Küsnacht

«Der Pfarrer gehört im weitesten Sinn zur Unterhaltungsbranche»

Beat Schlatter wird am Sonntag in der reformierten Kirche Küsnacht predigen. Vor der neuen Rolle hat der Schauspieler und Kabarettist gehörig Respekt.

In der Zürcher Predigerkirche stieg Beat Schlatter (56) für die ZSZ schon einmal auf die Kanzel.

In der Zürcher Predigerkirche stieg Beat Schlatter (56) für die ZSZ schon einmal auf die Kanzel. Bild: Michael Trost

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kommenden Sonntag halten Sie die Predigt in Küsnacht. Heisst das, Sie spielen einen Pfarrer?
Beat Schlatter: Nein, sicher nicht. Das wäre eine ganz andere Herangehensweise. Ich trete in Küsnacht als Beat Schlatter auf. Was mich erstaunt: Das Medieninteresse ist gewaltig. Das Fernsehen wollte kommen, das Radio auch. Das habe ich aber alles gestoppt.

Wieso?
Das lenkt doch total ab. Ich mache meine Predigt nicht für die Medien. Nicht dass es heisst, ich wolle mich damit schmücken.

Was wollen Sie denn damit?
Glaube und Humor sind zwei Dinge, die fast nicht zusammengehen. Dieses Feld zu erkunden, reizt mich. Ausserdem beeindruckte mich Pfarrer Andrea Bianca enorm, als er im April die Abdankung für meinen Vater hielt. Er schaffte es, ganz unterschiedliche Zuhörer abzuholen – was etwas vom Schwierigsten ist. Als Andrea mich fragte, ob ich bei ihm eine Predigt halten wolle, sagte ich: selbstverständlich.

In der Einladung zum Gottesdienst steht, es sei Ihr Wunsch gewesen, eine Predigt zu halten.
Das war tatsächlich so. Es gibt ja diese Wünsche, bei denen man denkt, Gott sei Dank fragt niemand danach. Und jetzt hat Bianca dummerweise gefragt (lacht). Ein anderer Wunsch von mir war übrigens, einmal in der Verkehrskanzel am Central den Verkehr zu regeln. In einer Serie auf «Tele Züri» wurde mir dieser erfüllt. Es ist aber nicht so, dass sich da jedermann hinstellen kann: Ich musste zuerst in eine Schulung.

Glaube mit Humor zu verbinden reizt ihn: Beat Schlatter, hier in der Zürcher Predigerkirche, wird am Sonntag in Küsnacht predigen. Bild: Michael Trost.

Offenbar mögen Sie Kanzeln. Wie haben Sie sich denn auf die jetzige Aufgabe vorbereitet?
Eine Predigt hat eine Struktur, wie ein Drehbuch. Diese musste ich aufschlüsseln. Trotzdem hat man von mir nun keine Predigt wie von einem Pfarrer zu erwarten. Man sagt diesem ja auch nicht, er solle noch Cabaret aufführen. Jedoch finde ich: Der Pfarrberuf gehört im weitesten Sinn zur Unterhaltungsbranche. Ich möchte, dass mich der Pfarrer packt – mit seinen Geschichten, seinen Auslegungen. Das ist nicht billig gemeint: Die Leute zu unterhalten, ist etwas sehr Schwieriges.

Sie sind selber reformiert. Sind Sie auch praktizierend?
(Überlegt.) Also, ich helfe nicht mit, den Chilezmorge zu organisieren... (lacht)

Anders gefragt: In einem Interview bezeichneten Sie die Bibel als «Gebrauchsanweisung für das Menschsein». Welche Rolle spielt diese in Ihrem Alltag?
Es geht um Menschlichkeit. Eines der Gebote in den vorderen Rängen lautet ja: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. So funktioniere ich. Das meine ich mit Gebrauchsanweisung. Es gibt noch viele andere solche Sätze in der Bibel. Wenn ich nach diesen christlichen Werten lebe, komme ich gut durchs Leben. Im Zusammenhang mit der Predigt suchte ich auch nach Bibelstellen. Mein Thema lautet: «Wie entsteht Kreativität?»

