Wochengespräch

«Der Kontakt zur Welt ausserhalb der Oper ist mir wichtig»

Die Mezzosopranistin Vessaelina Kasarova debütierte am Zürcher Opernhaus. Die gebürtige Bulgarin erlebte die erste Zeit hierzulande als Kulturschock.

Die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova singt unzählige Rollen im lyrischen wie im dramatischen Fach.

Die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova singt unzählige Rollen im lyrischen wie im dramatischen Fach. Bild: Moritz Hager

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Wir sind hier ganz in der Nähe des Zürcher Opernhauses, wo 1989 Ihre Karriere begonnen hat. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Vesselina Kasarova: Ich war immer sehr verbunden mit meinen Eltern. Ohne sie fern meiner Heimat Bulgarien zu leben, war schwierig. Hier in Zürich traf ich auf eine völlig andere Welt, mit einer anderen Sprache und einer anderen Mentalität. Es war eine Art Schock. Ich wurde aber im Opernhaus sehr gut aufgenommen. Alle haben mich unterstützt, und vor allem habe ich viel gesungen. In den ersten beiden Jahren bin ich in 140 Vorstellungen aufgetreten.

Sie sagen, die Mentalitäten von Bulgarien und der Schweiz habe sich unterschieden. Inwiefern stellten Sie das bei der Arbeit fest?

Im damaligen Bulgarien wurde viel in Sport und Musik investiert. Der Unterricht am Musikgymnasium war sehr strikt: Grundlagenfächer wie Mathematik, Geografie, Chemie und so weiter lernten wir am Vormittag. Am Nachmittag wurde uns dann ausschliesslich Musik vermittelt. Das Gesangsstudium an der Akademie war noch intensiver, wir lernten von der Theorie über Atemtechnik bis zu täglichen Einzellektionen die Stimmbildung, zudem erhielten wir Schauspielunterricht. Die Besten wurden besonders gefördert. Das war ein zusätzlicher Ansporn. In den westlichen Ländern habe ich diese Intensität in der Ausbildung nicht erlebt.

Sie haben schon mit unzähligen Regisseuren und Dirigenten zusammengearbeitet. Wie gehen Sie damit um, wenn Sie von dem Stück und Ihrer Rolle ein ganz anderes Bild haben, als das, was bei einer Inszenierung von Ihnen verlangt wird?

Es ist wichtig, genau hinzuhören, um den Charakter einer Person zu verstehen und damit auch ihre künstlerischen Vorstellungen. Wenn man das versucht, gibt es eigentlich immer einen Weg, auch wenn man vielleicht eine andere Meinung hat. Unser Beruf ist in dieser Beziehung sehr kompliziert. Wir arbeiten meist nur für ein paar Tage oder Monate in derselben Besetzung. So müssen wir uns stets in kurzer Zeit auf neue Menschen einstellen. Dieses Zusammentreffen mit den unterschiedlichsten Charakteren ist aber auch das Faszinierende neben dem Musizieren.

«Ich wurde im Opernhaus sehr gut aufgenommen, alle haben mich unterstützt.»


Vesselina Kasarova

Moderne oder klassische Inszenierung – das ist für Sie also eher zweitrangig?

Bei den sehr modernen Sachen ist für mich einfach entscheidend: Gibt es einen Sinn? Das, was ich auf der Bühne tue, muss nicht unbedingt mit dem, was ich singe, zu tun haben. Aber ich muss verstehen, was der Regisseur will. Wenn ich improvisieren muss und irgendwelche – ja, unsinnige Sachen machen muss, wird es schwierig. Und dennoch, ich versuche auch dann, die Vorstellungen des Regisseurs zu erfüllen. Aber diese Art der Arbeit ist nicht meine Lieblingssituation. Ich habe viele grosse Regisseure erlebt und kann dadurch vergleichen. Einige von ihnen machen sich Gedanken über jedes Detail, wie zum Beispiel ein Schuh auf der Bühne liegen muss. Wenn man als Sänger in diese Gedanken miteinbezogen wird, dann bekommt alles einen Sinn.

Was stellen Sie beim Publikum fest – sucht es in der Inszenierung einen Bezug zur heutigen Zeit oder vor allem die Erholung bei der Musik?

Wir lassen uns zwar für die Inszenierungen von der heutigen Zeit beeinflussen, von der Politik, von der Unruhe auf der Welt. Aber dennoch glaube ich, dass das Publikum grösstenteils in der Oper seine Sorgen vergessen will. Was wir aus den Medien erfahren, ist ja meistens negativ. Ich finde, wir brauchen daneben eine Welt der Fantasie und positiven Energie. Diese positive Energie kann die Oper den Menschen bringen – mit einer Inszenierung, die in erster Linie ästhetisch ist.

