Natur

Dank Paminas guter Nase können angefahrene Rehe erlöst werden

Jagdhündin Pamina spürt nach Wildunfällen verletzte Tiere auf. Die Fährten können kilometerlang sein und durch unwegsames Gelände führen.

Schweisshund Pamina dell'Artemide Serena mit ihrem Hundeführer Walter Müllhaupt aus Erlenbach.

Schweisshund Pamina dell'Artemide Serena mit ihrem Hundeführer Walter Müllhaupt aus Erlenbach. Bild: Michael Trost

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Zielstrebig läuft Pamina durch den Küsnachter Wald, die Nase dicht am Boden, die Hunderute wedelt dabei hin und wieder ganz leicht. Die Hannoversche Schweisshündin schlägt bei der Fährte, der sie folgt ein strammes Tempo an und lässt sich dabei weder vom dichten Brombeergestrüpp noch von einem plötzlichen 90-Grad-Winkel der Spur aus dem Konzept bringen. Im Abstand weniger Meter folgt ihr Walter Müllhaupt, der darauf achtet, dass sich die lange, orange Fährtenleine nicht zwischen den Baumstämmen verheddert.

Der Erlenbacher ist der Besitzer von Pamina dell'Artemide Serena, wie seine Jagdhündin mit vollem Namen heisst. Zweieinhalb Jahre ist die Hündin alt. Auf der Fährte ist sie allerdings bereits ein alter Hase, wird sie dafür doch schon seit sie ein Welpe ist, trainiert. Und Müllhaupt weiss, was er tut: Seit mehr als 40 Jahren bildet er Jagdhunde aus. Zudem ist der 73-Jährige Präsident der Arbeitsgemeinschaft für das Jagdhundewesen.

Die Hannoversche Schweisshündin Pamina folgt mit ihrem Herrchen Walter Müllhaupt einer Übungsfährte.

Mittlerweile hat Pamina bereits alle für sie relevanten Jagdprüfungen absolviert und wird in den Gemeinden Küsnacht und Erlenbach regelmässig bei der so genannten Nachsuche eingesetzt. So heisst die Suche nach einem Wildtier, das bei einem Verkehrsunfall angefahren oder bei der Jagd angeschossen wurde und danach verletzt ins Unterholz flüchtet.

Üben mit Gamsfuss

Bei der Spur, der sie an diesem Morgen folgt, handelt es sich allerdings nicht um diejenige eines Rehs. Vielmehr hat Müllhaupt zwei Stunden zuvor eine Übungsfährte mit einem so genannten Fährtenschuh gelegt. Diesen Füssling aus Metall legt der Fährtenleger an und befestigt daran den Fuss eines Rehs oder einer Gemse, in der Jägersprache Schale genannt. «Man muss sich da keine Illusion machen, es ist eine Mischung aus menschlichen und Wildgerüchen», sagt Müllhaupt. Der Wechsel von der künstlichen Übungsfährte auf eine reine Wildspur im Ernstfall stellt für die Hündin indes kein Problem dar. «Pamina hat einen unbändigen Fährtenwillen, sie will unbedingt los, wenn sie die Fährte riecht», beschreibt der Hundeführer seinen Vierbeiner. Selbst eine Fährte, bei der es nachdem diese gelegt wurde, geschneit hat, hat Pamina schon gemeistert.

Mit dem Fährtenschuh wird eine Übungsfährte gelegt.

Bevor es mit der Hündin auf die Fährte geht, führt Müllhaupt beim Termin mit der Journalistin eine Vorsuche durch. Er lässt Pamina an einer Stelle suchen, wo es nichts zu finden gibt. Gewissenhaft, fast schon systematisch dreht die mittelgrosse Hündin mit den Hängeohren ihre Kreise, schnuppert dabei jeden Fleck ab und lässt sich auch nicht vom Pressefotografen, der direkt vor ihrer Nase steht, ablenken. Als sie schliesslich auch am Waldrand nichts gefunden hat, bleibt sie stehen und fixiert den Hundeführer mit ihre grossen braunen Augen. Hier ist nichts, soll der Blick der Hündin sagen. Überhaupt läuft bei Walter Müllhaupt und seiner Hündin vieles über eine nonverbale Kommunikation wie Blicke und Körpersprache. «Man muss seinen Hund lesen können», sagt er denn auch. «Ich sehe zum Beispiel genau, wenn Pamina auf der Fährte ist und wann sie diese verloren hat.»

Unbestechliche Hundenase

Die Bedeutung dieser Vorsuche erläutert Müllhaupt an einem Beispiel aus der Praxis. Vielfach seien Autofahrer, die Wild angefahren hätten, schockiert und machten falsche Angaben darüber, wo das verletzte Wild in den Wald geflüchtet sei. Müllhaupt erinnert sich an einen Wildunfall mit einem Rehbock, der sich kürzlich ereignet hat. Anstatt wie vom Automobilisten angegeben in den Wald sei Pamina auf die nahe Wiese gelaufen. Doch im Gegensatz zu ungeübten Menschenaugen, die sich täuschen können, ist die Hundenase unbestechlich. «Der Rehbock ist plötzlich aus dem hohen Gras aufgesprungen», schildert Müllhaupt die Situation. Pamina konnte dem Tier kilometerweit bis ins Küsnachter Tobel folgen, wo es vom Jäger schliesslich erschossen wurde.

