Männedorf

Die Geschichte einer aussergewöhnlichen Liebe

Regisseurin Fanny Bräuning hat am Sonntag ihren mit dem Prix de Soleure gekrönten Film «Immer und ewig» im Kino Wildenmann vorgestellt.

Regisseurin Fanny Bräuning und Produzent Thomas Thümena anlässlich der Präsentation des Films «Immer und ewig».

Regisseurin Fanny Bräuning und Produzent Thomas Thümena anlässlich der Präsentation des Films «Immer und ewig». Bild: André Springer

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Die erste Aufnahme sind Delfine, die direkt unter der Meeresoberfläche durchs Wasser flitzen. Es folgt die Nahaufnahme auf die dösende Frau mit grauweissem Kurzhaarschnitt, hinter ihr durch die Scheibe des fahrenden Minibus erahnt man eine mediterrane Landschaft. Dann schwenkt die Kamera zum Fahrer des Campers, der das Gefährt sicher entlang einer griechischen Küstenstrasse lenkt. So fängt «Immer und ewig» der Filmemacherin Fanny Bräuning an.

Die beiden Protagonisten in ihrem mit dem Schweizer Filmpreis, dem Prix de Soleure, ausgezeichneten Dokumentarfilm sind ihre Eltern, Niggi und Annette, beide Ende 60. Was die 43-jährige Regisseurin, die in Berlin lebt, in 90 Minuten festhält, ist die sowohl berührende als auch aussergewöhnliche Liebesgeschichte zweier Menschen, die sich vor 50 Jahren in der Kunstgewerbeschule kennenlernten.

Diagnose mit 29

Annette ist bereits Mutter von zwei Mädchen, als sie im Alter von 29 Jahren die Diagnose Multiple Sklerose erhält. Man sieht sie zunächst am Stock gehen, im nächsten Augenblick sitzt sie bereits im Rollstuhl. Diese Sequenzen stammen aus dem Film, den die Tochter bereits 1999 über ihre Mutter gedreht hatte. Dann, vor 20 Jahren, fällt Annette ins Koma. Als sie daraus erwacht, ist sie vom Hals an abwärts gelähmt.

Niggi, ein leidenschaftlicher und erfolgreicher Fotograf, gibt den Beruf auf, um seine fortan rund um die Uhr auf Hilfe und Pflege angewiesene Frau zu betreuen. «Beides zusammen halbherzig machen, das geht nicht», beantwortet er im Film die Frage seiner Tochter, ob er jemals diesen Schritt bereut habe. Annette in einem Heim unterzubringen, wo sie immer auf die gleich Decke starren würde, wie er kommentiert, wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Viel lieber zeigt er ihr den Himmel in Griechenland. Ebenso wenig quält er sich mit Gedanken wie «was wäre, wenn sie gesund geblieben wäre» und meint nur lakonisch: «Das ist doch nicht realistisch und bringt nichts.»

Quer durch Südeuropa

Das Publikum lernt das Ehepaar nicht nur in Rückblenden und Einspielungen, sondern vor allem im Hauptteil des Films kennen. Darin begeben sich Niggi und Annette auf eine ihrer vielen Reisen von Basel aus kreuz und quer durch den Süden. Dass die Tochter auch ihre Privatsphäre einfangen würde, dagegen hatten die Eltern nichts, sie waren es sich vom ersten Film schon gewohnt. Fürs Reisen hat der Tüftler Niggi eigenhändig einen Camper so umgebaut, inklusive Paraplegiker-WC, dass er und seine Frau darin nicht nur reisen, sondern auch schlafen können. Übernachtungen im Hotel, auch in einem behindertengerechten, sind unmöglich: «Solche Hotels sind nur für gesunde Behinderte» soll Vater Niggi einmal dazu gesagt haben.

Die beiden werden während sechs Wochen von einem kleinen Filmteam begleitet: neben Fanny Bräuning sind es ein Kameramann und der Tontechniker, wie die Regisseurin im Anschluss der Vorführung zu den Dreharbeiten Auskunft gibt. Für einen kleinen Teil der Aufnahmen habe sie selber zur Kamera gegriffen, etwa beim Frisurenstreit, wie sie die lustige Episode mit Konfliktpotential nennt. Darin versucht der sonst manuell begabt Niggi etwas linkisch die Haare seiner Frau mithilfe von Gel und Föhn aufzurichten und scheitert, was diese genervt mit den Augen rollen lässt. Die Szene sei nicht inszeniert, sondern hätte sich in den langen Wochen ergeben, zeige aber auf, wie Annette immer wieder um Autonomie ringt. Trotz der aussichtslosen Situation angesichts des Schicksals der Eltern hält Fanny Bräuning immer wieder witzige Momente zwischen den beiden fest, einfühlsam und ohne sie dabei ins Lächerliche zu ziehen. Und irgendwie wohltuend für den Zuschauenden.

Lebenswille für zwei

Eines wird im Film klar: Niggi bringt den Lebenswillen auf für zwei, denn ohne ihren Mann will Annette nicht leben. Er ist ständig in Bewegung, auch stets auf der Suche nach Fotomotiven. Einmal sagt er, er könne sich nicht vorstellen so zu leben wie seine Frau: «Wie sie das nur aushält.» Er streichelt sie, neckt sie und massiert ihre angeschwollenen Hände. Es sind vor allem ihre Hände von einst, die Annette vermisst, hat sie doch früher oft gemalt. Drei Jahre vor der Diagnose hat sie ein Bild als Serie gestaltet: Es zeigt eine Frau, die mit jedem Bild Körperteile verliert, bis sie sich auf dem Letzten aufgelöst hat. «Wie wenn sie ihr Schicksal damals schon geahnt hätte», sagt Fanny Bräuning. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.02.2019, 08:50 Uhr

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