Uetikon

Die Chemie Uetikon wird ein Fall fürs Archiv

Die Chemie Uetikon hat Industriegeschichte geschrieben. Nun trennt sich die älteste Chemiefabrik der Schweiz von ihrem Archiv.

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252,25 Florin hat der Kupferschmied Lindgard für seinen den Gebrüdern Schnorf gelieferten Kupferkessel erhalten. Das ist der erste Eintrag im «Fabrik-Conto» der nachmaligen Chemischen Fabrik Uetikon, datiert vom Februar 1818.

Seither sind 198 Jahre Industriegeschichte durchs Land gezogen. Mit der Zahlung an Kupferschmied Lindgard beginnen einige Hundert Laufmeter Dokumente, Unterlagen, Geschäftsberichte, Fotos, Pläne, Sitzungsprotokolle und Jahreshefte, die sich seither angesammelt haben. Davon sollen 40 Laufmeter Uetiker Industriegeschichte noch in diesem Jahr dem Schweizerischen Wirtschaftsarchiv übergeben werden.

Was die Firma geleistet hat

Historiker wühlen in der Vergangenheit. Bei Simone Steppacher und Helena Schulz besteht diese Vergangenheit meist aus Papier und schlummert seit vielen Jahrzehnten mehr oder weniger unbeachtet in Schränken, Bücherregalen oder Abstellkammern. Die beiden arbeiten für Docuteam GmbH, eine Firma in Baden-Dättwil, die auf die Erfassung und Bewirtschaftung von Archiven spezialisiert ist.

«Wir sichten Akten und Dokumente, ordnen sie ein und verzeichnen sie in einer Archivdatenbank», sagt Steppacher. «Alles, was archivwürdig ist», ergänzt Schulz. Dazu gehören Führungsunterlagen, Geschäftsbücher und Akten zu Finanzen, Personal, Material, Liegenschaftenverwaltung, Aufgaben, Tätigkeiten und Produktionen. «Wir dokumentieren also, was die Firma geleistet hat», sagt Schulz. Dieser Auftrag ist auch für Historikerin Steppacher und Informationsspezialistin Schulz speziell: Sie räumen das Archiv der ältesten Chemiefabrik der Schweiz auf – Pionierarbeit in einer Kernbranche des Landes und faszinierende Industriegeschichte.

Nur mit Handschuhen

Entsprechend sorgfältig gehen sie vor: Bei der Arbeit mit Fotos tragen sie Handschuhe. Flüssigkeiten in der Nähe der Akten sind tabu. Büroklammern und Plastikhüllen entfernen sie aus allen Unterlagen. Das Papier könnte irgendwann von rostendem Metall und aus dem Kunststoff dünstendem Weichmacher beschädigt werden. Dann kommen die mit einer Signatur versehenen Unterlagen in säurefreie Papiermäppchen und Archivschachteln. «Wir machen es so, dass es für die nächsten paar Hundert Jahre hält», sagt Steppacher.

Rudolf Schnorf, Verwaltungsratspräsident der UBV Uetikon Betriebs- und Verwaltungs-AG, Rechtsnachfolgerin der Chemischen Fabrik Uetikon, erklärt, warum die Firma Docuteam mit der Aufgabe betraut wurde. «Wir suchten nach einer Lösung für die Sicherung unseres Archivs.» Dieses sei zwar seit 1818 vollständig erhalten, jedoch über viele Orte verstreut. Darum habe der Verwaltungsrat beschlossen, das Archiv wissenschaftlich erfassen zu lassen. «Dann trennen wir uns davon und übergeben es dem Schweizerischen Wirtschaftsarchiv», sagt Schnorf, der gesteht, «dass dieser Entscheid nicht allen in der Familie leichtgefallen ist».

Schnell entscheiden

Helena Schulz und Simone Steppacher sortieren die Unterlagen gemäss den Vorgaben des Wirtschaftsarchivs. So geordnet, lassen sich Dokumente nachher leicht wieder finden. Die Einordnung verlangt Erfahrung. Meist erfolgt die Entscheidung schnell, was archivwürdig ist. Genaues Lesen ist nicht notwendig. Gemäss Steppacher «ist das noch kein wissenschaftliches Aufarbeiten, wir ordnen und verzeichnen nur systematisch». Der Inhalt der Akten und Dokumente sei für sie weniger wichtig, sagt Schulz. «Wir forschen nicht, aber wir bereiten die Unterlagen für Forscher vor.»

Die 40 Laufmeter Archivalien sollen bis Jahresmitte gesichtet, sortiert und inventarisiert sein. Die Akten, Dokumente und Fotos werden mehrere Hundert Archivschachteln füllen. Dazu kommen ungefähr 100 Bücher und bis zu 100 Pläne. «Es ist grossartig, wenn etwas integral erhalten bleibt, vor allem, wenn es sich um eine so wichtige Firma handelt», sagt Simone Steppacher. Das Wirtschaftsarchiv in Basel freue sich auf die geballte Ladung Uetiker Industriegeschichte.

Für spätere Generationen

Die Freude beruht auf Gegenseitigkeit. «Das Wirtschaftsarchiv ist der bestmögliche Platz für unsere Firmengeschichte», sagt Rudolf Schnorf. Er sei stolz, weil so auch ein wesentlicher Teil seiner Familiengeschichte an einem zentralen Ort aufbewahrt werde. Insbesondere schätzt er die Zugänglichkeit des Archivs für alle Interessenten. Entstehung und Werdegang der Chemie Uetikon «sind wichtig für das Verständnis späterer Generationen», sagt Schnorf. Oder welche Firma hat schon vor fast 200 Jahren mit einem Kupferkessel Schweizer Industriegeschichte eingeläutet?

Erstellt: 18.03.2016, 17:45 Uhr

Wirtschaftsarchiv

Das Schweizerische Wirtschaftsarchiv (SWA) dokumentiert seit 1910 die Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftspolitik der Schweiz und sichert Archive der privaten Wirtschaft. Das SWA ist das wichtigste Kompetenzzentrum für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte der Schweiz. Es versorgt Forschung, Öffentlichkeit und Wirtschaft mit aktueller und historischer Information. Die Privatarchive umfassen fast 500 Firmen- und Verbandsarchive sowie Personennachlässe aus der ganzen Schweiz. Das SWA wird getragen von der Universität Basel und mitfinanziert durch die Stiftung zur Förderung des SWA. (zsz)

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