Gastronomie

Das arme Schwein kommt nur auf den Teller

Wo es kein Restaurant Rössli gibt, steht dafür eine Beiz namens Sonne oder Krone. Auch Hirschen, Sternen, Löwen und Frohe Aussicht sind häufige Beizennamen in der Region. Schweine, Kühe, Rinder, Rehe oder Wölfe tummeln sich aber in dieser Szene keine. Die ZSZ sucht nach Erklärungen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es leuchtet ein, dass keine Beiz sich «Streit» oder «Zwist», schon gar nicht «Prügelei» nennen will. Besser lässt sich mit «Frieden», «Harmonie» und «Eintracht» zur Einkehr werben. Auch ein «Frohsinn» wirkt einladender als eine Beiz namens «Trübsal». Weniger logisch ist, weshalb zwar Hirschen über dem Eingang eines Restaurants prangen, nicht aber Rehe. Der Ochs passt offenbar besser zur Gastronomie als der Stier, von Rind oder Kuh ganz zu schweigen. Ziegen oder Geissen finden nie den Weg in die Beiz, wohl aber Schafe, respektive Schäfli. Bei den Raubtieren bedienen sich die Wirtschaften lieber bei den exotischen Löwen als Wölfen. Auch der Bär scheint unbedenklicher als ein Tiger oder Leopard.

Ein ganz armes Schwein ist die Sau. Obwohl sie Dauergast in den Beizen ist — nämlich auf dem Teller — macht die Gastronomie einen weiten Namensbogen um das Haustier. Selbst das Wildschwein kommt nur ganz selten zu Ehren über der Wirtshaustüre.

Macht und Stärke

Eine Erklärung bietet die allgemeine Bedeutung der Tiere. Martin Graf vom Schweizerischen Mundartwörterbuch Idiotikon hat vor einigen Jahren im Zentral Plus, dem Online-Magazin Luzern/Zug gesagt: «In vielen Fällen wurden die Tiere im Wappenschild des Grundeigentümers oder der Gemeinde zum Namensgeber.» Darum gebe es im Kanton Bern überdurchschnittlich viele Bären.

Der Löwe steht seit jeher für Stärke, Macht und Königlichkeit. Welcher Gasthof möchte sich nicht mit diesen Attributen schmücken? Dabei lebte der «König der Tiere» sicher nie in deren Nähe. Aber der Löwe findet sich ja auch in vielen Staatswappen, obwohl er zu Menschenzeiten weder in Grossbritannien, Norwegen, Belgien, noch in Bayern, Zürich oder im Thurgau heimisch war.

Lieber gross als klein

Apropos Stärke und Macht: Wenn schon Waldtier über der Beizentür, dann lieber der stolze Hirsch und nicht das scheue Reh. Gleiches gilt für Hecht, Adler und Schwan: Egli, Forelle, Ente, Spatz und Amsel sind zu klein und unbedeutend für Wappen.

Anders gelagert ist es beim Ochsen. Er ist schwächer als der Stier. Dennoch passt er besser zum Wirtshaus, weil er Häuslichkeit, Gutmütigkeit und Fleiss symbolisiert. Wo solche Werte gepflegt werden, kehrt man doch gerne ein.

Nähe zu Kirche, Post und Bahn

Symbole spielen bei den Namen in der Gastwirtschaft eine überragende Rolle, wie der Wirteverband Basel Stadt vor einigen Jahren schrieb: Die Sonne ist die Spenderin des Lichts, der Stern der Glücksbringer, die Krone steht für die Macht. Auch Heiligenattribute wie Pflug, Schwert, Anker und Schlüssel kommen namentlich zum Zug.

In den katholischen Regionen sind «Engel», «Adler», «Ochsen» und «Löwen» aus einem religiösen Grund stark vertreten, weiss der Schwyzer Volkskundler und Historiker Viktor Weibel: «Die vier Tiere stehen für die vier Evangelisten.» Deshalb stünden Gasthöfe mit solchen Namen meist in der Nähe einer Kirche.

Die Herkunft des Restaurantnamens ist offensichtlich bei «Post», «Bahnhöfli» und «Rathaus». Da Wirtshäuser als Orte der Freude nicht zu Friedhöfen, Schulen und Spitälern passen, findet man deren Bezeichnungen in der Gastronomie nie.

Herberge für Reiter und Pferd

Hingegen gehört zur Kategorie «Nähe» das «Rössli», der in der Region Zürichsee häufigste Beizenname. Das Rössli symbolisiert nämlich nicht die tierische Seite der Herrschaft der Ritter, sondern bezieht sich auf die mittelalterliche Sust, wie Martin Graf im Zentral Plus erklärt. Eine Sust war demnach eine Herberge für Reiter und Pferd —­ sozusagen die Urform des Motels für Reisende.

Das Hausschwein bleibt ob all der symbolischen Strahlkraft übrig. Die ZSZ konnte keine einzige Beiz namens «Schwein», «Sau» oder «Ferkel» finden. Wohl, weil es als unreines Haustier gilt. Auch der Ausdruck «armes Schwein» gereicht einer Wirtschaft nicht zur Ehre. Und selbst das Glücksschwein lässt sich in diesem Metier schwerlich vermarkten, wenn man hier nur zerstückelt, flachgeklopft, verwurstet und gebraten auf dem Teller landet. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 02.08.2018, 13:40 Uhr

Traditionelle Namen in der Gastronomie — Was es gibt und was nicht

Alte Gasthöfe, Restaurants, Wirtschaften und Beizen führen neben reinen Ortsbezeichnungen oft Namen, die sich in Kategorien einteilen lassen.
Landtiere: Hirschen, Bären, Löwe/Leue, Ochse, Steinbock, Schäfli, Rössli. Aber es gibt zum Beispiel nicht: Reh, Ziege, Schwein, Kuh, Rind, Kalb, Esel, Wildschwein, Gemse.
Vögel: Adler, Falken, Schwan, Storch, Rabe, Güggel, Gans. Unbekannt: Milan, Bussard, Ente, Geier, Krähe, Schwalbe, Spatz, Amsel, Reiher, Kormoran, Huhn.
Fische: Hecht. Unbekannt: Lachs, Egli, Felchen, Wels, Forelle, Karpfen.
Bäumen, Pflanzen, Blumen: Traube, Rebe, Rebstock, Linde, Tanne, Erle, Ahorn, Kastanienbaum, Blume, Rose, Edelweiss. Unbekannt: Tulpe, Margarite, Veilchen, Enzian, Kartoffel, Weizen, Roggen, Gerste, Hirse.
Symbolische Namen: Kreuz, Sternen, Sonne, Krone, Schwert, Schlüssel, Speer, Pflug, Engel. Unbekannt: Glocke, Mond, Komet, Amboss, Hammer, Lanze, Gewehr, Hellebarde.
Geografische Namen: Post/Pöstli, Bahnhof/Bahnhöfli, Eisenbahn/Iisebähnli, Schiff, Rathaus, Frohberg, Frohe Aussicht, Brückenwaage, Schützen/Schützenhaus, Salzwaage, Fischerstube, Freihof, Seeblick, Alpenblick, Mühli, Sagi, Metzg. Unbekannt: Schule, Spital, Gemeindehaus, Friedhof, Auto.
Gesellschaftliche Begriffe: Eintracht, Harmonie, Frohsinn, Frieden, Concordia, Volkshaus. Unbekannt: In dieser Kategorie erübrigt sich die Suche nach alternativen Namen. (di)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare