Küsnacht

Damoklesschwert schwebt über dem Parkdeck

Die beiden Küsnachter Zentrumsprojekte, die zurzeit projektiert werden, setzen höchst unterschiedliche Akzente. Raumplaner Andreas Schneider nimmt Stellung zu deren fachlicher Einordnung.

Raumplaner Andreas Schneider nimmt Stellung zur Küsnachter Zentrumsplanung.

Raumplaner Andreas Schneider nimmt Stellung zur Küsnachter Zentrumsplanung. Bild: Michael Trost

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Die Gemeinde Küsnacht arbeitet derzeit zwei Zentrumsprojekte für das Gebiet bergseitig des Bahnhofs an der Zürichstrasse aus. Während die von den Behörden angestossene bauliche Neugestaltung des Zentrums (BNZ)einen Platz mit zwei Gebäuden und einem Parkhaus vorsieht, sind beim anderen Projekt zwei Parkdecks und eine kleine Grünfläche eingeplant. Der Kanton hat sich nun kritisch zum Parkdeckprojekt von Initiant Hermann Gericke geäussert und stellt dessen Bewilligung in Frage. Andreas Schneider, Professor für Raumplanung und Leiter des Instituts für Raumentwicklung an der Hochschule für Technik Rapperswil, zeigt die Hintergründe auf.

Das kantonale Amt für Raumentwicklung (ARE) hat das alternative Zentrumsprojekt (Parkdeck) in einer Stellungnahme als nicht zweckmässig und nicht rechtmässig bezeichnet. Was bedeutet das?
Andreas Schneider: Jetzt wird zuerst das Bauprojekt ausgearbeitet, separat braucht es noch einen Gestaltungsplan. Eigentlich bräuchte es für das Parkdeck sogar noch eine Zonenplanänderung. Denn die Vergrösserung des bestehenden Parkplatzes scheint mir nicht mit der Bau- und Zonenordnung (BZO) vereinbar; es handelt sich um eine Wohnzone, in welcher derart verkehrserzeugende Nutzungen eigentlich nicht zulässig sind.

Dem würde die BNZ entsprechen, die eine gemischte Nutzung in den beiden Gebäuden vorsieht?
Das Projekt der Gemeinde nimmt den Verkehr aus dem Quartier. Das Projekt von Hermann Gericke hingegen verschlimmert den bestehenden Zustand, da mit einem deutlich höheren Verkehrsaufkommen gerechnet werden müsste.

Der Kanton bezieht sich auf den Richtplan, dessen Vorgaben das Parkdeck offensichtlich nicht entspricht?
Der Kanton will mehr Innenentwicklung statt Zersiedlung im bestehenden Siedlungsgebiet. Wir haben es mit einer hochzentralen Lage zu tun. Das Projekt Gericke trägt nicht zu einer Verdichtung im Sinne von mehr Bewohnern und Arbeitsplätzen beim Bahnhof bei.

Küsnacht gehört gemäss Kanton zum Handlungsraum urbane Wohnlandschaft. Was bedeutet das für die Gemeinde?
Auch wenn sich Küsnacht noch Dorf nennt, ist es ein stark verstädterter und hochgradig erschlossener Raum. Der Kanton Zürich hat sich das Ziel gesetzt, 80 Prozent des künftigen Bevölkerungswachstums in den Kernstädten und den urbanen Wohnlandschaften anzusiedeln. In den letzten Jahrzehnten ist nur etwa 75 Prozent des Wachstums in diesen Räumen passiert. Das Wachstum soll in den urbanen Räumen stattfinden, weil die Wege kurz sind, die Bevölkerungsdichte hoch ist und der ÖV einigermassen rentiert.

Diese Konzentration auf Ballungsräume klingt erschreckend. Müssen wir Angst vor Wohnsilos haben?
Nein. Aber die bauliche Tendenz der vergangenen Jahre ging in die Fläche raus und da will der Kanton gegensteuern. Sonst geht die Zersiedelung weiter, zu der das Volk bei der Revision des Raumplanungsgesetzes und bei der Kulturlandinitiative deutlich Nein gesagt hat.

Die Küsnachter haben zur Projektierung beider Zentrumsprojekte Ja gesagt. Ist es nicht problematisch, wenn wegen der Raumplanung demokratische Entscheide gefährdet sind?
Wir müssen uns genau anschauen, was für demokratische Entscheide das sind. Beim Parkdeck hat die Gemeindeversammlung dem Projektierungskredit zugestimmt. Die Revision der BZO mit der Wohnzone ohne hohes Verkehrsaufkommen war auch ein Entscheid der Gemeindeversammlung. Die Abstimmung für den Projektierungskredit zur Neugestaltung des Zentrum war zudem ein Entscheid an der Urne. Und die Richtplanvorgaben zur Verdichtung gut erschlossener Lagen hat der Kantonsrat ebenfalls demokratisch beschlossen. Das Vorhaben Gericke steht quer zu allen Vorgängerentscheiden.