Sie haben für die Zeitung «reformiert.» monatlich einen Pfarrer oder eine Pfarrerin interviewt. Haben diese in der heutigen Gesellschaft überhaupt noch
etwas zu melden?
Ja, und ich finde, die könnten das sogar noch viel mutiger tun. Weiter ist es natürlich ihre Rolle, Rituale zu gestalten. Ich war an der Abdankung eines verstorbenen Freundes auf dem Zürcher Friedhof Sihlfeld. Man hatte auf einen Pfarrer verzichtet. Mehrere hundert Leute kamen und standen im kalten Regen. Der, der reden sollte, blieb im Verkehr stecken. Jemand anderes sprach improvisiert, ohne Mikrofon, niemand verstand ihn. Es war dermassen unwürdig – ich wurde richtig wütend. Ein Pfarrer hingegen ist ein Profi für solche Angelegenheiten.

«Glaube und Humor sind zwei Dinge, die fast nicht zusammengehen. Das reizt mich.»Beat Schlatter

Warum finden Sie Rituale so wichtig?
Es geht ums Emotionale. Bei uns in der Kunst ist dies das Schwierigste und das Wichtigste: Emotionen schaffen. Etwa im Film, wenn die Zuschauer richtig mitfiebern mit der Hauptfigur. Das kann auch an einer Beerdigung geschehen, und dann bleiben einem die Person und der Anlass ganz anders in Erinnerung. Ein guter Predigttext genügt dafür aber nicht – man muss auch gut interpretieren können.

Das spielt Ihnen ja in die Hände.
Ja, aber ich muss auch daran arbeiten.

Sind Sie aufgeregt?
Total!

Was ziehen Sie an? Leiht Ihnen Andrea Bianca einen Talar?
Nein. Das ist eben das Problem: Man soll nicht meinen, ich spiele einen Pfarrer. Übrigens: Als bekannt wurde, dass ich diese Predigt halte, rief mich eine Frau an und wollte wissen, ob ich auch taufe. Ihre Schwester habe ein Kind bekommen. Ich fragte also Andrea, ob das okay wäre, wenn ich auch noch eine Taufe mache. Er sagte: «Um Himmels Willen, nein! Bei uns gibt es zwei Dinge, das Abendmahl und die Taufe, die muss der Pfarrer selber machen.»

Und beim anschliessenden Dorfplatz-Picknick, werden Sie da dabei sein?
Ja, klar. Ausser die Kirchgänger würden Tomaten nach mir werfen – dann flüchte ich durch den Hinterausgang.

Gottesdienst zum Bettag am Sonntag, 17. September, 10 Uhr in der Reformierten Kirche Küsnacht. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 12.09.2017, 15:09 Uhr

Kirche und Kino

Pfarrer standen Schlange für Interviews

Für die Zeitung «reformiert.» hat Beat Schlatter während anderthalb Jahren 17 Pfarrpersonen aus dem Kanton Zürich interviewt. Zum Abschluss wurde er im Juli vom Küsnachter Pfarrer und Kirchenrat Andrea Marco Bianca selber zu Wundern und Wein, Kirche und Politik befragt. Beat Schlatter sagt, er habe den Pfarrern bewusst naive Fragen gestellt. «Wie hat Jesus Wasser in Wein verwandelt?» zum Beispiel, oder «Welches finden Sie das langweiligste Kapitel in der Bibel?» – «Es ging mir aber nie darum, mich über sie lustig zu machen», sagt der Schauspieler und Kabarettist. Offenbar kam die Interview- Serie nach anfänglicher Skepsis auch bei den Pfarrern gut an: Diese seien regelrecht Schlange gestanden, erzählt Schlatter.

Als nächstes wird der Stadtzürcher im neuen Film «Flitzer» von Peter Luisi zu sehen sein. Darin spielt Schlatter einen Deutschlehrer in Geldnot, der auf eine unkonventionelle Idee kommt. «Flitzer» läuft ab dem 12.Oktober in den Kinos. (amo)

Artikel zum Thema

Beat Schlatter macht den Stapi zum Fensterputzer

Jona Mit seiner Bingo-Show sorgte Beat Schlatter im Kreuz für viele Lacher. Der Kabarettist nahm auch Politiker der Region auf die Schippe. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Gebärdensprache Lernen mit den Händen zu sprechen

Hier kocht Kochen ist wie ein Spiel ohne Grenzen

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben