Spitex

«Die ambulante Psychiatrie hat noch viel Potenzial»

Die Spitex Zürichsee behandelt immer mehr Patienten mit psychischen Erkrankungen im eigenen Zuhause. Dabei werden auch Familienangehörige einbezogen. Ein Vertrauensverhältnis zu den Patienten aufzubauen, sei jedoch nicht leicht, sagt Geschäftsleiterin Véronique Ducrot.

Medikamente richten und Strukturen aufbauen für den Alltag:?So hilft die Spitex etwa älteren, chronisch kranken Menschen, die an Depressionen leiden.

Medikamente richten und Strukturen aufbauen für den Alltag:?So hilft die Spitex etwa älteren, chronisch kranken Menschen, die an Depressionen leiden. Bild: Keystone

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Die Spitex Zürichsee betreut jeden Monat 30 bis 40 Personen mit psychiatrischer Erkrankung. Wie ist es dazu gekommen?
Véronique Ducrot: Die psychiatrischen Pflegeleistungen sind seit 1995 krankenkassenpflichtig. Mit der Stärkung der ambulanten Pflege und der Strategie des Bundes «ambulant vor stationär» ist der Bedarf gestiegen, und die Spitex hat sich in diesem Bereich entwickelt. Deshalb betreuen wir die Leute wenn möglich zuhause.

Hat die Anzahl solcher Patienten seit damals zugenommen?
Ja, eindeutig. Anfangs betreuten wir einige wenige psychisch kranke Personen. Wir stellten dafür eine Fachperson in einem 80- Prozent-Pensum ein. Diese übernahm damals auch noch Aufgaben in der somatischen Pflege. Heute setzen wir ausschliesslich für diesen Bereich 160 Stellenprozente ein.

Wie viele Menschen betreuen Ihre Mitarbeitenden monatlich insgesamt?
350 bis 400. Der Anteil der Menschen mit einer psychiatrischen Erkrankung macht also etwa zehn Prozent aus.

Sind die Pflegenden dafür speziell ausgebildet?
Ja. Es sind Pflegefachleute mit Schwerpunkt Psychiatrie.

Woran leiden die Patienten?
An psychiatrischen Krankheiten wie Schizophrenie, bipolare Störung oder Depression. Von Depressionen sind ältere, chronisch kranke Menschen besonders oft betroffen. Manchmal leiden ältere Leute seit Jahren an einer psychischen Erkrankung, ohne eine Diagnose sowie die richtige Therapie zu haben.

Wie sieht diese denn aus?
Wir führen viele Gespräche und beziehen dabei das Umfeld mit ein. Ausserdem helfen wir den Patienten, Strukturen aufzubauen für den Alltag. Je nach Erkrankung ist auch die Medikation wichtig. Wir kontrollieren diese und die regelmässige Einnahme. Vielfach kombinieren wir die psychiatrische Begleitung mit Unterstützung im Haushalt oder bei der Hygiene. Das ist bei älteren Kunden oft angebracht.

Wie lange begleiten Sie die Leute?
Manchmal sind es nur einige Monate. Betreuungsverhältnisse können aber auch mehrere Jahre dauern.

Welches sind die Herausforderungen in diesem Pflegebereich?
Unser grösster Vorteil, aber auch die grösste Herausforderung ist, dass wir zuhause pflegen und versuchen, den Alltag zu stabilisieren. Eine psychische Erkrankung wird oft versteckt, es ist noch immer ein Tabuthema. Viele Patienten oder Angehörige verweigern sich oder wollen nicht kooperieren. Wir müssen erst ein Vertrauensverhältnis aufbauen. Das braucht Zeit.

Unterstützen Sie auch Familienangehörige?
Ja. Familiengespräche gehören bei uns zum Standardangebot. Allerdings ist das keine ganz einfache Frage, denn grundsätzlich dürfen wir unsere Leistung nur am Patienten erbringen. Das wird uns so vorgeschrieben. Wollen wir Angehörige über längere Zeit unterstützen, müssen wir eine separate Verfügung organisieren.

Wann ist eine Situation für die Spitex nicht mehr tragbar?
Ganz klar, wenn eine Person sich selbst, Angehörige oder Mitarbeiter gefährdet.

Können Sie denn in solchen Fällen als Organisation Personen in eine geschlossene Klinik einweisen?
Alleine nicht, aber zusammen mit einem Arzt schon.

Kommt das oft vor?
Zum Glück nicht, aber ab und zu schon.

Wer weist Ihnen die Patienten zu?
Wir haben Zuweisungen von Hausärzten, Psychiatern und Kliniken.

Wie eng ist die Zusammenarbeit mit den psychiatrischen Privatkliniken im Bezirk, der Clienia Schlössli und der Hohenegg?
Sie ist eng, wir stehen in regelmässigem Kontakt. Ein wichtiger Partner ist auch das Clienia Psychiatriezentrum Männedorf. Einerseits als Partner in der ambulanten Versorgung, aber auch als Weiterbildungs- und Austauschmöglichkeit für unsere Fachleute.

Wie wird sich die Situation entwickeln?
Es gibt noch sehr viel Potential in der ambulanten Psychiatrie. Besonders bei chronisch kranken älteren Menschen, deren Zahl noch zunehmen wird. Die richtige Diagnose und Unterstützung sind in diesen Fällen entscheidend für die Angehörigen sowie den weiteren Lebensverlauf.

Spitex Zürichsee heisst die Organisation, die aus den früheren Spitex-Vereinen Meilen-Uetikon, Männedorf und Herrliberg hervorgegangen ist. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 02.09.2016, 16:35 Uhr

«Eine psychiatrische Erkrankung wird oft versteckt»:
Véronique Ducrot, Geschäftsleiterin Spitex Zürichsee. (Bild: zvg)

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