Uetikon

«Die Bienen lehrten mich Geduld»

Christine Carigiet hat in ihrem Garten ein kleines Paradies für Bienen geschaffen. Die Uetikerin unterscheidet sich mit ihren unkonventionellen naturnahen Methoden von vielen anderen Imkern.

Weg vom konventionellen Imkern, hin zu einer wesensgemässen Bienenhaltung: Die Uetiker Bienenhirtin Christine Carigiet geht neue Wege.
Video: Patrick Gutenberg/Paul Steffen

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Wie ein grüner Teppich breitet sich das Moos um den kleinen Gartenteich aus. Auf dem Moos sitzen scheinbar bedächtig eine Honigbiene neben der anderen. Wer genau hinschaut, sieht, dass sie die Feuchtigkeit aus den getränkten Pflanzen saugen. Dabei müssen die Tiere aufpassen, dass sie nicht in den Teich fallen. «Bienen können nicht schwimmen», erklärt Imkerin Christine Carigiet. Es handle sich um Wasserträgerinnen. Diese weiblichen Bienen füllen ihre Bäuche mit dem lebenserhaltenden Wasser und versorgen damit die Brut, also den Nachwuchs ihres Volkes.

«Ich wollte etwas ganz Neues machen, von dem ich damals keine Ahnung hatte.»

Carigiet hat in Uetikon ein kleines Paradies für Bienen, aber auch für andere Tiere und Pflanzen geschaffen. Ihr Bauernhaus aus dem Jahr 1845, das sie mit ihrem Bruder von ihrem Vater, dem bekannten Schauspieler Zarli Carigiet, geerbt hat, ist umgeben von einem idyllischen Naturgarten. Eine Kohlmeise fliegt von Zweig zu Zweig. Zudem haben Libellen und Schmetterlinge den Garten als Refugium auserkoren. Überall blüht es: Blaue Vergissmeinnicht und weinrote Pfingstrosen sind nur einige der farbenprächtigen Frühlingsblumen, die es zu entdecken gilt. Aber auch Heilpflanzen und Obstbäume gedeihen in dieser grünen Oase. Dazwischen finden sich allerlei Behausungen für Honigbienen, die emsig durch den Garten schwirren und dabei das bekannte summende Geräusch von sich geben.

Bienen im Strohkorb

Die Bienenbehausungen von Christine Carigiet unterscheiden sich von den konventionellen Kästen. Ihr Magazin darin wird mit einem luftdurchlässigen Kissen und einem Leinentuch abgedeckt, einem sogenannten Klimadeckel. Die Bienen müssten atmen können, sonst würde sich Schimmel im Bienenstock bilden, erklärt Carigiet. Noch ungewöhnlicher sind zwei weitere Behausungen ihrer Bienen. So hat sie einen viereckigen Korb aus Roggenstroh gestaltet - eine sehr spezielle Unterkunft. Dass sie das handwerkliche Geschick hat, einen solchen Korb zu flechten, ist kein Zufall, hat sie doch 26 Jahre als Werklehrerin gearbeitet.

Vor sechs Jahren, nachdem sie mit dem Unterrichten aufgehört hatte, fing die zierliche Frau mit der akkuraten roten Bobfrisur mit dem Imkern an. «Ich wollte etwas ganz Neues machen, von dem ich damals keine Ahnung hatte», sagt Carigiet mit einem verschmitzten Lächeln. Seither hat sie die Faszination des Imkerns nicht mehr losgelassen. Die Honigbienen seien wichtige Lehrmeisterinnen für sie. «Sie haben mich Geduld, das Beobachten, das Stillwerden und noch mehr gelehrt.» Wer wiederum Carigiet im Umgang mit den Bienen beobachtet, kann genau diese Geduld erkennen. Mit einer Seelenruhe und unnachahmlichen Souveränität streicht sie die Bienen mithilfe einer Feder sanft in die Öffnung einer neuen Bienenkiste. Gestochen wird sie beim Imkern fast nie. «Meine Bienen fühlen sich wohl und sind deswegen meistens sehr friedlich», lautet ihre Erklärung.

Das Volk stärken

Noch einen Ticken natürlicher als der Strohkorb ist eine Bienenunterkunft in einem hohlen Baumstamm. «Die Honigbienen blicken auf eine Evolutionsgeschichte von über 45 Millionen Jahren zurück, in denen sie sich in Baumstämmen entwickelt haben», erklärt die 68-Jährige. Konsequenterweise erntet sie bei dem Bienenvolk, das im Baumstamm logiert, auch keinen Honig. Überhaupt steht die Gewinnung des goldfarbenen Naturproduktes aus Nektar nicht im Fokus von Christine Carigiet. «Wenn mir die Bienen Honig schenken, gebe ich diesen gerne weiter», sagt sie. Im Gegensatz zu den meisten anderen Imkern holt sie aber nur einmal im Jahr Honig aus den Bienenstöcken.

