Stäfa

Der Frost lässt die Hobby-Winzer kalt

Während am Zürichsee die Winzer grosse Ausfälle beklagen, hat der Frost einen kleinen Rebberg in Stäfa verschont. Dieser wird von einigen Hobby-Weinbauern gepflegt. Zur reichen Ernte hat auch die angebaute Rebsorte beigetragen.

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Als ob es ein ganz normales Jahr wäre. An den Reben hängen pralle Solaris-Trauben. Aber schon am Blauburgunder ein paar Meter weiter oben im kleinen Rebberg in der Stäfner Laubisrüti zeigt sich das grausame Erbe des Frosts vom April: Die Reben sind schütter wie das Fell eines räudigen Hundes.

Silvio Buchholz wendet sich der erfreulichen Seite der Parzelle zu und streift liebevoll über die Früchte am Stock. «Im Frühling hätten wir nie damit gerechnet, dass in diesem Jahr überhaupt etwas wächst, alle Triebe waren erfroren», sagt der 68-jährige Hobbywinzer, Mitglied eines kleinen Klubs von Freizeit-Weinbauern. Der Solaris wurde aber seinem robusten Renommee gerecht und hat sich mit neuen Trieben völlig erholt. Christian Schlumpf (70), pensionierter Turn- und Primarlehrer aus Männedorf frohlockt: «Der Behang ist der Hammer, vor allem wenn man auf die allgemeine Lage in den Reben schaut.»

Stäfas Hobby-Winzer bei der Arbeit. Die Wahl einer seltenen Rebsorte hat sich gelohnt: Ertrag und Qualität der Trauben sind erfreulich hoch. Video: Patrick Gutenberg.

Schnellbleiche für die Helfer

Jetzt ist Erntezeit, die Solaristrauben sind voll im Saft und Zucker, haben schon 105 Grad Oechsle. Sie müssen in den Keller bevor Wespen und Kirschessigfliegen auf den Geschmack kommen. Die Mitglieder des Klubs und einige Helfer treten zum Wümmet an. Buchholz erklärt nochmals, wie gelesen wird. «Eingetrocknete Beeren sind gut, aber die glatten braunen müssen weg.» Zur Verdeutlichung hält er eine Traube seinem Gegenüber unter die Nase: «Riech mal – Essig.»

Die Lektion sitzt, niemand fragt. Sofort machen sich die neun Männer und eine Frau an die Arbeit. Schon geht das Geschnipsel los. Buchholz schaut den anderen zunächst prüfend auf die Finger und die abgelesenen Trauben. Es passt, jetzt greift auch er zur Rebschere.

Auf der Suche nach Rebberg

Die Stäfner Runde der Hobbywinzer und ihre Helfer sind ein Paradebeispiel für ein soziales Netzwerk der bodenständigen Art. Sie sind kreuz und quer verbunden durch Verwandtschaft, Freundschaft, Freundes-Freunde, Nachbarschaft und Vereinsleben. Vor allem Gesang verbindet sie. Shanty Men Stäfa und Männerchor Rüti ziehen sich wie ein roter Faden durch diesen Weinklub. Da erstaunt, dass beim Wümmet nicht gesungen wird.

Das Ur-Trio bildeten Silvio Buchholz, Christian Wethli und Erich Schönenberger. Sie suchten einen Rebberg, um ihre einst theoretische Passion in die Praxis umzusetzen. Beim Stäfner Hans-Peter Knöpfel wurden sie fündig. Der bot ihnen ein Stück Land in der Laubisrüti an, wo bis 2011 noch Kühe grasten. Dort bauten sie ihren Solaris an und pflegen gemeinsam mit dem Rebland-Eigentümer und langjährigen Alleinwinzer Knöpfel die Blauburgundertrauben. Seither sind sie ein eingeschworenes Weinbau-Quintett.

Verschrumpft wie alte Herren

Die Stimmung in der Runde ist prächtig, es wird gescherzt und gelacht. Dann interveniert Silvio Buchholz doch einmal. Er hat Stiellähme, eine Wachstumsstörung an einer Traube entdeckt, und warnt seine Kollegen. «Achtung, die sind bitter – wegschneiden», zeigt er auf die Beeren. Christian Schlumpf kann sich einen lakonischen Vergleich nicht verkneifen: «So verschrumpft wie wir alte Herren.»

Er habe ein Leben lang Wein verkauft und schätze ihn als Kulturgut, erzählt Buchholz. Der 68-jährige führte in Hombrechtikon einen Denner-Satellit. Irgendwann reifte der Gedanke, Wein selber anzubauen. In der Fachhochschule ZHAW absolvierte er Kurse und liess sich zum Weinbauern ausbilden.

«Die Reben erhalten jung»

Christian Wethli ist, obwohl mit 58 Jahren Junior im Klub, der amtsälteste Weinbauer. «Ich habe eine Winzerausbildung, konnte das aber nie beruflich ausleben», sagt der Eigentümer einer Baufirma in Dürnten. Immerhin konnte er zwölf Jahre lang in Meilen einen kleinen Rebberg beackern. Das Hobby erfüllt ihn, zumal wenn er es mit Gleichgesinnten teilen kann. «Am wichtigsten hier ist die Freundschaft», sagt Wethli.

Erich Schönenberger besass in Rüti eine Papeterie und ein Bastelgeschäft. «Es ist eine Freude zu sehen, wie aus dem, das hier wächst, etwas Genussvolles entsteht», sagt der 75-Jährige. «Ausserdem trinke ich gerne Wein.» Christian Schlumpf stiess als Letzter zur Runde der Hobbywinzer. «Die Reben erhalten jung». Sein Motto gibt er mit breitem Grinsen preis: «Was der Seele gut tut, kann der Leber nicht schaden.»

