Uetikon

«Die Bewohner sollen möglichst viel selber entscheiden»

Das anthroposophische Menschenbild spielt im Uetiker Sunnerain, einem Wohn- und Werkheim für Menschen mit Behinderung, seit jeher eine zentrale Rolle. Entsprechend ausgebildetes Personal zu finden, wird allerdings immer schwieriger.

Georgios Kalyvas ist der Institutionsleiter im Uetiker Wohn- und Werkheim Sunnerain.

Georgios Kalyvas ist der Institutionsleiter im Uetiker Wohn- und Werkheim Sunnerain. Bild: Manuela Matt

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Ein Schaf aus Ton formen oder mit Farbstiften bunte Rockmodelle entwerfen? Die Entscheidung fällt Rolf, einem der Heimbewohner, an diesem Nachmittag nicht leicht. Überhaupt liegt ihm gerade mehr daran, mit der Fotografin von der Zeitung über dieses und jenes Kameramodell zu philosophieren. Oder seinen Kommentar zu dem Lied abzugeben, das mit immer selbem Refrain aus dem Radio ertönt.

Seine vier Kollegen arbeiten derweil ungestört weiter. Nicht ohne hin und wieder eine seiner Äusserungen mit einem Lachen oder einer liebevoll-scherzhaften Bemerkung zu quittieren. Um sich dann wieder in ihre farbintensiven Zeichnungen zu vertiefen oder in ihre filigranen Tongebilde: Hier, im Töpferatelier des Wohn- und Werkheims Sunnerain in Uetikon.

Steiner-Philosophie im Leitbild

In der Institution hoch über dem Zürichsee leben und arbeiten Erwachsene mit geistiger Beeinträchtigung. Deren 24 sind es derzeit – zwei von ihnen wohnen schon so lange hier, wie das Heim selber besteht: 40 Jahre.

Das Jubiläum – das demnächst mit einem öffentlichen Fest gefeiert wird – bezieht sich auf die offizielle Inbetriebnahme des Sunnerains: als die inzwischen verstorbene Christel Schneider dessen Leitung übernimmt. Doch schon zwei Jahre zuvor, 1977, öffnet in der später abgerissenen Villa an der Uetiker Bergstrasse eine heilpädagogische Wohn- und Arbeitsstätte. Ihre damals fünf Bewohner werden von der Rafael-Vereinigung betreut. Dahinter wiederum verbirgt sich eine 1955 initiierte Elterngruppe. Sie hat zum Ziel, Ausbildungs- und Betreuungsmöglichkeiten für beeinträchtigte Kinder zu schaffen.

«Wichtig sind Rhythmen, Rituale und wiederkehrende Strukturen.»Georgios Kalyvas, Institutsleiter Sunnerain über Anthroposophie im Alltag

Diese frühen Anfänge beeinflussen bis in die Gegenwart den Betrieb. Nicht nur, weil die Rafael-Vereinigung nach wie vor als Trägerschaft des Heims fungiert. Sondern auch, weil für die Elterngruppe von damals das anthroposophische Menschenbild zentral ist. Und hierbei soll es bis heute bleiben – ist doch die Ausrichtung nach der Philosophie von Rudolf Steiner im Leitbild des Sunnerains verankert.

Regelmässigkeit ist zentral

«Daran wollen wir weiterhin festhalten», sagt Institutionsleiter Georgios Kalyvas. Allerdings sei dies eine grosse Herausforderung – finde man doch nur schwer entsprechend ausgebildetes Personal. «Um überhaupt qualifizierte Mitarbeiter zu haben, öffnen wir uns vermehrt gegenüber nicht-anthroposophisch geschulten Bewerbern», erklärt Kalyvas. Regelmässige spezifische Aus-und Weiterbildungen sollen gewährleisten, dass der Ansatz nach Steiner nicht verwässere.

Doch wie zeigt sich die Anthroposophie konkret im Heimalltag? «Wichtig sind Rhythmen, Rituale und wiederkehrende Strukturen», erläutert Kalyvas. Das schlage sich etwa im täglichen Praktizieren des Morgenkreises nieder. «Dabei begrüssen wir den Tag mit Liedern und guten Gedanken», erklärt er. Das, aber auch das Zelebrieren von Jahresfesten sowie Lektionen in der Bewegungskunst Eurythmie oder mit einem Sprachgestalter, sollen «ein Gefühl des Aufgehobenseins bewirken.»

Das Alter als neues Thema

Jenseits der Anthroposophie hat sich in den 40 Jahren einiges verändert. Da ist etwa der Bau des Wohnhauses 1985. Er drängt sich durch die steigende Nachfrage nach Heimplätzen auf. Mit ihm wird das Angebot an Werkstätten erweitert. 2010 gibt der Ersatzbau für die ehemalige Villa dem Sunnerain die heutige Gestalt. Da ist aber auch die Einführung regelmässiger Sitzungen mit den Bewohnern – dies im Sinne der Förderung von Autonomie und Selbstbestimmung. Sie nimmt immer grösseren Stellenwert ein, nicht zuletzt aufgrund gesetzlicher Bestimmungen. «Die Bewohner sollen möglichst viel selber entscheiden», sagt Kalyvas, «und dabei auch an der Gesellschaft ausserhalb des Heims teilnehmen.» Diese Autonomie widerspiegelt sich denn auch beim Einblick in die Töpferei, wo eben auch mal gezeichnet – oder gescherzt werden kann.

Freilich sei das Zugestehen der persönlichen Freiheit immer auch eine Gratwanderung. «Das ist jeden Tag ein Thema, das ausdiskutiert werden muss», erklärt Kalyvas. In den kommenden Jahren wird ihn und seine Mitarbeiter zudem etwas ganz anderes beschäftigen: Das Älterwerden der Bewohner. «Für Pflegebedürftige werden wir nicht eingerichtet sein», stellt Kalyvas klar. Aber man habe mit benachbarten Alterseinrichtungen Anschlusslösungen vereinbart oder sei bereit, im Hause Palliative-Care anzubieten. Ein Thema, das angesichts der munteren Gesichter in den Werkstätten und auf den Fluren noch etwas befremdlich wirkt.

Sunnerain-Fest zum 40-jährigen Jubiläum für die ganze Bevölkerung. Mit Ansprache von Gemeindepräsident Urs Mettler, Einblick in die Werkstätten, Verkauf von Produkten, Unterhaltung und weiterem. Samstag, 7. September, 9 bis 18 Uhr. Bergstrasse 290, Uetikon. www.sunnerain.com

Erstellt: 23.08.2019, 16:05 Uhr

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