Männedorf

Das Geisterhaus und sein verschwundener Besitzer

Die Gemeinde Männedorf sucht seit Wochen den Eigentümer eines verlotterten Hauses. Der Mann ist abgetaucht – er schuldet dem Bund Steuern. Die ZSZ hat ihn aufgestöbert.

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Der Müll stapelt sich in der Garage: Zwei kaputte Fernseher liegen auf einem Haufen Unrat, verfleckte Matratzen und Teppiche sind auszumachen, ein Einkaufswagen sowie unzählige Gegenstände, deren ursprünglicher Zweck nicht einmal mehr zu erahnen ist. Daneben, in einem zweiten Garagenflügel, steht hinter verschlossener Tür mit ausgeschlagenem Fenster ein lädierter Jaguar aus den frühen Achtzigerjahren.

Das alte Haus an der Seestrasse 121 in Männedorf wirkt wie ein Geisterhaus. Die Fenster sind teils eingeschlagen, die Briefkästen stehen offen, und an der Fassade wachsen Efeu und Dornengestrüpp empor. Von der Seestrasse her ist das Haus kaum noch zu sehen: Der Garten ist verwildert und erinnert an einen Dschungel. Er gibt keine gute Visitenkarte ab für den Hausbesitzer, der eigentlich einen grünen Daumen haben müsste: Immerhin hat er einst ein Werk herausgegeben, in dem 3500 Rosen detailgenau beschrieben werden.

Schulden beim Steueramt

Auf Rosen gebettet ist Heinz G.*, der das Haus seit 1979 besitzt, offenbar nicht mehr. Eine der beiden Dienstleistungsfirmen des promovierten Mathematikers, die ihren Sitz an der verwaisten Männedörfler Adresse hat, befindet sich seit über zehn Jahren in Liquidation. Der Jaguar ist noch immer auf die Firma zugelassen, hat aber die Garage wohl schon seit Jahren nicht mehr verlassen.

Heinz G. ist verschwunden – und wird von den Behörden gesucht. Beim Bund hat er 175 000 Franken Steuerschulden, wie aus dem kantonalen Amtsblatt von Mitte Dezember ersichtlich ist. Das Betreibungsamt Pfannenstiel hat deshalb im Auftrag des kantonalen Steueramts seine Männedörfler Liegenschaft arrestiert. Mit einem solchen Arrest können Gläubiger Vermögen von Schuldnern amtlich beschlagnahmen lassen, um eine Geldforderung zu sichern. Dieser Schritt ist der erste in einer Reihe von weiteren, die bis zur öffentlichen Versteigerung des Grundstücks führen können, sofern der Betroffene das Verfahren nicht abwenden kann oder will.

Haus soll nicht zerfallen

Aber nicht nur das Steueramt sucht den 73-Jährigen, sondern auch die Gemeinde Männedorf. Allerdings aus anderen Gründen, wie Bauvorstand Peter Meier (GLP) sagt: «Ich will nicht mehr länger zusehen, wie das Haus langsam, aber unaufhaltsam zerfällt.»

Das Gebäude stammt aus dem 19. Jahrhundert. «Wir wollen nun durch Experten abklären lassen, ob das Haus schützenswert ist», sagt Meier. «Das Unterschutzstellungsverfahren steht aber in keinem Zusammenhang mit den offenbar gleichzeitig laufenden Steuerforderungen des Bundes gegenüber Herrn G.» Das Haus befindet sich zwar bereits im kommunalen Inventar schützenswerter Liegenschaften, doch ist dieses nur eine Vorstufe der Unterschutzstellung. Ein Gutachten soll nun Aufschluss darüber geben, ob das Gebäude definitiv unter Schutz gestellt oder aber aus dem kommunalen Inventar potenziell schützenswerter Bauten entlassen werden soll.

Ohne Mithilfe des Eigentümers ist diese Abklärung schwierig. Dieser müsste den Behörden und Gutachtern Zutritt zum Haus gewähren. Da der Aufenthaltsort von Heinz G. unbekannt ist, forderte die Gemeinde Männedorf ihn per amtliches Inserat in der ZSZ dazu auf.

Chaos im Innern

Weil der Eigentümer nicht innert Frist reagierte, verschaffte sich die Behörde in Begleitung einer Denkmalschutz-Gutachterin und der Polizei selber Zutritt zum Haus – und fand ein komplettes Chaos vor. «Das Haus ist voller Dreck und Müll», sagt Meier. Beides stamme von Hausbesetzern – das Haus ist mehrmals von Gruppen in Beschlag genommen worden. Die Hausbesetzer liessen allerhand zurück: Möbel, Abfall, Comics, ein Werk von Dürrenmatt und Klassenkampf-Literatur. Strom und Wasser hat die Gemeinde schon vor längerem abgestellt, um weiteren Hausbesetzungen vorzubeugen. Im Zusammenhang mit einer der Hausbesetzungen hatte die Polizei zum letzten Mal Kontakt mit Heinz G. Er war damals kurz vor Ort, wollte aber keine Anzeige wegen Hausfriedensbruch einreichen, die der Polizei die Räumung ermöglicht hätte. «Er sagte, es sei ihm egal, wenn sein Haus besetzt sei», sagt Meier.

Zwangsräumung droht

Egal ist es Heinz G. vielleicht auch, dass ihn die Gemeinde – erneut über ein amtliches Inserat – zur Beseitigung des Unrats auffordert und eine Zwangsräumung androht. Diese ginge auf Kosten des Besitzers, belastet aber vorderhand die Gemeindekasse, solange der Wohnort von Heinz G. nicht eruiert werden kann.

Die Räumung des Hauses ist deshalb nötig, weil die Gemeinde die Schutzabklärung nicht für möglich erachtet, solange das Innere verdreckt und mit Müll versperrt ist. Was die Bausubstanz betrifft, ist Meier zuversichtlich. «Das Haus ist nicht so marode, dass es bereits verloren wäre», sagt er.

Ob das Gebäude geschützt wird, entscheidet letztlich der Gemeinderat, gestützt auf das Gutachten. Denn dieser ist gleichzeitig die kommunale Denkmalschutzbehörde. Fraglich ist allerdings, was die Unterschutzstellung bringen würde. Heinz G. könnte zwar zu Unterhaltsarbeiten gezwungen werden. Solange er nicht greifbar ist, bleibt dies aber Theorie.

Anders verhielte es sich im Fall einer Versteigerung des Hauses aufgrund der Forderungen des Steueramts. Mit dem neuen Eigentümer könnte die Gemeinde eine Vereinbarung treffen, wie das Haus zu renovieren wäre.

In Deutschland gefunden

Über die Vorgänge rund um sein Haus wusste Heinz G. bis anhin nur teilweise Bescheid, da die Behörden ihn nicht auffinden konnten. Die ZSZ hat sich auf die Suche nach ihm gemacht und mehrere Spuren verfolgt – in Ascona, Regensdorf, Zürich und Altstätten SG. In der kleinen Ortschaft Hiltenfingen westlich von München wurde sie schliesslich fündig: Dort ist Heinz G. regelmässig in einem Einfamilienhaus zu Besuch. In Hiltenfingen ist er gemäss den deutschen Behörden auch gemeldet.

«Er wohnt aber nicht hier, sondern in der Schweiz», sagt die Frau, die im Telefonbuch unter der besagten Adresse aufgeführt und gleichzeitig Geschäftspartnerin von Heinz G. ist. Sie vertröstet auf später: Heinz G. reise gerade aus der Schweiz an und sei am Abend zu sprechen. Die ZSZ erreicht ihn erst ein paar Tage später, kann dann aber mit ihm ein längeres Telefongespräch führen. Zitieren lassen will er sich allerdings nicht. Nur so viel: Von der Gemeinde Männedorf scheint er sich in den vergangenen Jahren ungerecht behandelt gefühlt zu haben. Von ebendieser wird er wohl nächstens Post an seine Hiltenfinger Adresse erhalten.

* Name der Redaktion bekannt.

Erstellt: 29.12.2015, 16:01 Uhr

Alte Häuser

Zeugen aus der Zeit, als die Seestrasse entstand

Mehrere klassizistische Gebäude stehen an der Seestrasse beim westlichen Dorfeingang von Männedorf. Sie stammen aus der Zeit, als die Seestrasse entstand. Diese wurde am mittleren rechten Seeufer zwischen 1849 und 1850 gebaut. Das zweigeschossige Haus mit Satteldach und Quergiebel an der Seestrasse 121, das Heinz G. verlottern lässt (siehe Hauptartikel), wurde 1854 von einem Mann namens Georg Gugolz erbaut. Im Inventar der schützenswerten Objekte der Gemeinde Männedorf wird es als «wichtige Baute aus der Gründerzeit in der Gebäudeabfolge längs der Seestrasse» bezeichnet. Die Liegenschaft ist baugleich mit dem benachbarten Haus an der Seestrasse 119, das im selben Jahr von Heinrich Gugolz – möglicherweise ein Bruder von Georg Gugolz – gebaut wurde. Die Häuser sind ungleiche Geschwister: Während das eine zerfällt, wurde das andere sorgfältig renoviert.

Eigentlich sollten alle Häuser aus dieser Zeit so gut gepflegt sein wie das restaurierte Haus an der Seestrasse 119. Dies geht aus einer Vereinbarung der Gemeinde Männedorf mit dem Zürcher Heimatschutz aus dem Jahr 1999 hervor. Der Heimatschutz verzichtete damals auf eine Beschwerde, als die Villa Schönau in unmittelbarer Nähe abgerissen wurde. Der Abbruch ermöglichte eine verbesserte Nutzung des Industriequartiers, auf dem unter anderem der Laborausrüster Tecan und die Aldi-Filiale stehen.

Bauvorstand Peter Meier möchte, dass die Gemeinde ihre Vereinbarung mit dem Heimatschutz einhält. Nach dem Abbruch der Villa Schönau hatte dieser gefordert, die Gemeinde möge dafür den übrigen klassizistischen Gebäuden an der Seestrasse Sorge tragen. «Diese Übereinkunft soll nicht in Vergessenheit geraten», sagt Meier. «Es macht Männedorf wirklich nicht schöner, wenn am westlichen Ortseingang womöglich schützenswerte Häuser aus der Gründerzeit vor sich hin modern und langsam zerfallen.» (miw)

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