Küsnacht

Das alte Rezept einer Klosterfrau ist immer noch das Beste

Die Leidenschaft von Anna Zwicky ist das Backen von Lebkuchen. Dafür hat sie Nächte geopfert und keinen Aufwand gescheut. Auch noch nach Jahrzehnten sind die Gebäcke der 85-jährigen Küsnachterin weitherum beliebt.

Dass Anna Zwicky eine Meisterin im Lebkuchenbacken und- verzieren ist, hat sich herumgesprochen.

Dass Anna Zwicky eine Meisterin im Lebkuchenbacken und- verzieren ist, hat sich herumgesprochen. Bild: Sabine Rock

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Ahnungslos betritt Anna Zwicky den kleinen Lebensmittelladen im Dorf. Nach einem langen Arbeitstag will sie nur etwas fürs Abendessen kaufen. Doch als die 20-Jährige das Geschäft wieder verlässt, ist sie von einem Virus angesteckt. Sie wird ihn Zeit ihres Lebens nicht mehr loswerden.

Mehr als 60 Jahre sind seitdem vergangen. Den Virus loswerden wollte Zwicky gar nie erst. Und dafür sind ihr heute viele Leute dankbar. Ihre drei Kinder und die fünf Enkel. Unzählige Freunde, Bekannte und Unbekannte. Zu seinen Lebzeiten auch ihr Mann – auch wenn der Virus seiner Frau ihn hätte eifersüchtig machen können. Sagt sie doch heute über jenen Moment im Dorfladen: «Ich habe mich verliebt.»

Faszination Verzierung

Verliebt in – Lebkuchen. Zwar kennt sie das Honiggebäck schon. Ihre Mutter backt es Jahr für Jahr nach dem Rezept einer Klosterfrau. Doch das sind lediglich einfache Exemplare. Für Verzierungen hat die Bäuerin mit sieben Kindern keine Zeit. Just die Dekoration zieht denn ihre Tochter an dem Lebkuchen in dem Laden in Bann. «Es stand ein Spruch darauf», sagt Zwicky, als wir sie in ihrem Küsnachter Haus treffen. Dieses, halb verborgen hinter Bäumen und Gebüsch, könnte nicht besser zu ihrer Passion passen: Umgeben von einem wilden Garten, in dem sich Hühner und eine Ziege tummeln, wirkt es fast wie das Knusperhäuschen aus Hänsel und Gretel.

Nur, dass statt einer bösen Hexe eine quirlige 85-Jährige darin wohnt, die in dem Moment zu rezitieren anhebt – getragenen Ernst in der Stimme, schelmisches Lachen in den Augen: «Kein Feuer, keine Kohle kann brennen wie heimliche Liebe, von der niemand nichts weiss.»

Überall Lebkuchen

Tatsächlich wird der Spruch auf dem Lebkuchen von damals nicht ganz unrecht haben. Zwar hält Zwicky ihre Begeisterung nicht heimlich. Aber immerhin gute 20 Jahre lodert diese mehr als Idee vor sich hin, bis sie umso heftiger ausbricht.

Die Auswirkungen davon zeigen sich fast an jeder Ecke ihrer grossen Küche. Nicht nur, dass eine Ofenladung verzierter Lebkuchen auf einem Tisch ausgelegt ist – eigens für den Termin mit der Zeitung gebacken. Auch an der Wand zwischen Familienfotos oder an Schränken: da und dort hängt ein Lebkuchen – mal in Uhr-, mal in Herzform.

Und während man sich umsieht in diesem Kunterbunt von Küchenutensilien und Wohnausstattung, das aus der Zeit gefallen zu scheint, öffnet die Hausherrin auch schon den Backofen. Heraus holt sie ein grosses, mit Marzipan gefülltes und Geburtstagsglückwünschen verziertes Herz. «Das ist für den Sohn einer Kollegin», erklärt sie zum Backkunstwerk.

Da fährt der Hund, der bis anhin friedlich unter dem Tisch gedöst hat, mit einem Bellen auf: Die besagte Kollegin steht in der Tür – Margrit, in Begleitung von Thildi. Fröhliches Geplauder erfüllt den Raum. Unterbrochen von «wow» und «super» beim Anblick des bestellten Herzens, von «wahnsinnig», als sich die Besucherinnen die Fotos auf dem Esstisch ansehen: Diese zeigen eine Auswahl dessen, was die Backkünstlerin in den letzten 40 Jahren an Lebkuchen produziert hat.

Unzahl an Bestellungen

Herzen für Geburtstage. Herzen für Hochzeitsfeiern. Lebkuchen in weiteren Formen für Firmenjubiläen oder Vereinsanlässe. Das meiste davon hat Zwicky auf Bestellung oder für ihre Familie gemacht, ohne indes je für ihre Kreationen geworben zu haben. Im Gegenteil, sie musste dann reduzieren. «Es hat sich immer mehr herumgesprochen.» Wohl nicht zuletzt dank ihrer ungebrochenen Faszination für das Verzieren: Üppig, farbenfroh und detailgetreu kommt daher, was Zwicky «den gemütlichen Teil» der Herstellung nennt.

Eigenes Marzipan

An deren Anfang steht noch immer das einstige Rezept der Klosterfrau. Ein Kilo Honig, ein halbes Kilo Zucker, 2050 Gramm Mehl und drei Eier sind seine Hauptzutaten. Nie würde sie ein anderes nehmen. Und ebenso klar sagt die Lebkuchenbäckerin nein zu allem anderen als selber gemachtem Marzipan für die Füllung. Sogar die Mandeln schält und mahlt sie eigenhändig – «die fertigen Produkte sind zu hart und zu trocken.»

«Die Lebkuchen haben unseren Alltag geprägt», sagt Zwickys Sohn Urs, der mittlerweile auch dazu gestossen ist. Nächtelang habe Mutti gearbeitet, um am Ende etwa den Tisch voller kleiner Lebkuchentrompeten zu haben – Tischkärtchen für den Gesangsverein.

Ob die Tradition in der Familie weitergehe? «Was mich angeht, ich bin nicht so der Beck», sagt Urs Zwicky. Auch früher habe er «einfach aus Plausch» mitgeholfen. Möglich sei, dass dereinst eine von Anna Zwickys Enkelinnen vom Lebkuchenvirus befallen werde. «Schön wäre es», meint die Grossmutter. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 05.12.2018, 15:31 Uhr

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