Tunnel

Die Faszination fürs schwarze Loch

In den vergangenen Jahrzehnten gab es rund um den Zürichsee immer wieder Vorstösse, um Strasse oder Bahn in den Boden zu verlegen. Sie scheiterten aber meist an den enormen Kosten. Eine Übersicht.

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Eine Umfahrung des Dorfzentrums – diese Idee hat der Stäfner Gemeinderat am Montag lanciert. Ihm schwebt ein Tunnel vor, der unterhalb der Seestrasse verläuft und den Durchgangsverkehr schluckt. Mit dieser Vision betritt er kein Neuland. In den vergangenen Jahrzehnten gab es rund um den Zürichsee immer wieder Vorstösse, um Strasse oder Bahn in den Boden zu verlegen. Sie scheiterten aber meist an den enormen Kosten. Oft versandeten Projekte bereits in der Entwicklungsphase.

Die Vorteile, die solche Vorhaben mit sich bringen, sind jedoch dermassen verlockend, dass sich Gedankenexperimente für Tunnels in der Region hartnäckig halten. Verkehr und Lärm würden in den Untergrund verbannt, während die Dörfer lebenswerter würden. Der oberirdisch neu gewonnene Platz hat zudem stets die Fantasien beflügelt, wie sich das Land, auf dem sich heute Bahntrassee und Strassen befinden, neu nutzen liesse. Mit diesen Argumenten haben denn auch die meisten Befürworter von Tunnels für ihre Visionen geworben, wie eine Übersicht zeigt.

1. Zumikon: Forchbahntunnel

Der Forchbahn- und Autotunnel in Zumikon gilt vielen als Pionierprojekt. Der 1,2 Kilometer lange Tunnel für die Forchbahn zwischen Waltikon und dem Dorfausgang Richtung Forch wurde 1976 unter der damaligen Gemeindepräsidentin und späteren Bundesrätin Elisabeth Kopp (FDP) eingeweiht. Auch die Dorfstrasse im Zentrum wurde tiefergelegt, was einen autofreien Dorfplatz ermöglichte. Oberirdisch entstanden das Gemeindehaus sowie Bauten mit Läden, Wohnungen und einem Restaurant. Das damalige Vorzeigeprojekt ist aber mittlerweile ein Sorgenkind. Wegen der Konkurrenz durch neuere Grossverteiler in Waltikon wirkt der Dorfplatz oft verwaist.

2. Küsnacht: Tunnel durchs Zentrum

Der Verkehr durchs Küsnachter Zentrum soll in den Untergrund: Diese Idee verfolgten Initianten, die sich für einen 300 Meter langen Tunnel starkmachten. Anders als in Stäfa war aber nicht die Untertunnelung der Seestrasse vorgesehen. Der Tunnel sollte vielmehr in der bereits bestehenden Oberwachtunterführung beginnen, die das Bahngleis unterquert, und später in die Oberwachtstrasse münden. 2012 sprach sich die Bevölkerung aber deutlich dagegen aus. Der erste Kredit für das 43,2 Millionen Franken teure Projekt der Interessengemeinschaft erhielt an der Urne lediglich 26 Prozent der Stimmen. Der Gemeinderat hatte die Vorlage bekämpft.

Um den Ortsverkehr zu entlasten, kam in Küsnacht die Idee auf, den Tunnel der Oberwachtstrasse so auszubauen, dass man unterirdisch auch geradeaus fahren könnte. Dazu müsste die Rosenstrasse untertunnelt werden.

3. Erlenbach: Tunnel bei der Schifflände

Die Strasse tiefer zu legen, erwägte auch der Erlenbacher Gemeinderat. Er präsentierte 2014 eine Machbarkeitsstudie für einen 350 Meter langen Tunnel unter der Kreuzung der Seestrasse mit der Dorf- und der Schiffländestrasse. Die geschätzten Kosten dafür betragen 68 Millionen Franken. Die Kantonsstrasse, so die Überlegung, spalte den alten Dorfkern in zwei Teile: jenen nördlich der Seestrasse rund um die Bahnhofstrasse und jenen südlich im Gebiet der Schifflände. Mit einem Tunnel würde diese Trennung aufgehoben. Auf der neu geschaffenen Fläche könnte ein Dorfplatz entstehen. Geblieben ist es aus Kostengründen bei der Vision.

4. Meilen: Untertunnelung des Deltas

Ein Kilometer lang sollte der Tunnel werden, der unter Meilen hindurchführt. Die Idee dafür kam schon in den 1960er-Jahren auf. Die Autos sollten das Bachdelta umfahren, auf dem der Meilemer Dorfkern liegt. Der Tunnel wäre unterhalb der Dorfstrasse verlaufen. Die Seestrasse wäre so zu einer parkähnlichen Erschliessungsstrasse geworden. Die Stimmberechtigten lehnten aber 1986 eine entsprechende Initiative ab. Die treibende Kraft hinter dieser, der Architekt Hansruedi Bolliger, hat das Anliegen in den letzten Jahren neu lanciert. Ein von ihm beauftragtes Ingenieurunternehmen schätzte 2010 die Kosten auf 60 bis 75 Millionen. Ein konkretes Projekt existiert aber nicht.