Wenn man sich täglich, wie Sie, in der fiktiven Welt der Oper bewegt, besteht da nicht die Gefahr, dass man mit der Zeit den Bezug zur Realität verliert?

Fantasie ist Teil meines Berufes. Aber nach der Vorstellung lebe ich nicht weiter in dieser Welt. Nicht zuletzt wollte ich auch eine intakte Familie, und das geht nur, wenn man Beruf und Privates klar trennt.

Dennoch, der Beruf der Opernsängerin bringt auch Einschränkungen mit sich und verlangt viel Selbstdisziplin. Welchen Einfluss hat dies auf Ihr Privatleben?

Man muss auf sehr vieles verzichten, damit die Stimme keinen Schaden nimmt. Aber das gehört dazu. Ich habe mir ein grosses Repertoire erarbeitet, mit allein in der Oper über 50 Rollendebüts – weil ich einfach immer weiter und mehr erreichen wollte. Und ich wusste, dass ich dafür nie krank sein durfte und auf meine Gesundheit achten musste. Das einzige, was ich mir menschlich nicht verzeihen kann, ist, dass ich so oft abwesend und dadurch nicht bei meinem Sohn war.

Sie reisen viel, haben Engagements und Auftritte an den grossen Opernhäusern der Welt, daneben geben Sie viele konzertante Auftritte. Zudem müssen Sie stets auf genügend Schlaf achten. Haben Sie überhaupt Kontakte zu Personen ausserhalb des Opernbetriebes aufbauen können?

Oh ja. Ich habe einige Freunde, die keine Musiker sind. Ich suche sogar bewusst den Kontakt zu ihnen, weil mir der Austausch mit anderen Lebenserfahrungen wichtig ist und gut tut. Sonst lebt man nur in dieser Opernwelt, die eigentlich unrealistisch ist.

Sie unterrichten auch Musikstudierende in Gesang. Welche Bedeutung hat diese Aufgabe für Sie?

Ich liebe es, jungen Sängern meine Erfahrungen weiter zu geben. Und ich glaube, ich bin auch eine gute Motivatorin. Man trägt als Dozent aber auch eine grosse Verantwortung, und das braucht viel Kraft. Denn man muss den jungen Leuten die Wahrheit sagen können, wenn ihr Talent nicht ausreichend ist. Das ist unangenehm, will man doch niemanden enttäuschen. Und trotzdem ist es sehr wichtig, dass man ehrlich ist.

Was hat sich im Laufe der Zeit in der Musikerausbildung geändert?

Heute verlangt man von den jungen Sängern sehr schnell Sachen, die nicht unbedingt gut sind für die Stimme. Die Stimme braucht jedoch Zeit, um sich zu entwickeln. Man muss mit jungen Leuten sorgfältig arbeiten und die richtigen Rollen auswählen. Forciert man die Stimme, dann kann es passieren, dass diese Sänger nach kurzer Zeit wieder von der Bildfläche verschwinden.

Sie betonen immer wieder in Interviews, wie wichtig Ihnen ist, sich selber treu zu bleiben.

Ja, und das ist das Schwierigste überhaupt. Ich hätte es jedoch nie geschafft, meine Stimme über so viele Jahre intakt zu halten, wenn ich mir nicht Zeit gelassen und nicht darauf verzichtet hätte, Experimente zu machen. Auch für einen Wechsel, wie ich ihn vom lyrischen zum dramatischen Fach gemacht habe, müssen die Stimme und der Mensch bereit sein. Diesen Zeitpunkt darf man sich nicht vom Manager bestimmen lassen.

Ist der anfängliche Schock, den Sie bei Ihrer Ankunft in Zürich vor 27 Jahren erlebten, nun gewichen? Fühlen Sie sich in Zollikon angekommen?

Ja, hier fühle ich mich wohl. Mein Mann ist ja auch Schweizer. Von meiner Heimat Stara Zagora in Bulgarien bin ich mir das Leben in einer kleineren Stadt gewohnt. Es entspricht mir mehr als das Leben in einer Grossstadt.Deshalb fühle ich mich hier in Zollikon wohl. Zudem ist mein Ehemann Schweizer.

Erstellt: 06.11.2016, 14:20 Uhr

Zur Person

Vesselina Kasarova wird 1965 in der bulgarischen Stara Zagora geboren. Früh lernt sie klavierspielen und erhält ab 1983 Gesangsunterricht. Es folgt eine Ausbildung zur Mezzosopranistin an der Musikakademie Sofia. 1989 entdeckt sie der damalige Direktor des Zürcher Opernhauses, Christoph Groszer, und engagiert sie direkt ins Ensemble. Damit beginnt für Kasarova eine Weltkarriere, die sie an unzählige Opernhäuser rund um die Welt führt. Kasarova ist verheiratet und Mutter eines 18-jährigen Sohnes. Die Familie wohnt in Zollikon.
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