«Pamina will
unbedingt los, wenn sie die Fährte riecht.»
Walter Müllhaupt,
Erlenbacher Jäger und Schweisshundeführer

Besagter Rehbock hat beim Zusammenprall mit dem Auto eine schlimme Verletzung an der Schulter sowie einen Leberriss erlitten. Ohne den Erlösungsschuss wäre er langsam und elend zu Grunde gegangen. Es gibt aber auch Tiere, die nur Prellungen erleiden und nach einem Verkehrsunfall weitgehend unbeschadet weiterleben. «Bei einer Nachsuche während einer Jagd sieht man, ob ein Tier getroffen worden ist», erklärt Müllhaupt. Bei einem Verkehrsunfall wisse man es hingegen nicht so genau. Wenn Pamina eine Fährte nicht aufnimmt, ist dies ein Zeichen dafür, dass ein Tier trotz einer Kollision unverletzt oder nur leicht verletzt ist. Mit dem Kommando «such Verwundt» hat Walter Müllhaupt sie auf Fährten verletzter Tiere abgerichtet. «Wenn ein unverwundetes Reh eine schon gelegte Fährte kreuzt, reagiert sie deswegen gar nicht», sagt Müllhaupt.

Würstchen als Belohnung

Auch wenn ein Tier nicht verletzt worden sein sollte: Dass man einen Wildunfall unverzüglich bei der Polizei meldet, ist vorgeschrieben. «Das Verlassen des Unfallortes ist Pflichtwidriges Verhalten bei einem Unfall und Vereitelung einer Blutprobe», erklärt Müllhaupt, der Jurist ist. Ein Wildunfall an sich sei hingegen kein Tatbestand. «Das kann jedem passieren.»

Als Belohnung für ein gefundenes Wildtier darf Pamina den Fuss, die Schale des Wildes tragen. Bild: mt.

Wenn ein Tier angefahren wird, informiert die Jagdgesellschaft Küsnacht-Erlenbach Walter Müllhaupt noch in der Nacht. Dieser rückt allerdings erst am nächsten Morgen, wenn es hell ist mit Pamina zur Unfallstelle aus. Weswegen diese Verzögerung? «In der Nacht sieht man das Tier schlicht nicht, auch nicht mit einer Lampe», gibt Müllhaupt zu bedenken. Ausserdem sei es verantwortungslos, im Dunkeln zu schiessen. «Wenn das Tier frisch verletzt ist, hat es am meisten Adrenalin und flüchtet dadurch umso schneller vor einem Hund, der die Fährte aufgenommen hat», erklärt er. So werde das Auffinden des verletzten Tieres erschwert oder gar verunmöglicht.

Pamina hat inzwischen das Ende der Übungsfährte, so zu sagen das Ziel erreicht. «Brava, bravissima», lobt Müllhaupt seine Hündin, die aus einer italienischen Zucht stammt. «In der Praxis wird sie durch das Auffinden des Tieres belohnt», sagt Müllhaupt. Auf der Übungsfährte ist es ein Gamsfuss, der am Ziel liegt: Die Hündin trägt die Beute stolz im Fang. Doch auch die Freude über ein Würstchen ist gross. «Das ist für sie etwas ganz Besonderes, das gibt es nur auf der Fährte», sagt Müllhaupt und streckt seiner sichtlich begeisterten Hündin flugs das begehrte Würstchen hin.

Erstellt: 29.10.2019, 16:09 Uhr

So verhält man sich bei einem Wildunfall richtig

Was man tun kann, um Kollisionen mit Wildtieren zu vermeiden:


  • Besonders nachts und in der Dämmerung das Tempo reduzieren und auf die Umgebung achten. Dies gilt besonders dann, wenn die Vegetation bis zur Strasse reicht.


  • Wenn ein Tier die Strasse kreuzt, ist es sehr wahrscheinlich, dass diesem noch weitere folgen werden.



Was sollte man als Autofahrer machen, wenn ein Wildunfall passiert ist?


  • Die Unfallstelle sichern und unverzüglich die Polizei unter der Nummer 117 benachrichtigen. Diese bietet dann die zuständigen Jäger für eine mögliche Nachsuche auf.


  • Sollte das angefahrene Tier noch leben und in der Nähe der Unfallstelle liegen, diesem nicht nähertreten und es auf keinen Fall anfassen.


  • Das Anfahren eines Tieres als solches ist nicht strafbar. Wenn man jedoch ohne Meldung an die Polizei die Unfallstelle verlässt, hat dies eine Busse zur Folge und führt auch zu Problemen mit der Versicherung bei der Reparatur eines Schadens am Auto.

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