Gesundheit

«Das Universitätsspital wird weitere Kooperationen anstreben»

Das Spital Männedorf und das Universitätsspital gehen eine Partnerschaft ein. Im Interview erklärt Willi Oggier, Experte im Gesundheitswesen, was dies für die Zürcher Spitallandschaft bedeutet.

Willy Oggier, Gesundheitsökonom aus Küsnacht.

Willy Oggier, Gesundheitsökonom aus Küsnacht.

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Die Partnerschaft des Universitätsspitals Zürich (USZ) mit dem Spital Männedorf löst ein kleines Erdbeben in der Zürcher Spitallandschaft aus. Willy Oggier ist Experte im Gesundheitswesen. Der Inhaber der Firma Gesundheitsökonomische Beratungen AG in Küsnacht schätzt ein, was diese Partnerschaft bedeutet und auslösen kann.

Herr Oggier, wie beurteilen Sie die angekündigte Partnerschaft von USZ und Spital Männedorf?
Grundsätzlich ist eine solche Partnerschaft sinnvoll, weil Medizin in einer älter werdenden Gesellschaft immer mehr auch Netzwerk-Medizin sein muss.

Was bedeutet es, wenn sich ein Kantonsspital in ein Regionalspital einkauft?
Wichtig ist, dass der Einkauf nicht um des Einkaufs Willen geschieht. Es muss eine klare strategische Absicht dahinter sein. Diese scheint mir in zweierlei Hinsicht gegeben: Man versucht, die private Konkurrenz aussen vor zu halten und gleichzeitig auch eine bessere Position bis hin nach Rapperswil zu erreichen und damit gewissen Universitätsspital-Gelüsten des Kantonsspitals St. Gallen entgegenzutreten.

Besteht für die Regionalspitäler ein Zwang zur Kooperation?
Regionalspitäler mussten schon in der Vergangenheit mit anderen Akteuren im Gesundheitswesen, etwa den Hausärzten oder der Spitex, kooperieren. Durch den stärkeren politischen Druck in Richtung mehr ambulante statt stationäre Leistungen und höhere minimale Fallzahlen hat auch die Kooperation unter Spitälern eine höhere Bedeutung bekommen. Dies gilt aber nicht nur für das Regionalspital, sondern auch für das Universitätsspital. Denn wir haben in der Schweiz für acht Millionen Einwohner im internationalen Vergleich zu viele Universitätsspitäler. Da müssen sich Universitätsspitäler überlegen, wie sie ihre Patientenströme sichern können.

«Man versucht, die private Konkurrenz aussen vor zu halten.»Willy Oggier
Gesundheitsökonom, Küsnacht

Gibt es eine kritische Grösse, unter der ein Alleingang unmöglich ist?
Selbstverständlich gibt es ökonomisch und medizinisch kritische Grössen. Diese können aber je nach Kostenstruktur beziehungsweise medizinischer Disziplin unterschiedlich sein. Von allgemein gültigen Zahlen über alles halte ich nichts.

Müssen Sie sich andere Regionalspitäler wie Zollikerberg oder das Seespital Horgen nun ebenfalls Partner suchen?
Ich gehe davon aus, dass das Universitätsspital noch weitere Kooperationen ähnlicher Natur anstreben wird. Diese müssen sich nicht zwingend auf Regionalspitäler beschränken. Denkbar wären auch Rehabilitationskliniken, weil damit die integrierte Versorgung gestärkt werden könnte. Das Spital Zollikerberg hat in diesem Bereich bereits eine solche Zusammenarbeit mit der RehaClinic seit Jahren etabliert.

Wie eigenständig können Regionalspitäler überhaupt noch sein, um dennoch nicht Gefahr zu laufen, aus der Spitalliste zu fallen?
Das Zeitalter autarker Einzelspitäler ist vorbei, nicht nur bei Regionalspitälern. Dies wird nicht nur von der Spitalliste provoziert, sondern ist auch dem Umstand geschuldet, dass viele Versicherte sich für Versicherungsmodelle mit eingeschränkter Arztwahl entschieden haben. Darin entscheiden die Ärzte weitgehend, wohin die Patienten ohne Zuzahlung noch gehen dürfen.

Wenn ein Regionalspital sich medizinische Angebote mit einem grossen Partner sichert, sieht das – salopp ausgedrückt – nach «Chirurgie-Catering» aus. Unterläuft es damit nicht den Leistungsauftrag?
Die politisch entscheidende Frage wird sein, wie flexibel neue Spitallisten-Ansätze auf solche Konzepte reagieren werden. Gesundheitsökonomisch betrachtet ist die Sache klar: Die Halbwertszeit des medizinischen Wissens ist viel kürzer als der rund alle zehn Jahre stattfindende Spitalplanungs- und Spitallisten-Prozess. Wenn die Politik hier nicht flexibler wird, wird sie in erhebliche Probleme laufen. Denn die sich abzeichnenden Herausforderungen verlangen nach sinnvollen neuen Modellen.

Erstellt: 16.05.2019, 10:46 Uhr

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Wie viel ist ein Spital wert?

Wenn sich das Universitätsspital Zürich mit 20 Prozent an der Spital Männedorf AG beteiligen will, stellt sich die Frage: Wie viel ist das Spital eigentlich wert? Das hängt davon ab, was als Bewertungsmassstab genommen wird: Substanzwert oder Ertragswert oder eine Mischform davon. Als Substanzwert bezeichnet man den Buchwert des Eigenkapitals. Der wird im aktuellen Geschäftsbericht mit 74,5 Millionen Franken angegeben. Der Ertragswert variiert mit dem Verlauf des Geschäftsjahres. Im Vorjahr wies das Spital Männedorf einen Betriebsertrag von 129 Millionen Franken auf. Vor Steuern und Abschreibungen ergab das einen Gewinn von rund 10 Millionen Franken. Aber was das Aktienpaket wirklich wert ist, ist alleine Verhandlungssache zwischen dem USZ und den acht beteiligten Gemeinden im Bezirk Meilen. Diese besitzen zwischen 20,5 Prozent (Stäfa) und 7 Prozent (Erlenbach) Anteile am Spital Männedorf. Den Verkauf von Aktien müssen sie von ihren Stimmbürgern in einer Gemeindeversammlung absegnen lassen.

Ob die Gemeinden das Geld cash wollen oder per Kapitalerhöhung reinvestieren, ist ebenfalls Verhandlungssache. Bis ins Jahr 2021 haben sich die Gemeinderäte der Aktionärsgemeinden zu einem einvernehmlichen Vorgehen verpflichtet. (di)

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