Zürichsee

Der See ist auch ein Schrottplatz

Berufsfischer Kurt Weidmann hat zwei Monate lang gesammelt, was sich in seinen Netzen verheddert hat. Der Unrat, den er aus dem Zürichsee gezogen hat, ist beachtlich.

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Kurt Weidmann steht mit einem Messer am Trog und begutachtet seinen Fang. «Das war heute nicht sehr ergiebig», sagt der Berufsfischer aus Männedorf, während er seine Fische ausnimmt. Woran es gelegen hat? Weidmann zuckt mit den Schultern, und obwohl man aus seinen Augen das Gegenteil zu lesen glaubt, sagt er schelmisch: «Das weiss ich nicht. Es ist das Geheimnis des Sees.»

Der See hat viele Geheimnisse, Kurt Weidmann zieht immer mal wieder eines aus dem Wasser – bei weitem nicht nur Fische. Auf dem Seegrund liegt allerhand, und irgendwann hat Weidmann beschlossen, seinen Beifang eine Weile lang zu sammeln. Das hat er nun während zweier Monate getan – und der Platz vor der kantonalen Fischzuchtanlage in Stäfa, wo sich der Berufsfischer eingemietet hat, wirkt jetzt fast wie ein kleiner Flohmarkt. «Ich wollte meinen Kunden und den ZSZ-Lesern einmal zeigen, was da alles im See herumliegt», sagt Weidmann, der seit vier Jahrzehnten auf dem Zürichsee seinem Beruf nachgeht.

Von der Puppe bis zum Velo

Seine Ausbeute ist eindrücklich: In Ufernähe hat der Männedörfler ein Velo aus dem Wasser gezogen, das noch einigermassen neu aussieht – möglicherweise wurde es von einem Velodieb im See entsorgt. Einen Sonnenschirm, ein Kopf einer Puppe, eine Anglerrute eines Sportfischers, Spielzeugautos und Aludosen haben sich ebenfalls in seinen Netzen verfangen. Viele von Weidmanns Funden haben eine gewisse Ästhetik: Jahrzehntealte, rostzerfressene Eimer und mit Muscheln überzogene Schuhe und Flaschen gäben im Schaufenster jedes Antiquariats ein gutes Sujet ab. Der Fischer hat sie liebevoll auf dem Fenstersims der Fischzuchtanlage arrangiert.

Häufig findet er auch Sonnenbrillen, die den Leuten auf Schiffen und Booten ins Wasser fallen. Meist sind dies Missgeschicke, manche Gegenstände wie das Velo werden aber wohl mutwillig versenkt. Zum Beispiel hat Weidmann etwa 400 Meter im See draussen ein vier Meter langes Metallgeländer herausgezogen. Wie es dahin kam, kann er nur erahnen. «Jemand muss damit herausgefahren sein, um es ins Wasser zu werfen.»

Netze gehen kaputt

Der Unrat im See wirke sich nicht negativ auf den Fischbestand oder seine Erträge aus, sagt Weidmann. Für ihn sei er aber störend, weil die Gegenstände, die im Schlick liegen, oft seine Netze zerreissen. «Wenn ich solche Sachen herausziehe, ist das meist mit einem Schaden verbunden.» Hinzu komme der zeitliche Aufwand für die Entsorgung des Abfalls. Das vier Meter lange Geländer etwa zerlegt Weidmann mit der Trennscheibe, danach bringt er es auf den Schrottplatz.

Generell finde sich heute etwas weniger Müll und Schrott im See als früher, sagt Weidmann, dessen Sohn Sämi die Familientradition des Fischerberufs in der vierten Generation fortführt. «Das Umweltbewusstsein der Leute ist gestiegen.»

Der Tresor aus der Limmat

Demgegenüber sagt Wolfgang Bollack, Mediensprecher des kantonalen Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel): «Littering im Wasser nimmt in den letzten Jahren an stark frequentierten Uferbereichen leider eher zu.» Abfälle gehörten aber in die reguläre Entsorgung und nicht in den See. «Wasser ist ein kostbares Gut und der Zürichsee ein wichtiges Trinkwasserreservoir. Wer Unrat in den See wirft, handelt respektlos und macht sich strafbar.»

Von Abfall und Unrat im See weiss auch Taucher Adelrich Uhr zu berichten, der mit dem Tauchclub Zürichsee oft Putzaktionen in Gewässern durchführt. Das obere Seebecken empfinde er eher sauberer als früher, sagt er. «Im unteren Seebecken, insbesondere um das Bellevue, und in der Limmat trifft das Gegenteil zu.» Besonders bei Grossanlässen wie der Streetparade würden viele Gegenstände im Wasser landen. «Wir holen immer wieder viele Büchsen und Flaschen aus dem Wasser», sagt er.

Auch Velos und Töfflis fischt er oft aus dem See. Neulich habe er auch ein künstliches Gebiss gefunden. Einen seiner spektakulärsten Funde machte Uhr vor gut drei Jahren, als er einen Tresor aus der Limmat zog, den vermutlich Einbrecher geknackt und versenkt hatten.

Einen solchen Fund hat Berufsfischer Weidmann die vergangenen zwei Monate nicht gemacht. Darauf hat er es allerdings auch nicht angelegt: Er ist schon zufrieden, wenn die Fische im Netz zappeln.

Erstellt: 14.03.2017, 16:23 Uhr

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