Uetikon

Deutsch büffeln statt Zeit totschlagen

Damit die Asylsuchenden in der Gemeinde nicht bloss herumsitzen, unterrichtet sie seit kurzem ein Uetiker Ehepaar in Deutsch – unkonventionell und beherzt.

Zuhören und nachsprechen gehört genauso zur Deutschstunde mit Renate Raths wie eine gute Portion Humor.

Zuhören und nachsprechen gehört genauso zur Deutschstunde mit Renate Raths wie eine gute Portion Humor. Bild: Stefan Müller

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Weil hier der Käse und das Jogurt anders schmecken als in ihrer Heimat, wollten die Asylsuchenden ihre geliebten Speisen kurzerhand selbst herstellen. Aber wo gibt es in Uetikon Frischmilch? Heinrich Trudel und seine Ehefrau Renate Raths funktionierten ihren Deutschunterricht spontan um in einen Dorfrundgang zu einem nahegelegenen Bauernhof. Dort kaufte der syrische Kurde Azzadin hundert Liter Milch und machte daraus Käse und Jogurt, wie er sie von zu Hause her kennt. Jetzt liegen die frischen Produkte vor ihm auf dem Unterrichtstisch, wo sie Teil des Lernstoffes sind. «Er stellt den Käse auf den Tisch», sprechen die Kursteilnehmenden auf Aufforderung des Lehrers eifrig nach. Gekostet werden darf natürlich auch.

Seit kurzem erteilt das pensionierte Ehepaar unentgeltlichen Deutschunterricht für erwachsene Asylsuchende und Flüchtlinge, vor allem Familien mit Kindern aus Syrien, Afghanistan und Iran. Jeden Mittwoch von 9 bis 11 Uhr findet der Unterricht im Gruppenraum der reformierten Kirche statt, die kostenlos Gastrecht gewährt. Für die Frauen gibt es ausserdem zusätzlichen Unterricht am Dienstagnachmittag.

Fünf Sprachen vereint

«Wir wissen nie genau, wer kommt», sagt der agile 69-Jährige, der als Primar- und Sonderklassenlehrer ein Leben lang Kinder unterrichtet hat, darunter auch traumatisierte Flüchtlingskinder aus diversen Ländern. Heute sind es drei Männer und sechs Frauen sowie zwei Kinder im Vorschulalter. Sie stammen aus Syrien, Iran und Afghanistan und sprechen vier Sprachen: Kurdisch, Dari (Afghanisch), Persisch-Farsi und Türkisch. Sprache im Unterricht ist konsequent Deutsch.

«Man merkt in Uetikon, dass
die Situation unter den Flüchtlingen entspannter ist 
als anderswo.»
Heinrich Trudel

Aus dem Hindukusch stammt beispielsweise ein junges, aufgeschlossenes Ehepaar mit einem kleinen Kind oder aus dem syrischen Kurdistan ein älterer Familienvater mit neun Kindern, stark traumatisiert von brutaler Polizeifolter. Man merke hier in Uetikon, dass die Situation unter den Flüchtlingen entspannter sei als etwa in anderen Gemeinden, wo mehr junge Einzelflüchtlinge in oft prekären Unterkünften lebten, stellt Heinrich Trudel fest.

Renate Raths kümmert sich jeweils an einem separaten Tisch um die traditionellen Frauen, ihr Ehemann um die Männer und liberaleren Frauen. An beiden Tischen wird jetzt eifrig zugehört, nachgesprochen – und viel gelacht. Mit Lehrmitteln könne nur begrenzt gearbeitet werden, führt Heinrich Trudel aus, da immer wieder auch Analphabeten darunter seien. Ausserdem würde auch viel Alltagspraktisches einfliessen – wie etwa beim Besuch auf dem Bauernhof vorige Woche. «Weil die Frage nach Frischmilch aufgekommen ist», erzählt der unkonventionelle Deutschlehrer, «besuchten wir eben auf einem der vier Dorfrundgänge einen Bauernhof.»

Früh mit Deutsch beginnen

Wie ist es zu diesem Engagement gekommen? «Als Anfang Jahr rund 40 Flüchtlinge, vor allem Familienverbände, in Uetikon platziert wurden, war das für uns ein Signal, auch in der Gemeinde etwas zu tun für die Neuzuzüger», erläutert Heinrich Trudel seine Motivation.

Bereits 2009 begannen er und seine Frau im Projekt «Deutschunterricht mit Mittagstisch» im Kirchgemeindehaus St. Jakob in Zürich mitzuarbeiten. Seitdem sind sie jeden Freitag auch dort im Einsatz. Für die beiden ist klar: «Erwachsene benötigen schon während des Asylverfahrens kostenlosen Deutschunterricht, wenn sie die Sprache des Gastlandes lernen wollen.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 08.04.2016, 17:12 Uhr

Verein Solinetz

Deutschkurse in den Gemeinden fördern

Der Deutschunterricht für Asylsuchende in Uetikon ist Teil des Engagements des Vereins Solinetz, der sich zum Ziel gesetzt hat, kostenlose Deutschkurse für Asylsuchende in den Gemeinden zu fördern. Es besteht Bedarf dafür, zumal die von der öffentlichen Hand angebotenen Deutschkurse für die meisten Flüchtlinge nicht ausreichend oder gar nicht zugänglich sind.

Ausserdem müssen die Zürcher Gemeinden seit Januar mehr Flüchtlinge aufnehmen. Der Kanton erhöhte die Aufnahmequote von 0,5 auf 0,7 Prozent, um alle Asylsuchenden unterbringen zu können. Das heisst, die Gemeinden haben neu sieben Flüchtlinge auf 1000 Einwohner unterzubringen. (mü)

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