Küsnacht

Die Gebeine unter der Kanti stammen von 40 Toten

Derzeit läuft an der Kantonsschule Küsnacht eine Notgrabung, mit der mittelalterliche Skelette geborgen werden. Am Dienstag informierte die Kantonsarchäologie über die Erkenntnisse zu den Skeletten unter dem Singsaal.

Am Dienstag konnten die Medien die mittelalterliche Grabungsstelle in der Küsnachter Kantonsschule besichtigen.
Video: Manuela Matt / Sabine Rock

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Ein junger Mann kniet auf dem erdigen Boden: Sorgfältig säubert er mit einem Werkzeug, das ein wenig aussieht wie ein Spachtel, einen Knochen. Der Ausgräber ist nicht der einzige, der an diesem Vormittag emsig am Arbeiten ist. Der Raum, in welchem er und seine Kollegen sich befinden, ist in sechs Bereiche aufgeteilt. Überall sieht man Knochen und Schädel, die ganz oder teilweise aus dem steinigen Erdreich ragen. In einer Ecke liegt sogar ein fast vollständig erhaltenes Skelett.

Über die menschlichen Überreste beugen sich zahlreiche Fachleute, die dabei sind, diese frei zu legen. Anschliessend werden die Skelette fotografiert und digital dokumentiert. Die Männer gehören zu einem Team der Kantonsarchäologie Zürich, das derzeit in der Kantonsschule Küsnacht damit beschäftigt ist, mittelalterliche Skelette zu bergen, die unter dem Singsaal entdeckt wurden.

Gebeine von 40 Toten konnten die Wissenschaftler, inzwischen identifizieren. 23 davon hat die Kantonsarchäologie bislang genauer untersucht. Sie kam zum Schluss, dass es sich dabei um zwölf Frauen, sieben Männer und vier Kinder handelt. Feststellen lässt sich auch, wie gross diese Menschen zu Lebzeiten waren. So waren die Frauen zwischen 1,50 und 163 Meter gross, während die Männer eine Grösse zwischen 1,67 und 1,82 aufwiesen.

Gut erhaltener Fund

Zum Gesundheitszustand der Toten lässt sich ebenfalls einiges sagen. «Wir haben degenerative Veränderungen an der Wirbelsäule und Gelenken: Das kommt mit dem Alter und vom körperlichen Arbeiten», erklärt Anthropologin Sabrina Meyer, beim Medien-Rundgang. Ausserdem gebe es Zahnstein, Zahnabrasionen, Karies und ein Individuum mit Skoliose, eine Krümmung der Wirbelsäule.

Grabbeigaben wurden bei den Toten hingegen nicht gefunden. Trotzdem ist Meyer begeistert von der Grabungsstätte: «So gut erhaltene Skelette aus diesem Zeitraum sind in der Schweiz wirklich selten.» Sie führte den guten Zustand der Gebeine vor allem auf den Boden beziehungsweise die Sedimente zurück.

Die Entdeckung der Gräber ist dem Umstand zu verdanken, dass der Singsaal nicht mehr den feuerpolizeilichen Vorgaben genügte und deswegen renoviert werden muss. Bei Sondiergrabungen stiess man bereits im letzten Sommer auf die Knochen – nicht völlig überraschend. «Wir hatten damit gerechnet, dass es Gräber haben könnte, die zum mittelalterlichen Friedhof der Dorfkirche gehörten», sagt Werner Wild, Projektleiter der Kantonsarchäologie.

Für die Kantonsarchäologie zählt derzeit jede Minute: Bis Mitte Juli haben sie noch Zeit alle Skelette und Gräber zu dokumentieren. Dann will die Kantonsschule eine Lüftungszentrale unter den Singsaal einbauen. Die geborgenen Skelette werden in die Kantonsarchäologie nach Stettbach gebracht und dort weiter untersucht, etwa bezüglich ihres Alters. «Dabei könnten fragile Knochen zerbrechen», sagt Meyer. Deswegen sammle man möglichst viele Informationen vor Ort.

Aus dem 10. Jahrhundert

Fotos, welche Grabungstechnikerin Angela Mastaglio zeigt, dokumentieren, dass es zu Beginn der Grabung bei weitem nicht so geordnet aussah wie heute. Zum einen dürfte bei der grossen Dorfbachüberschwemmung 1778 und beim Bau des Singsaals 1834 einiges durcheinander geraten sein. Zum anderen sei es üblich gewesen bei Beerdigungen alte Knochen zur Seite zu schieben.

Bestattet wurden die Toten entweder in Särgen oder Leichentüchern. Während das organische Material verrottet ist, lässt die Körperhaltung der Skelette Schlüsse auf die Bestattungsart zu. «Wenn Individuen mit senkrecht liegenden Schlüsselbeinen und engem Brustkorb daliegen, ist das ein Anzeichen dafür, dass sie in einem Leichentuch verschnürt worden sind», erklärt Meyer.

Nicht gefunden wurden Skelette mit zum Gebet gefalteten Händen, was darauf schliessen lässt, dass die Toten eher im Hochmittelalter gelebt haben. Ein Knochen wurde bereits mit der so genannten Radiokarbon-Methode genauer untersucht: Er stammte aus dem 10. Jahrhundert. Klar ist, dass der Friedhof im Bereich des Singsaals ab 1357 stillgelegt wurde.

Damals baute der Johanniterorden an diesem Ort erstmals ein Haus, einen Vorgängerbau des heutigen Seitenflügels des Johanniterhauses. Die Skelette lassen auch die Ortsgeschichte Küsnachts in einem neuen Licht erscheinen: So beweisen sie, dass die reformierte Kirche wesentlich älter ist als bislang angenommen. Urkundlich erwähnt wurde sie zum ersten Mal 1188, doch da die Kirche mindestens so alt wie der Friedhof sein muss, dürfte auch sie im 10. Jahrhundert schon gestanden haben.

Zwei Maturarbeiten

Hausherr Christian Grütter ist am Medienrundgang ebenfalls dabei. «Es ist schon speziell, wenn man weiss, dass man hier vorher mit den Schülern gesungen hat», kommentiert der Rektor der Kantonsschule die archäologische Grabungsstätte innerhalb der Schulmauern. Er erzählt, dass zwei Schüler die Ausgrabung als Thema für ihre Maturaarbeit gewählt haben.

Zudem konnten die Gymnasiasten im Rahmen von Führungen einen Einblick erhalten. Eine Möglichkeit, die auch der Bevölkerung offensteht. Am Donnerstagabend kann die Ausgrabung besichtigt werden.

Öffentliche Besichtigung der Ausgrabung am Donnerstag 28. Juni von 17 bis 19 Uhr im Singsaal der Kantonsschule Küsnacht, Dorfstrasse 30, Küsnacht.

Erstellt: 26.06.2018, 18:15 Uhr

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