Wochengespräch

«Den Stempel der Miss Schweiz zu haben, ist brutal»

Zum dritten Mal tourt Stéphanie Berger mit einem Comedy-Programm durch die Schweiz. Doch sie kann nicht nur lustig: Im Gespräch schlägt die Hombrechtikerin auch nachdenkliche Töne an.

Stéphanie Berger ist am Zürichsee aufgewachsen: Am 1. Dezember wird sie in Männedorf auftreten.

Stéphanie Berger ist am Zürichsee aufgewachsen: Am 1. Dezember wird sie in Männedorf auftreten. Bild: Michael Trost

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Wann sind sie das letzte Mal dem Vorurteil begegnet, dass schöne Frauen nicht intelligent sind?
Stéphanie Berger: Das ist mir in den Anfängen als Comedienne passiert, in letzter Zeit nicht mehr.

Ich kann mir vorstellen, dass der Weg von der Miss Schweiz zur Comedienne schwierig war. Wie haben Sie das erlebt?
Mit dieser Vorgeschichte habe ich sehr viele Vorurteile erlebt. Es brauchte unglaublich viel Durchhaltevermögen. Jetzt bin ich in meinem elften Jahr Comedienne und mache das dritte Programm. Es ist eine Erfolgsgeschichte.

Würden Sie sich denn heute wieder für die Miss-Wahlen bewerben, wenn Sie das Rad der Zeit zurückdrehen könnten?
Nein, auf keinen Fall. Den Stempel der Miss Schweiz zu haben und damit nur aufs Äusserliche reduziert zu werden, ist brutal. Wenn du 17 bist, hast Du keine Chance, damit vernünftig umzugehen.

Ihr drittes Programm heisst «No stress, no Fun». Wann hatten sie das letzte Mal im Stress so richtig viel Spass?
Wenn meine Managerin Laura Maria Margulies und ich unterwegs sind, haben wir eigentlich immer viel Spass. (lacht) Wenn wir zu angespannt sind, versuchen wir tief durchzuatmen und die Lockerheit zu bewahren. Nichts ist so wichtig, dass man dafür den Spass verliert.

Sie haben also das Geheimrezept gegen jegliche Burnouts gefunden, indem Sie den Stress mit Lachen bekämpfen?
Mit Lachen und auch mit der Einstellung, dass man nicht 150 Prozent geben muss, sondern dass 100 Prozent reichen.

Das heisst, Perfektionismus ist das grosse Problem in der Gesellschaft?
Auch ich bin perfektionistisch. Aber ich gehe anders damit um. Der Anspruch auf Qualität, den ich auf der Bühne habe, wird immer bleiben. Ich geissle mich aber nicht: Erfolg ja, aber nicht um jeden Preis. Schon gar nicht um den Preis der eigenen Gesundheit.

Sie hatten unter anderem nach der Miss-Wahl schwierige Phasen im Leben. Wie hat Sie das geprägt?
Es hat mich sehr geprägt. Ich verarbeite mein Leben in meinen Programmen. Ein gewisser Tiefgang und dass der Zuschauer etwas mitnimmt, sind mir wichtig. Du kannst nur Leichtigkeit vermitteln, wenn du Schwere erlebt hast. Wer auf der Bühne stehen und Humor machen will, muss ein tiefgründiger, nachdenklicher Mensch sein.

Welche Werte wollen Sie denn vermitteln?
Ich will Gesellschaftskritik üben. Das Thema in «No Stress, no Fun!» ist Emanzipation. Die Geschlechterspaltung war für den ersten Moment gut und wichtig. Ich bin aber der Meinung, dass es nicht ohne einander geht. Die Männer müssen ihre Aufgabe erfüllen, damit wir Frauen nicht ständig kämpfen und schreien müssen.

Welche Aufgabe denn?
Die Pflicht des Mannes ist es, die Frau zu respektieren, beschützen und unterstützen. Das ist Männersache.

Derzeit ist die Aktion #Me Too, mit welcher Frauen Sexismus und sexuelle Belästigung anprangern, auf allen Kanälen präsent. Wird das auch Thema in Ihrem Programm sein?
Ja, ich habe ein Lied über das Thema geschrieben: «Lass mich Frau sein». Es ist der einzig nachdenkliche Moment in meinem Programm. Ich halte der Gesellschaft einen Spiegel vor, indem ich sage: Hey, wir müssen in die emotionale Urform zurückkehren. Bitte Männer, seid Gentlemen und Frauen lasst das wieder zu. Für mich ist ein Mann dann schwach, wenn er eine Frau nicht respektiert. Wir müssen miteinander arbeiten können. Die Emanze war gestern, heute ist die Charmanze angesagt.

