Kantonsratsserie

Der Freisinnige, den manche als «linken Typen» sehen

Finanzpolitik steht zuoberst auf der Agenda von FDP-Kantonsrat Peter Vollenweider. Der Stäfner setzt sich aber auch für Behinderte ein.

Peter Vollenweider, Vizepräsident der FDP-Fraktion im Kantonsrat, trinkt lieber Coke Zero als Kaffee.

Peter Vollenweider, Vizepräsident der FDP-Fraktion im Kantonsrat, trinkt lieber Coke Zero als Kaffee. Bild: Michael Trost

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Das Lokal, in dem wir Peter Vol­lenweider treffen, ist spezialisiert auf Kaffee. Manche sagen gar, es gebe hier den besten der Stadt. Den 42-jährigen Stäfner – er macht den Auftakt in einer neuen Portraitserie der ZSZ über Kantonsräte aus dem Bezirk Meilen – beeindruckt das wenig. Ohne zu überlegen bestellt er Cola Zero ohne Eis und Zitrone. Um gleich anzufügen: «Ich trinke das den ganzen Tag, Kaffee dagegen fast nie.»

Im Café Henrici im Zürcher Niederdorf verkehrt Vollenweider aus einem an­deren Grund regelmässig. Hier verbringt die FDP-Fraktion des Kantonsrats jeden Montag die Pause. Vollenweider ist deren Vizepräsident und ein Freisinniger mit recht typischer Biografie: Betriebswirtschaft studiert, lange bei der Credit Suisse gearbeitet, mittlerweile selbstständiger Berater im Risikomanagement von Banken und Versicherungen. Trotzdem muss er sich manchmal aus der eigenen Partei anhören, ein «linker Typ» zu sein. Der jugendlich wirkende Mann im Anzug – aber ohne Krawatte – lacht. «Für manche mag es schwer verständlich sein, dass ich mich für sozial Schwächere einsetze.» Dabei sei das Anliegen, deren persönliche Freiheit zu verbessern, ein urliberales.

Ein Politiker im Spagat

Peter Vollenweider ist Präsident von Promobil. Die Stiftung, vom Kanton Zürich gegründet, finanziert Fahrten für Menschen mit einer Behinderung, die in bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen leben – quasi als Ersatz für den öffentlichen Verkehr. Promobil ist empfindlich vom ­aktuellen Sparprogramm des ­Regierungsrats betroffen. Gegen die Kürzung der Beiträge kämpft Vollenweider als Stiftungspräsident. Gleichzeitig ist er Mitglied der kantonsrätlichen Finanzkommission (Fiko) – und somit fürs Sparen mitverantwortlich.

«Momentan mache ich einen Spagat», räumt der Stäfner ein. Und redet sich dann ins Feuer: «Natürlich bin ich für Selbst­verantwortung. Aber wo diese ­erschwert ist, braucht es Unter­stützung vom Staat. Was mit den Schwächeren passiert, kann uns nicht egal sein. Und schliesslich soll Sparen fair sein.»

«Kein Spaziergang»

Dass dann doch keiner in der FDP Angst haben muss, Peter Vollenweider sei ein Linker, zeigt sich bei einem anderen Thema: dem Seeuferweg. In einem Verein und mittels Vorstoss im Parlament setzt er sich gegen Enteignungen ein. «Klar, die Leute wollen an den See», sagt Vollenweider. Einen durchgehenden Weg direkt am Wasser hält er aber für absurd – zumal in der stark verbauten Agglomeration Zürich. «Der Nutzen, den die Allgemeinheit davon hätte, steht in keinem Verhältnis zum Schaden für die privaten Grundeigentümer.»

Apropos Weg: Das Amt im Kantonsrat sei «kein Spaziergang», findet Vollenweider nach bald drei Jahren. Hingegen wandert er gerne, mit Ehefrau und Hund, und fährt Velo. Die montäglichen Debatten im Rat erlebt er als durchaus hart, doch die persön­liche Ebene zwischen den Politikern stimme. Er selber wolle weniger mit lauten Voten, sondern durch sachliche Arbeit auffallen. Dann ist auch das zweite Fläschchen Cola leer. Seinen Koffeinschub hat Vollenweider erhalten – ganz ohne Kaffee.

Erstellt: 11.11.2016, 17:42 Uhr

Ratsgipfeli (Serie): Kantonsräte im Portrait.

Hineingehorcht

Ist Macht käuflich?
Peter Vollenweider: Macht kann missbraucht werden, aber wohl kaum direkt gekauft werden. Hingegen können Menschen auf dem Weg dorthin käuflich sein. Wer sich kaufen lässt, macht sich abhängig und erpressbar.

Wann verlieren Sie die Beherrschung?

Wenn ich im Stress bin und mir von Besserwissern Behauptungen anhören muss. Dann stösst bei mir die Geduld an Grenzen.

Mögen Sie Überraschungen?
Ich bin neugierig, und Überraschungen sind für mich spannend und eine Bereicherung. Auch im politischen Umfeld erlebe ich immer wieder Überraschungen, die ich gerne annehme und nach alternativen Lösungswegen suche.

Haben Sie schon mal ans Auswandern gedacht?
Ich arbeite in einem internationalen Umfeld und finde dies herausfordern. In Zürich bin ich verwurzelt. Ich finde hier alles, was mir wichtig ist: persönliche Entfaltungsmöglichkeit, kulturelle Vielfalt und eine hohe Lebensqualität. Auswandern möchte ich nicht.

Was war als Kind Ihr Traumberuf?

Im Kindergartenalter wollte ich Indianer werden, denn die Lebensweise in der Natur faszinierte mich und bedeutete Freiheit. Ein Wert, für den ich mich heute gerne einsetze. (amo)

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