Keine Freunde des Spritzens

Gar nicht so alt ist die Solaris-Rebe. Sie wurde erst 1975 gezüchtet und fristet ein wenig ein Schattendasein. Mit ein Grund für die geringe Verbreitung ist die Wirtschaftlichkeit. Das, was die Sorte so widerstandsfähig gegen Wetter und Schädlinge macht, ist zugleich ihre Schwäche. «Schale und Stängel sind dick, sie machen ein Drittel des Gewichts aus», erklärt Silvio Buchholz. Bei Riesling ergibt der Traubenabfall nur ein Viertel.

Für die Hobbywinzer sei das jedoch nebensächlich, nicht aber die Robustheit der Sorte, die ihrer Philosophie entgegenkommt: «Wir sind keine Freunde des Spritzens. Das ist keine schöne Arbeit und sie ist auch teuer.»

Für Christian Wethli war darum die Wahl einleuchtend: «Wir wollten eine pilzresistente Sorte.» Sogar Mehltau habe es schwer, in die Trauben einzudringen. Weiterer Vorteil: Weil der Solaris so früh erntereif ist, sind keine Netze nötig. Die gefrässigen Vögel laben sich jetzt noch an anderen Früchten auf den Bäumen und sammeln sich erst im Oktober vor dem Abflug in den Süden zu den gefürchteten Schwärmen.

Keltern beim Profi

Bekannt ist aber auch, dass der Solaris im Keller besondere Pflege benötigt, um seine Qualitäten zu entwickeln. Dazu gehört eine spezielle Hefe. «Wenn der Solaris gut ausgebaut ist, hat er ein Bouquet wie ein Sauvignon Blanc», schwärmt Wethli und unterstreicht seine Bemerkung mit der Hand, in der Daumen und Zeigefinger einen Ring bilden.

Nach einem Vorwümmet, der bereits am 25. August stattgefunden hatte und bei dem gute 200 Flaschen im Weinkeller der Hobbywinzer gekeltert wurden, ist nach drei Stunden der Hauptwümmet beendet. Mit 90 Prozent Ertrag ist 2017 ein gutes Rebjahr für die Freizeit-Weinbauern. Jetzt überlassen sie die weitere Arbeit Martin Wetli, Winzer in Ürikon. Rund 600 Flaschen Solaris wird er keltern. Verkauft wird der Wein über private Kanäle. «Und Mundpropaganda», sagt Silvio Buchholz, «das passt ja gut zum Wein».

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 12.09.2017, 08:39 Uhr

Nachgefragt

«Die ganz frühen Sorten litten am meisten»

Nach dem Frost im April sprachen einige Winzer am Zürichsee von Ernteausfällen von 50 bis 100 Prozent. Wie hoch sind die Einbussen nun tatsächlich?
Andreas Wirth: Die Einbussen lassen sich nach dem Wümmet exakt beziffern. Aber der Spätfrost wird sich auswirken. Auch in der Seeregion. Die Ernte wird spürbar tiefer ausfallen als im langjährigen Mittel.

Erholte sich die Natur nochmals durch neue Triebe?
Nach dem Spätfrost reagierten die Reben mit einem zweiten ­Austrieb – «dem zweiten Schuss». Diese Schösslein treiben zwei bis drei Wochen nach dem Frost aus Nebenaugen oder schlafenden Augen. Sie sind weniger fruchtbar, sie tragen weniger und kleinere Trauben. Oder auch mal gar keine. Diese «späten» Träubchen haben sich dank des guten Sommers prächtig entwickelt – und vermögen nun einen Teil des Schadens zu kompensieren.

Welche Sorten sind am stärksten betroffen?
Die ganz frühen Sorten litten am meisten, da die jungen Schösslein schon grösser waren. Dazu gehört der Chardonnay.

Wovon hängt es ab, dass der eine Betrieb mehr, der andere weniger geschädigt wurde?Von den lokalen Gegebenheiten. Oben / unten am Hang, hinter der Hecke, am Waldrand, in der Senke, windexponiert . . . Man wird diesen Faktoren noch mehr nachgehen, um allfällige Zusammenhänge zu erklären.

Sind stark betroffene Winzer in diesem Herbst «arbeitslos»?
Kaum, es hat ja nicht nichts an den Stöcken. Dass aus dem Grund «Das lohnt sich nicht» nicht gelesen würde, glaube ich weniger. Und dann gibt es auch die ver­hagelten Reben: Hier wird der Sönderungsaufwand gross. Ebenso dort, wo die Wespen gewirkt oder die Traubenbeeren sonst Schaden genommen haben und allenfalls nicht in das Erntegut gehören.

Wie sieht es bei roten Sorten aus?
In den Hagelgebieten nicht sehr gefreut: Sonst ist man gespannt, was denn tatsächlich in den Standen sein wird am Ende des Wümmets. Zurzeit legen die Mostgewichte ganz gehörig zu. Hält der Herbst, darf man auch gespannt sein auf die Qualität. Diese Aussichten sind gut. Aber noch sind die Trauben nicht im Kelter, die Kirschessigfliege droht in den Rebbergen und erheischt aktuell die ganze Aufmerksamkeit der Rebleute und Winzer.

Andreas Wirth, Leiter Rebbaukommissariat des Kantons Zürich

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