Doch das ist nicht der einzige Unterschied zwischen Christine Carigiet und traditionellen Imkern. Sie setzt beispielsweise auch keine vorgestanzten Wachsmittelwände in den Bienenstock. Stattdessen müssen die Insekten selbst ran, wenn es darum geht, Waben zu bilden. Um dies zu verbildlichen, öffnet die Uetikerin ein Türchen von einem Magazin: Durch die Glasscheibe sind die von den Bienen gebauten Waben sichtbar. Selbst als Laie sieht man, mit welcher Sorgfalt und wie regelmässig die kleinen Kammern aus Wachs geschaffen worden sind.

Carigiet verfolgt mit ihrer Philosophie, die Bienen möglichst naturnah - oder wesensgemäss, wie sie es nennt - leben zu lassen, ein Ziel. «Es gibt Forschungen, die aufzeigen, dass die Bienen anfangen sich gegenseitig zu putzen, sobald der Honigsammelstress wegfällt.» Ein wichtiger Punkt, da die Bienen so die Varroa-Milbe, einen Parasiten, der den Nachwuchs stark schwächt und für Krankheiten anfällig macht, entfernten. «Wenn die Bienen lernen mit dem Schädling zu leben, stärkt das das gesamte Volk», ist Carigiet überzeugt.

Ein harter Schlag

Umso schlimmer war es für sie, als sie vor Ostern entdeckte, dass eines ihrer Völker von der Sauerbrut, einer durch Bakterien übertragenen Krankheit, welche die Larven sterben lässt, befallen war. In der Folge musste der Bieneninspektor die Bienen abschwefeln, also mit Hilfe von giftigem Gas töten. Ein Vorgang, der Christine Carigiet hart getroffen hat. «Ich war drei Mal im Sperrkreis von Sauerbrut», verdeutlicht sie, dass sie schon vorher mehrfach in unmittelbarer Nähe von befallenen Bienenvölkern war. «Und jetzt habe ich es auch.» Bislang zeigt keines ihrer anderen Bienenvölker Anzeichen der Sauerbrut. Wie erklärt sie sich, dass ihre Tiere trotz der nachhaltigen Betreuung betroffen waren? «Unter Imkern sagt man, dass es jeden treffen kann», sagt sie. Alle seien im gleichen Boot.

«Immer mehr Imkerinnen und Imker möchten den Bienen wieder mehr Freiheit gewähren.»

Tatsächlich ist die Sauerbrut eine Krankheit, die hoch ansteckend ist und unter anderem von Biene zu Biene übertragen wird. Ein weiterer Grund dafür, dass Krankheiten leicht übertragen werden, ist laut Carigiet denn auch, dass es eine Überpopulation an Honigbienen in der Schweiz gebe. Sie selbst hat zehn Völker mit ungefähr 10 000 bis 20 000 Bienen und Drohnen - also männliche Bienen. Eine Zahl, die im Vergleich zu den Völkern manch anderer Imker eher klein ist.Die Imkerin hofft nun, dass der Besuch des Bieneninspektors bei ihr in etwa vier Wochen gut verläuft und der Sauerbrut-Sperrkreis um ihr Grundstück aufgehoben werden kann.

Christine Carigiet macht einen nachdenklichen Eindruck, wenn sie über die Seuche spricht. Es nimmt sie immer noch mit, dass die Tiere, die sie gehegt und beobachtet hat, getötet werden mussten. «Es war ein absoluter Tiefpunkt», sagt sie. Aber gerade in der Woche darauf hätten sich viele Menschen bei ihr gemeldet, die sich für ihre Art der Bienenhaltung interessierten. Das habe ihr geholfen und sie darin bestärkt, jetzt erst recht weiterzumachen. Mit ihrem pädagogischen Wissen gibt Carigiet Ausbildungskurse des Bienenzüchtervereins des Bezirks Meilen für neue Imker. «Das Interesse in den Kursen für die wesensgemässe Bienenhaltung ist sehr gross», erzählt sie. «Immer mehr Imkerinnen und Imker möchten den Bienen wieder mehr Freiheit gewähren, denn nur so kann die evolutionäre Entwicklung der Bienen weiter gehen.» Christine Carigiet hat eine Saat ausgebracht, die nicht nur in ihrem eigenen Garten aufgeht.

Erstellt: 17.05.2019, 15:41 Uhr

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