Frauenstreik

«Die Forderungen sind nicht erfüllt»

Verena Hofmänner aus Meilen hat 1991 den Streik aktiv unterstützt und tut dies auch heute wieder. Im Interview sagt sie, wieso sie einen Streik noch immer für nötig hält.

Setzt sich seit Jahrzehnten für Gleichstellungsthemen ein: Verena Hofmänner aus Meilen.

Setzt sich seit Jahrzehnten für Gleichstellungsthemen ein: Verena Hofmänner aus Meilen. Bild: Sabine Rock

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Sie gehen am 14. Juni auf die Strasse und taten dies bereits 1991. Erzählen Sie von damals.
Es war unglaublich schön zu erleben, wie viele für die gleiche Sache einstehen. Wir waren in Meilen auf der Strasse. Ich war damals Hausfrau, blieb schliesslich nach dem Baby brav zu Hause, und wir sagten uns, wenn wir streiken, sollen uns die Männer das Mittagessen kochen. Es gab dann wunderbare Spaghetti in der Sternen-WG am See, die es heute noch gibt.

Wieso braucht es heute noch einen Streik?
Weil unsere Forderungen auch heute überhaupt noch nicht erreicht sind. Wir brauchen gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Je nach Berechnungsart verdienen Frauen in der Schweiz 15 bis 20 Prozent weniger. Am 22. Februar war dieses Jahr der «Equal Pay Day». Dieser Tag markiert den Moment, an dem die Frauen denselben Lohn im Portemonnaie haben, wie die Männer in gleicher Position und gleicher Funktion bereits Ende Jahr verdient haben. Mehr als eineinhalb Monate haben Frauen also gratis gearbeitet – das ist Grund genug für einen Streik! Das zweite ist die Hinderungsstruktur: Frauen sind nach wie vor an Kinder, Haushalt und Schulwesen gebunden. Frauen sollten die Befreiung bekommen, dies selbstverständlich mit ihren Männern zu teilen. Klar, es gibt Männer, die vielleicht auf 80 Prozent reduzieren und dann einen Tag für die Kinder da sind. Aber die Woche hat fünf Arbeitstage, für den Rest kann sich die Frau dann allein arrangieren.

Hat sich aus Ihrer Sicht seit dem letzten Streik denn gar nichts getan?
Doch, ich sehe hin und wieder an Werktagen Männer mit ihren Kindern in der Badi. Ich träume davon, dass mein Vater das auch getan hätte! Oder es gibt Väter, die ihre Kinder in Tragtüchern tragen, das sind für mich ganz neue Erlebnisse, es rührt mich total, dies zu sehen.

Was muss nun am dringendsten erreicht werden?
Dass man Frauen so arbeiten lässt und in Bezug auf Geld derart berechtigt, dass sie keine Altersarmut mehr erleben müssen – auch wenn sie Kinder haben. Ich erlebe es hautnah: Viel mehr Frauen sind aufgrund ihrer Familienzeit im Alter wenig begütert. Ich bin nicht dafür, dass wir das Privileg der früheren Pension aufgeben müssen, solang wir nicht den gleichen Lohn und gleiche soziale Absicherung haben. Dies bleibt unser letztes Druckmittel. Dazu gehört auch die Vereinbarkeit von Familien und Beruf: Am liebsten wären mir Tagesschulen, wie in nordischen Ländern. Da bekommen die Kinder ein Mittagessen, werden bei den Aufgaben betreut und lernen gleich noch Sozialkompetenz. Das kennt man auch im Tessin. Es ist mir noch immer ein Rätsel, wieso man hier nichts davon wissen will.

Der 1. Frauenstreik vor 28 Jahren: Ein Banner vor der Kaserne in Zürich. Bild: Keystone.

Die Verfassung schreibt seit 1981 die Gleichstellung vor. Man könnte auch argumentieren, es sei an den Frauen, diese im Alltag einzufordern.
Das wird ja zum Teil versucht, aber gelingt nicht immer. Wenn Männer auf dem Richterstuhl sitzen, ziehen Frauen oft den Kürzeren. Männer haben Angst, dass sie benachteiligt werden, wenn der Feminismus voll greift. Das war schon immer ein Problem.

Können Sie sich erklären, woher diese Angst kommt?
Es ist ein gesellschaftliches Problem und beginnt ganz früh: Buben haben andere Spielsachen, andere Interessen. In der Schule kommen ihnen am Anfang die «blöden Meitli» nur in die Quere. Ich weiss nicht, ob es von den Eltern kommt, aber es ist fast überall so: Buben müssen sich behaupten, müssen die Starken spielen, weil sie mehr wert sind. Das habe ich auch selber so erlebt: Mein Vater erwartete, dass meine Mutter ihm drei Söhne gebärt. Es gab aber drei Töchter. Also hat der Grossvater das zur Geburt versprochene Geld nicht bezahlt.

Heutzutage sehen sich viele Frauen, gerade auch jüngere, nicht mehr benachteiligt. Beunruhigend oder beruhigend?
Entscheidend ist, ob sie tatsächlich frei sind, ihre Entscheidungen zu treffen, ob sie keine Barrieren haben, Beruf und Familie zu kombinieren, ob sie in Verwaltungsräten und in Parlamenten gleich zahlreich sitzen wie Männer. Es beunruhigt mich, wenn wir blind sind und nicht sehen, dass all dies noch nicht zutrifft.

Erstellt: 06.06.2019, 18:50 Uhr

Zur Person

Verena Hofmänner

Verena Hofmänner (76) aus Meilen engagierte sich ihr Leben lang für Gleichstellung. Von 1978 bis 1986 war sie in der Schulpflege Meilen - nach eigener Aussage, um Tagesschulen zu bewirken, was dann aber nicht geschah. Danach fungierte sie bis 1992 als Präsidentin der SP Meilen.

Heute ist sie Vorstandsmitglied der SP Uetikon. Als Mitglied der SP Frauen Schweiz war sie Delegierte bei der Party of European Socialists (PES, Women). Die pensionierte Gesangslehrerin vermietet heute Wohnungen in einer Hausgemeinschaft – einem Haus mit Single-Wohnungen und mehreren Gemeinschaftsräumen für Menschen in der zweiten Lebenshälfte. (aj)

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