pflege des Materials, dazu jede Menge Hygieneschutzmassnahmen und Büroarbeit füllen den Tag aus. Vor 22 Uhr geht der Berufsfischer zu Bett. Der Wecker holt ihn mitten in der Nacht wieder raus, wenn von der Sonne noch lange nichts zu sehen ist. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 28.03.2018, 14:17 Uhr

Serie zur Fischerei

Der Zürichsee ist für die Menschen in der Region Augenweide und Naherholungsgebiet. Einigen bietet der See sogar eine Existenz. Die ZSZ widmet den Berufsfischern bis Ende Jahr eine Artikelserie und bringt ihr Handwerk wie auch ihre Arbeitsbedingungen näher.

Traumberuf Fischer

Adrian Gerny (30) ist seit zehn Jahren selbständiger Berufsfischer. «Mit dem Zürichsee verbindet mich eine intensive, freundschaftliche Beziehung», sagt er. «Ich bewege mich auf ihm ja auch fast jeden Tag und jede Nacht.»
Ist das ein Traumberuf? «Ja, wenn man der richtige Typ dafür ist», sagt Gerny ohne Denkpause. «Du musst naturverbunden und gerne alleine sein.» Ein Berufsfischer dürfe auch nicht abhängig sein von einem strukturierten Tag. Jeder Tag verlaufe je nach Fangsituation anders. «Du machst dir erst dann einen Tagesplan, wenn du vom See zurückkommst.» Zum Glück hat Gerny eine verständnisvolle Freundin. Nebst dem sie auch Vollzeit arbeitet, unterstützt sie ihn im Büro, kümmert sich um den Haushalt und kocht zuhause. Jeden Tag Fisch? «Nein», schüttelt er den Kopf, «höchstens zweimal im Monat.» (di)

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