Männedorf

Flüchtlinge lernen Velo fahren

Asylsuchende konnten dank dem Projekt ­«Ankommen in Männedorf – mit dem Velo» Spendenvelos ­kaufen und einen Fahrkurs absolvieren. Projektinitiantin ist Ursula Lehner-Lierz.

Gut gelaunt kurven die Teilnehmenden des Velokurses um die Hütchen des Slalomparcours.

Gut gelaunt kurven die Teilnehmenden des Velokurses um die Hütchen des Slalomparcours. Bild: Michael Trost

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Sommayeh hat erst im April bei null angefangen und jetzt beherrscht die aus Afghanistan geflüchtete Mutter zweier Kinder bereits das Slalomfahren mit dem Velo. Während sie sich auf dem Schulareal Hasenacker einfährt, hütet ihr Mann Javad den erst neun Monate alten Sohn im nahen Schatten. Er hat den Kurs für Männer gerade absolviert, nun sind die Frauen an der Reihe. Obwohl sich fünf angemeldet haben, wie Projektkoordinatorin Lehner-Lierz sagt, sind nur zwei zwar unpünktlich, aber immerhin erschienen. «Da steckt keine böse Absicht dahinter», meint sie achselzuckend, «aber wegen der Sprachschwierigkeiten und der kulturellen Unterschiede entstehen oft Missverständnisse.»

Während Sommayeh auf einem geliehenen Modell der Fahrschule sitzt, dreht ihre Landsfrau Lina derweil ihre Kreise auf dem eigenen. Sie hat es erst letzte Woche beim ebenfalls von Lehner-Lierz organisierten Verkauf von Spendenvelos erstanden. Der in ihrer Nachbarschaft wohnende Velomechaniker Michael Tschopp hat für Lina ein geeignetes Modell ausgesucht und auf ihre Grösse angepasst. Auch sie hat ihre ersten Pedaltritte diesen Frühling an einem ebenfalls vom Freiwilligenteam (Friends on bikes) in ­Zürich durchgeführten Velofahrtraining gemacht. «Dass sie nach zwei Stunden schon einigermassen gut Velo fahren konnte, hätte sie wohl selbst nicht für möglich gehalten», erzählt die Projektkoordinatorin, die die Asylsuchenden begleitete und sich an die strahlenden Gesichter erinnert.

Beraterin für Velopolitik

Lehner-Lierz engagiert sich in der vor einem Jahr durch die Kirchgemeinden und die Poli­tische Gemeinde Männedorf ­lancierten Flüchtlingsinitiative «Freiwillige für Asylsuchende». Als Beraterin für Velopolitik und -verkehr will die 65-jährige Geografin im Pensionsalter ihr Wissen und ihre internationalen Erfahrungen so einsetzen.

Mit ihrem Projekt «Ankommen in Männedorf – mit dem Velo» möchte sie den in der Gemeinde lebenden Asylsuchenden die Alltagswege erleichtern, «denn sie schleppen sonst alles zu Fuss». Gleichzeitig lernten sie auf ihren Fahrten die Umgebung besser kennen und kämen mit Einheimischen in Kontakt, was ihre Integration erleichtere.

Nach einem Jahr Vorbereitung hat die Einzelkämpferin vergangene Woche den ersten von zwei Velofahrkursen ermöglicht und daneben den Verkauf von Velos an Asylsuchende durchgeführt. «Velomech Tschopp war mir bei der Festlegung der Verkaufspreise zwischen 20 und 60 Franken behilflich», sagt sie. Damit keine gestohlenen Velos in Umlauf gebracht werden, habe die Polizei Männedorf jedes abgegebene Modell anhand der Rahmennummer auf Diebstahl geprüft. Davor seien die Fahrräder im Werk- und Technologiezentrum Linthgebiet (WTL) in Jona von Professionellen repariert worden. Das Ganze war möglich dank einer privaten Spende und der finanziellen Unterstützung der Projektgruppe.

Bevor Radfahrlehrerin Katharina Meier aus Wolfhausen die Verkehrstauglichkeit ihrer beiden Schülerinnen auf Männedorfs Strassen übt, lässt sie sie noch einige Runden auf dem Schulareal drehen. Erst kürzlich ist der vom Kanton geförderte Veloparcours hier markiert worden, wie Lehner-Lierz informiert.

Spass beim Kicken

Die zertifizierte Instruktorin lässt die beiden Frauen einhändig fahren, indem sie ihnen ein kleines Kissen hinhält, nach dem sie fahrend greifen sollen. Das för­dere das Gleichgewicht, meint Meier, und sei eine gute Übung fürs Handzeichengeben. An einem Steilhang üben die Afghaninnen das Bremsen und das anschliessende korrekte Abstehen. Nach einem leichten Sturz und mehreren Anläufen bringt Lina freudestrahlend ihr Gefährt zum Stehen.

Als Lina und Sommayeh Mut beweisen müssen, indem sie auf einen Haufen Verkehrskegel zielen müssen, macht auf einmal neben Javad auch Linas Mann Teimur mit. Die beiden Männer sitzen um einiges sicherer auf ihren Drahteseln und haben sichtlich Spass beim anschliessenden Kicken der Kegel.

Teimur spricht so gut Deutsch, dass er die Erklärungen zu einigen Verkehrsregeln von Katharina Meier für die andern übersetzt. Denn Fahren allein genügt nicht, wie Meier betont, «sie müssen auch unsere Regeln kennen, um sich korrekt zu verhalten.» Das vollständige Anhalten an einer Stoppstrasse, zuerst nach links und dann rechts schauen, all das wird auf einer Quartierstrasse geübt. Als Sommayeh beim Stoppsignal bremsend in die Strasse hinausfährt, ohne zu halten, wird sie mit strengem Ton von Teimur zurückgerufen. Zum Glück kamen keine Autos. Sie wird das Stoppen an dieser Stelle noch ein paar Mal wiederholen. Projektkoordinatorin Lehner-Lierz weiss, was als nächster Schritt ansteht: «Der Frauenverein hat 700 Franken gespendet, damit kaufe ich Helme.»

Für Velofreundschaften sucht Ursula Lehner-Lierz Freiwillige, die in der Woche eine Stunde oder mehr Zeit haben, um mit Männedörfler Asylsuchenden oder einer ganzen Familie Velo zu fahren. Information unter 079 412 89 77, asylvelo@veloconsult.ch und www.asyl8708.ch. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 13.07.2017, 15:43 Uhr

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