Herrliberg

Der Reformierte Geist als Wertevermittler

Wie politisch darf und soll die Kirche sein? Darüber unter anderem diskutierten Vertreter von Politik, Wirtschaft und Kirche. Sie taten dies im Rahmen einer Tagung in der Herrliberger Kirche Tal zum Erbe von Zwingli.

Unter der Leitung des Herrliberger Pfarrers, Alexander Heit, wurde am Samstag darüber diskutiert, wie politisch die Kirche sein darf.

Unter der Leitung des Herrliberger Pfarrers, Alexander Heit, wurde am Samstag darüber diskutiert, wie politisch die Kirche sein darf. Bild: Sabine Rock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist wohl an niemandem vorbei gegangen in der letzten Zeit: Wir befinden uns im Zwingli-Jahr. 500 Jahre ist es her, da der Reformator seine Stelle im Zürcher Grossmünster angetreten hat. Und was musste der Jubilar während all der Gedenkfeiern nicht alles erdulden! Das Etikett des «Sozialrevolutionärs oder des politischen Revolutionärs wurde ihm angehängt», wahlweise auch «des Demokraten oder Erkenntniskritikers» und so weiter. Dies zumindest stellt Thomas Ribi am vergangenen Samstag fest. Der Feuilleton-Redaktor der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) sitzt da vor gut 150 Zuhörern in der Reformierten Kirche Tal in Herrliberg. Mit ihm vier weitere Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kirche.

Unter der Leitung des örtlichen Pfarrers, Alexander Heit, erörtert die Runde – wie könnte es anders sein – Zwinglis Nachhall in unsere Tage. Damit gestaltet sie den ersten Teil einer Tagung, die sich des Gegenstands aus unterschiedlicher Optik annimmt. Organisiert haben den Anlass die Kirchgemeinden Herrliberg und Erlenbach.

Dass Ribi mit dem «Verführerischen von Jubiläen» die mannigfachen Zuschreibungen des Gefeierten zu diesem und jenem Zweck anspricht, geschieht nicht von ungefähr. Denn, eben wird versucht, aus Zwinglis Geist eine Brücke zur Gegenwart zu bilden: zu Brexit, Frauenbewegung oder Klimawandel. «Ist bei diesen Themen noch ein sinnvoller Beitrag der Reformierten Kirche zu erwarten?», will Heit von seinen Gesprächspartnern wissen. Oder aber befinde sich der Protestantismus dort, wo ihn der Philosoph Peter Sloterdijk sehe? Nämlich im «Abklingbecken der Geschichte» – von wo er nicht mehr viel zu melden habe?

Verzagte Kirche

Damit öffnet Heit ein weites Feld. Die Frage nämlich, ob sich die Kirche politisch äussern soll. Sie ist für die Kirchenvertreter zuweilen ein Minenfeld. Oft würden sie etwa als zu links- oder zu ökolastig kritisiert, sagt Heit und spielt damit namentlich etwa auf CVP-Präsident Gerhard Pfister als solchen Kritiker an. Ribi ortet als Reaktion auf die metaphorischen Minen denn auch eine gewisse Verzagtheit bei den Reformierten Kirchgemeinden. Er nehme oft wahr, wie sich deren Exponenten quasi selbst zensurieren würden. Dies, indem sie vorsorglich jede Äusserung danach sondieren würden, ob sich nicht politisch aufgeladen sei und damit Kritik auslösen könnte. «So geht es nicht», würde Zwingli dazu sagen, meint der NZZ-Redaktor. Er lässt indes offen, ob sich die Kirche konkret etwa zum Klimawandel positionieren oder eher sensibilisierend den Wert der Schöpfung aufzeigen soll.

«Die Kirche kann nicht einfach wegschauen.»Corina Gredig, Co-Präsidentin der Grünliberalen Partei (GLP) des Kantons Zürich zum Thema Klimawandel

Damit nimmt er den Faden von Corina Gredig auf. Für die Co-Präsidentin der Grünliberalen Partei (GLP) des Kantons Zürich ist beim Thema Klimawandel klar: «Die Kirche kann nicht einfach wegschauen.» Sie müsse Räume zum Austausch bieten – ansonsten würde sie ihre Rolle als wichtige Akteurin in der Gesellschaft verlieren. Auch für den aktuellen Grossmünsterpfarrer Christoph Sigrist steht ausser Frage: «Dass die Kirche Stellung bezieht, wird erwartet.» Nicht nur für die Bewahrung der Schöpfung sondern auch für die Menschen, die nicht in das Leistungsschema passen würden.

Werte statt Parolen

Dem FDP- Nationalrat Beat Walti ist die von Ribi angesprochene Differenzierung wesentlich: zwischen einer Kirche, die sich mit Abstimmungsparolen in die öffentliche Diskussion eingibt und einer Kirche der Wertevermittlung. Ersterer steht Walti kritisch gegenüber – und, wie sich zeigt, ebenso seine Mitredner. Denn, die Kirche müsse auch – ja, vor allem – Raum schaffen für die Diskussion zu relevanten Themen, damit für andere Meinungen, für die Suche nach dem Konsens. Und so eben darin, die zentralen christlichen Werte wie Offenheit, Toleranz und Solidarität vorzuleben.

Auch sein Parteikollege, Ständerat Ruedi Noser, sieht die Wertevermittlung als zentrale Aufgabe der Kirche – die an Aktualität nichts eingebüsst habe. So sei etwa die Fähigkeit zur Vergebung gerade heutzutage wichtig – da «alles transparent wird». Zudem brauche die Politik immer wieder Anleitung, wo im Meer der politischen Meinungen die Grenzen zum Extremen zu ziehen seien. Die Kirche, aber auch die Kunst, seien solche Korrektive. Darin also – in der Offenheit von Diskussionen – soll sich Zwinglis Geist niederschlagen, so das Fazit des Gesprächs.

Erstellt: 09.09.2019, 14:44 Uhr

Artikel zum Thema

«Wir karrten lastwagenweise Dreck an»

Männedorf Wie es ist, einen Pestkranken zu spielen und eine mittelalterliche Welt zu kreieren: Darüber sprachen im Männedörfler Kino Wildenmann drei Beteiligte des neuen «Zwingli»-Films. Mehr...

Zwingli steht im Mittelpunkt des Jubiläumsjahres

Rapperswil-Jona Ein Musical, ein Oratorium, Stadtführungen, Vorträge und Bibelauslegungen: Die Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Rapperswil-Jona feiert 500 Jahre Reformation mit einem vielfältigen Programm – ein ganzes Jahr lang. Mehr...

Als Zollikon ein Hort von bibeltreuen Täufern war

Zollikon Vor bald 500 Jahren waren sie in Zollikon zuhause: Die Täufer, auch Wiedertäufer genannt. Ihnen gingen die Reformen von Huldrych Zwingli zu wenig weit. Die Konfrontation mit der Obrigkeit setzte ihrer Ausbreitung ein Ende, zumindest in Zollikon. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles