Verkehr

Jeder Fünfte am See ist ein ÖV-Pendler

In welchen Zürichsee-Gemeinden sind ZVV-Abos und GAs am beliebtesten? Werden ÖV-Abos beliebter, je weiter weg von Zürich jemand wohnt? Eine Datenanalyse.

Mehr als die Hälfte der Einwohner von Seegemeinden mit Bahnhöfen besitzen ein Halbtax-Abo oder ein Generalabonnement.

Mehr als die Hälfte der Einwohner von Seegemeinden mit Bahnhöfen besitzen ein Halbtax-Abo oder ein Generalabonnement. Bild: Symbolbild/Keystone

Es ist eine kaum vorstellbare Zahl: 1,8 Millionen Mal pro Tag wird im Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) ein Zug, Tram oder Bus bestiegen. Das öffentliche Verkehrsnetz ist eine der Lebensadern des Kantons.

Jetzt zeigen neu publizierte Daten der SBB erstmals auf, in welchen Gemeinden der Schweiz wie viele Jahresabos für den öffentlichen Verkehr verkauft werden. Die Zürichsee-Zeitung hat die Daten der See-Region analysiert.

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Der Bahn-Bus-Graben

Wer einen Bahnhof vor der Haustüre hat, löst eher ein Jahresabo. Stehen in einem Ort nur Busverbindungen zur Verfügung sinkt die Quote der Jahresabo-Besitzer – und das selbst dann, wenn die Busverbindungen zahlreich sind. Bestens illustrieren lässt sich dies am Beispiel der Gemeinde Oetwil. Im Ort verfügt nur jeder zehnte Einwohner über ein Jahresabo des Zürcher Verkehrverbundes oder ein SBB-Generalabonnement. Oetwil ist, teils gar im 15-Minuten-Takt, per Bus an Uster, Wetzikon, Männedorf und Stäfa angebunden. Vom Kanton wird deshalb das Dorfzentrum rund um die Haltestelle «Zentrum» auch mit der zweithöchsten Stufe der ÖV-Erschliessung klassiert. Nur gerade Bahnknotenpunkte wie Wädenswil oder Thalwil gelten als besser erschlossen. Nur in der dritthöchsten Kategorie findet sich das Gebiet um den Bahnhof Männedorf – der Nachbargemeinde von Oetwil. Trotzdem hat in Männedorf jeder vierte Einwohner der Gemeinde ein Jahresabo. Ähnliche Unterschiede zwischen Bus- und Bahn-Gebieten gibt es etwa in Hombrechtik/Feldbach oder am linken Seeufer in Hütten oder Schönenberg.

Beim Zürcher Verkehrsverbund äussert man sich zur Bewertung der einzelnen Haltestellen in den ÖV-Erschliessungsklassen nicht. Denn: «Es besteht mit der kantonalen Angebotsverordnung eine gesetzliche Grundlage, die festlegt, welche Gebiete mit welchem Mindestangebot an öffentlichem Verkehr zu erschliessen sind», meint Thomas Kellenberger vom ZVV. Der Kanton Zürich legt fest, dass Siedlungsgebiete mit mindestens 300 Einwohnern, Arbeits- und Ausbildungsplätzen mit einer Haltestelle des öffentlichen Verkehrs erschlossen werden.

Die Hoffnung von manch einem Pendler, dass gerade sein Abo den Ausschlag für ein zukünftig verbessertes Fahrplanangebot gibt, zerschlägt Kellenberger: «Es ist unserer Meinung nach nicht möglich, aufgrund der räumlichen Verteilung von Abonnementen konkrete Aussagen zur Nutzung des öffentlichen Verkehrs und den Auswirkungen auf die Angebotsplanung zu machen, da die Daten nur einen Teil der Kunden abdecken.» Einzeltickets, Tageskarten oder Mehrfahrtenkarten, aber auch Monatsabos werden von anderen Statistiken erfasst.

Wo das GA attraktiver wird

Das sich durchaus Rückschlüsse ziehen lassen, zeigt jedoch ein anderes Beispiel aus der Verbundabo-Statistik. Je näher an der Stadt Zürich nämlich eine Gemeinde liegt, desto eher kaufen Kunden auch ein Verbundabo. Ist die Gemeinde weiter entfernt, greifen Pendler lieber zum Generalabo, das für freie Fahrt in der ganzen Schweiz berechtigt.

«Viele Menschen in den Ballungsräumen machen heute ihre Wohnortwahl vom öV-Angebot abhängig.»
Christian Ginsig, SBB

In Zollikon – mit gesamthaft fast 28 Prozent an Jahresabos die Gemeinde mit der höchsten regionalen Quote – haben 20 Prozent der Einwohner ein ZVV-Abo gelöst, nur 7 Prozent ein GA. Seeaufwärts in Stäfa haben sich die Quoten angeglichen. Von 22 Prozent der Einwohner die ein Jahresabo kaufen, entscheiden sich die ÖV-Nutzer je hälftig für GA- und Verbundabo.

Diese Tendenz lasse sich schweizweit bestätigen, meint SBB-Sprecher Christian Ginsig: «Ist die Distanz zwischen Wohn- und Arbeitsort grösser, nimmt die GA-Nutzung gegenüber Verbundabos zu. Grund dafür ist, dass das Generalabo aus preislichen Gründen über längere Distanzen oft auch als reines Pendlerabo genutzt wird.» Die hohe Abodichte in der Region Zürich zeige auch, dass im urbanen Raum der öV stärker genutzt werde. Mit 11 Generalabos auf 100 Einwohner liege Stäfa, aber auch Männedorf, übrigens weit über dem kantonalen Schnit von rund 6 GAs pro 100 Einwohner.

Die Innerschweiz-Connection

SBB-Sprecher Christian Ginsig kennt noch eine weitere Tendenz bei Abokäufern: «Viele Menschen in den Ballungsräumen machen heute ihre Wohnortwahl vom öV-Angebot abhängig.»

Seine These lässt sich am Zürichsee in Thalwil und Horgen belegen. Nirgends werden am See soviele Abos für den verbundübergreifen Verkehr in den Kanton Zug gekauft, wie in diesen Gemeinden. Die beiden Orte verfügen über hervorragende Anschlüsse in die Zentralschweiz, entsprechend beliebt sind dort solche Abos.

Beliebtes Halbtax-Abo

Wie beliebt der öffentliche Verkehr in der Schweiz ist, zeigt sich, wenn man auch die Zahl der Halbtax-Abos beizieht. Dann hat in vielen Gemeinden mehr als jeder zweite Einwohner mindestens ein ÖV-Abo (GA oder Halbtax).

Ein Bahn-Bus-Graben – oder auch Stadt-Land-Graben – lässt sich aber auch bei diesen Gemeinden ausmachen. Ein Drittel der Einwohner verfügt in «Bus-Gemeinden» über ein SBB-Abo, in Bahnhofsgemeinden mit Direktverbindungen Richtung Zürich sind es rund die Hälfte der Einwohner.

Erstellt: 17.10.2018, 16:26 Uhr

Die Daten

Seit einigen Jahren bieten die SBB Kundeninformationsdaten des öffentlichen Verkehrs der Schweiz online kostenlos an. Die publizierten Daten sind für Entwickler aufbereitet, die daraus eigene digitale Angebote schaffen können. Das ganze ist Teil einer «Open Data»-Strategie. Letzte Woche haben die SBB auf der Plattform «opentransportdata.swiss» erstmals auch die Zahl der verkauften Verbundabos publiziert. Der Datensatz umfasst die verkauften Jahresabos aufgeteilt nach der Postleitzahl des Rechnungsempfängers. Nicht aufgeschlüsselt wird in der Datenbank, wieviele Tarifzonen die gekauften Verbundabos umfassen. Die Zürichsee-Zeitung hat die Daten für die See-Region daraus ausgelesen und analysiert.

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