5. Stäfa: Tunnel bei der Oetiker Haab

Der Stäfner Gemeinderat hat am Montag die Diskussion über Strassentunnels in der Zürichseeregion neu belebt. In den Legislaturzielen, welche die Behörde publizierte, ist eine Machbarkeitsstudie für die Tieferlegung der Seestrasse vermerkt. Der Tunnel, der im Westen auf der Höhe des Weilers Mutzmalen beginnen und im Osten auf Höhe der Sprachheilschule enden könnte, wäre bis zu 1,5 Kilometer lang. Das Gebiet rund um die Oetiker Haab mit den historischen Häuserzeilen würde vom Durchgangsverkehr befreit. Auf der Seestrasse würden nur noch Autos verkehren, die ins Stäfner Zentrum müssen. Was dies kosten würde, soll die Machbarkeitsstudie nun klären.

6. Rapperswil-Jona: Stadttunnel

Sehr aktuell ist die Diskussion über einen Entlastungstunnel für Rapperswil-Jona. Vor einem Jahr gaben die Verantwortlichen bekannt, dass sie die Tunnelvariante Mitte vorantreiben. Das südliche Portal würde sich gleich beim Seedamm befinden, das nördliche Portal ist kurz vor dem Autobahnanschluss Rapperswil vorgesehen. Mit dem Megaprojekt, das 930 Millionen Franken kostet, will man 95 Prozent des Verkehrs in den Untergrund verbannen. Frühestens im Herbst 2021 wird es dazu eine Volksabstimmung geben – ziemlich genau zehn Jahre nachdem ein erster Tunnelvorschlag von den Stimmbürgern abgelehnt wurde.

7. Zürichsee: U-Bahn-Ring um den See

Der ganz grosse Wurf schwebt der sogenannten Planergruppe Hecht vor, die eine Vision für die ganze Seeregion zu Papier gebracht hat und seit einigen Jahren die Politik für diese zu gewinnen sucht. Unter anderem sieht sie einen Autotunnel unter dem Pfannenstiel hindurch vor sowie einen U-Bahn-Ring rund um den See. Vorangetrieben wird die Vision von den Architekten Urs Esposito aus Küsnacht und Hannes Strebel, der in Uetikon aufgewachsen ist. Die enormen Kosten schrecken die beiden nicht ab. Da durch die Tieferlegung von Strasse und Bahn die oberirdischen Grundstücke aufgewertet würden, käme auch wieder Geld in die öffentliche Kasse, argumentieren sie.

Ambitionierte Pläne: So hätte der U-Bahnring rund um den See aussehen sollen.

8. Hirzel: Hirzeltunnel

Bereits vor über 30 Jahren wollten Politiker und Anwohner den Verkehr auf dem Hirzelpass reduzieren. Sie forderten einen zweispurigen, fünf Kilometer langen Tunnel von Wädenswil nach Sihlbrugg als Verbindung zwischen A3 und A4. Der Zürcher Regierungsrat sprach zwar schon vor Jahren von einem «dringenden Ausbauvorhaben», und seit 2007 ist die Verbindung im kantonalen Richtplan eingetragen. Ein konkretes Projekt wurde aus Kostengründen aber nie ausgearbeitet. Per 1. Januar 2020 werden die Karten nun neu gemischt: Der Kanton tritt die Hirzelpassstrasse an den Bund ab. Das Komitee Pro Hirzel-Strassentunnel hat bereits einen Vorstoss auf nationaler Ebene angekündigt.

9. Adliswil: Nordtangente

Eine Umfahrungsstrasse, um das Adliswiler Zentrum vom Verkehr zu entlasten: Diese Idee wurde in den 1960er-Jahren erstmals diskutiert. Unter dem Stichwort «Nordtangente» fand sie Eingang in die Ortsplanungsrevision. 1999 wurde eine Machbarkeitsstudie für einen 650 Meter langen Tunnel durch den Entlisberg erstellt. Dieser sollte die Sihltalstrasse mit dem Autobahnanschluss Wollishofen verbinden. Die Überquerung von Sihl und SZU-Bahntrassee wäre aber technisch kompliziert gewesen, weshalb die Umfahrung mit 100 Millionen doppelt so teuer geworden wäre wie ursprünglich gedacht. Der Kanton beschloss, auf «optimierte Verkehrssteuerung» zu setzen, um den Verkehr zu lenken – zum Beispiel mit Lichtsignalanlagen. Die Nordumfahrung Adliswil liegt nun zwar verstaubt in der Schublade, ist aber immer noch im kantonalen Richtplan enthalten. (miw)

Erstellt: 17.07.2019, 08:55 Uhr

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