Was wäre, wenn das Parkdeck von den Küsnachtern angenommen würde? Stiesse der Kanton mit einer Ablehnung der Bewilligung nicht an Grenzen?
Nein, denn die Planungshoheit liegt letztendlich beim Kanton, die BZO und die Gestaltungspläne sind nur an die Gemeinden delegiert. In wohlbegründeten Fällen steht dem Kanton nicht nur das Recht zur Nichtgenehmigung zu, sondern sogar im Extremfall zur Ersatzvornahme. So hat der Kanton 1995 in der Stadt Zürich die BZO verfügt, weil die Stadt seit 1967 nicht in der Lage war, eine neue BZO zu erlassen.

Was für eine Zielsetzung verfolgt der Kanton mit dem Richtplan?
Der Kanton lenkt mit dem Richtplan die räumliche Entwicklung im grösseren Rahmen und gibt damit den Gemeinden eine gewisse Handlungssicherheit. Aber er macht ihnen auch behördenverbindliche Vorgaben, zum Beispiel was die Verdichtung der Bahnhofsgebiete betrifft. Vor diesem Hintergrund halte ich die BNZ für sehr moderat, was die Dichte betrifft.

Wie zeigt sich das?
Was die Höhe der Gebäude betrifft, ist es moderater als das, was nach BZO zulässig wäre. Man hat Rücksicht genommen auf Befürchtungen aus dem Mitwirkungsprozess, dass es zu dicht werden könnte. Auch doppelt so viel Bauvolumen wäre hier fachlich vertretbar gewesen.

Es stellt sich die Frage, ob Küsnacht an dieser Lage überhaupt einen Platz braucht. Es gibt auch Beispiele von Dorfplätzen, die ausgestorben sind.
Wir sind in der Schweiz, nicht in Süditalien – es regnet öfters. Jeder Dorfplatz, der funktionieren soll, braucht genügend Publikum, das sich dort bewegt. Der Gedanke, dass ein Platz, wenn er erst einmal gebaut ist, automatisch belebt ist, funktioniert in zwei Drittel der Fälle nicht.

Was lässt sich raumplanerisch zum Parkdeck sagen?
Der Zustand, der seit 1964 besteht, würde im doppelten Sinn des Wortes zementiert. Klar ist es praktisch, viele Parkplätze im Zentrum zu haben, aber die Gemeinde muss sich überlegen, dass sie hier konkurrierend zwei Verkehrsträger subventioniert. Wenn sie mehr Parkplätze bereitstellt, dürfte der Kostendeckungsgrad des Ortsbusses sinken.

Was sagen Sie dem Bürger, der nicht an einem Café und an einer Bibliothek interessiert ist, sondern nur sein Auto möglichst nahe am Bahnhof parkieren will?
Da stelle ich eine andere Frage: Wieso bringt er sich im letzten Moment eines achtjährigen Prozesses ein? Die Gemeinde hat versucht, möglichst alle abzuholen. Dass jetzt eine Bibliothek oder ein Café eingeplant ist, hat damit zu tun, dass der Wunsch politisch vorgetragen wurde. Das Parkdeck ist un terrible simplification, welches nur eine einzige der verschiedenen Anforderungen löst.

Sie werfen den Kritikern des Gemeindeprojektes Egoismus vor?
Nein, nicht Egoismus. Man hat in einem achtjährigen Prozess eine sorgfältig erarbeitete, hochkomplexe Lösung für verschiedenste Bedürfnisse massgeschneidert. Und am Schluss kommt jemand und sagt: Ein Billig-T-Shirt reicht doch auch aus für uns. Das ist die Simplifizierung. Irritierend ist, dass die Argumentation auch noch verfängt.

Ist es nicht so, dass man es nicht jedem recht machen kann?
Das ist klar. Aber was mir mehr Sorgen bereitet, ist, dass die jetzige Entwicklung jeglichen Mitwirkungsprozess entwertet. Kann man dies wirklich einem Projekt vorwerfen, das von einem Bürger eingereicht wurde, der dafür rund 1600 Unterschriften gesammelt hat?
Wenn man Planungsfragen sorgfältig bearbeiten will, sind das 5- bis 10-jährige Projekte. Wir beklagen das Erinnerungsvermögen von Politikern, aber das Erinnerungsvermögen der Stimmbürger ist fast noch kürzer. Ich erkenne in der Zentrumsplanung einen roten Faden bis zu diesem Schlenker mit dem Parkdeck.

Im Mai 2014 sagten die Bürger klar Ja zum Projektierungskredit für die BNZ an der Urne. Kann man dies nicht auch darauf zurückführen, dass es damals noch keine Alternative gegeben hat?
Jetzt haben wir eine Alternative, aber die beiden Projekte haben eine höchst unterschiedliche Qualität. Was nun abgeklärt wird, ist die bautechnische Machbarkeit. Die lässt sich vermutlich nachweisen. Aber damit hängt immer noch das Damoklesschwert der planungsrechtlichen Genehmigungsfähigkeit über Küsnacht.

Wie gross ist die Chance, dass der Kanton den Gestaltungsplan für das Parkdeck bewilligen wird?
Mindestens der Antrag des Amts für Raumentwicklung an den Baudirektor dürfte gemäss dieser Stellungnahme wohl negativ ausfallen. Was der Baudirektor in seiner politischen Abwägung zwischen Richtplanvorgaben und Gemeindeanliegen daraus machen wird, ist allerdings schwer zu sagen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 01.04.2016, 15:40 Uhr

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