Stress hat auch öfters mit einer mangelnden Trennung von Privatem und Beruflichem zu tun. Wie ist das bei Ihnen als Comedienne. Sind sie im Privatleben bierernst?
Nein, überhaupt nicht. Ich bin ein lebensfroher Mensch und Humor hat mich schon immer durchs Leben begleitet. Man sollte die Leichtigkeit so bewahren könnten, dass man früher oder später über alles lachen kann.Einerseits bin ich aber auch Mutter mit einer Vorbildfunktion und muss meinem Sohn öfters Grenzen aufzeigen. Andererseits bin ich Unternehmerin und da muss man relativ tough sein.

Sie haben Ihren siebenjährigen Sohn erwähnt: Findet er «cool», was das Mami macht oder ist es ihm peinlich?
Nein im Moment findet er es wirklich witzig. Er kommt dann immer und sagt: Mami, du bist so lustig. Das ist für mich ein grosses Kompliment. Wir pflegen die unkonventionellen Momente. Wenn ich ein Erziehungsbuch schreiben würde, wäre es pädagogisch unkorrekt. Ich finde es wichtig, dass man auch mal richtig blödelt, Grenzen überwindet und sich etwa einen Schokokuss ins Gesicht streicht. Diese Momente lebe ich ganz bewusst mit meinem Sohn. Es gibt nichts Schöneres, als wenn ein Kind von Herzen lacht.

Sie sind seit drei Tagen 40, was bedeutet Ihnen diese Zahl?
Drei Falten mehr. (lacht) Nicht viel. Mit 40 ist eine gewisse Sättigung erreicht. Zwischen 30 und 40, da muss man noch. Aber mit 40 will man und das entspannt. Ich hoffe, dass ich nochmals 40 grosse Jahre vor mir habe.

Nochmals 40 grosse Jahre: Sie machen also den Rolling Stones Konkurrenz und stehen mit 80 noch auf der Bühne?
Ich glaube nicht, ich bin ein Mensch, der immer Veränderung braucht. Eine grosse Comedy-Show im Stil von «Las Vegas meets Comedy» will ich aber noch machen. Nachher muss etwas Neues kommen.

Das heisst, Sie haben noch einen Traum?
Man sollte nicht zu viel planen, sondern auch flexibel und offen bleiben. Mich interessieren meine Mitmenschen. Ich arbeite ehrenamtlich in einem Altersheim, weil es mir wichtig ist, etwas zurückzugeben. Ich kann mir gut vorstellen, dass es bei mir mal noch in eine andere Richtung geht.

Was geben ihnen die Begegnungen mit den Senioren im Altersheim?
Was mich beschäftigt, ist unsere Volkskrankheit, die Einsamkeit. Wenn ich sehe, dass ältere Menschen dahinvegetieren und niemanden mehr haben, dann bricht mir das das Herz. Ich kann ihnen ein wenig Zeit schenken, wir schwelgen in ihren Erinnerungen oder gehen spazieren. Das erfüllt mich.

Sehen die Senioren Sie schlicht als Stéphanie oder als Prominente?
Die Dame, mit der ich die letzten Monate verbracht habe, wusste, wer ich bin. Sie hat mich aber immer als Menschen gesehen und nicht als Figur. Für mich ist das eine absolute Herzensangelegenheit. Entsprechend baut man auch Emotionen auf. Die Dame liegt derzeit im Sterben. Ich hoffe, sie kann bald gehen, aber es ist sehr traurig.

Wie verarbeiten Sie das?
Wir verdrängen das Sterben, weil es eine schmerzliche Erfahrung ist. Für mich gehört das Sterben aber auch zum Leben. Ich finde es schön, eine Frau auf ihrem letzten Weg begleiten zu dürfen. Es wird einem bewusst, dass es etwas Höheres gibt. Wenn man einen Menschen beim Sterben begleitet, relativiert das alles andere auf der Welt.


«No stress, no Fun!» am 1. Dezember um 20 Uhr, Gemeindesaal Männedorf, Tickets unter: www.stephanie-berger.ch

Erstellt: 12.11.2017, 13:21 Uhr

Zur Person

Stéphanie Berger (40) ist seit elf Jahren als Comedienne tätig. Nach MissErfolg und Hölleluja tourt sie derzeit mit «No Stress, no Fun!», ihrem dritten Programm, durch die Schweiz. Bekannt wurde Berger 1995 als sie zur Miss Schweiz gekürt wurde. Danach schlug sie eine Karriere als Moderatorin und Schauspielerin ein. Die Mutter eines Sohnes, die in Männedorf aufgewachsen ist, lebt heute in Hombrechtikon. phs

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