Mordfall Küsnacht

Eine drogendominierte Beziehung

Die ehemalige Freundin des Beschuldigten, der einen Mann in einer Villa in Küsnacht getötet hat, wurde fast den ganzen Tag befragt. Sie schilderte eine dramatische Beziehung. Der 31-Jährige schwieg weiterhin. Daran konnte auch eine intensive Befragung nichts ändern.

Tag zwei im Mordprozess Itschnach (Küsnacht), der diese Woche vor dem Meilemer Bezirksgericht verhandelt wird. Diesmal ging es um die Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Angeklagten (links).

Tag zwei im Mordprozess Itschnach (Küsnacht), der diese Woche vor dem Meilemer Bezirksgericht verhandelt wird. Diesmal ging es um die Vergewaltigungsvorwürfe gegen den Angeklagten (links). Bild: Robert Honegger

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Am zweiten Prozesstag im Tötungsdelikt eines jungen Mannes in einer Villa in Küsnacht Itschnach zeichnet die ehemalige Freundin des Beschuldigten ein schlechtes Bild – sowohl von ihrem damaligen Freund als auch von der Familie. Er habe ein massives Drogenproblem gehabt, doch dem Vater sei das völlig egal gewesen. Ihr Freund habe sich unantastbar gefühlt, aber immer wieder schlimme Episoden wegen der Drogen erlebt. Seine Mutter habe ihr Flehen erhört und ihr geraten, ihn fallenzulassen.

Gegen das Problem habe aber niemand etwas unternommen. Sie selber war informiert: Schon am ersten Treffen hatte der 31-Jährige ihr gestanden, «ein massives Kokainproblem» zu haben. Dennoch wurden die Beiden ein Paar. Erste Exzesse entschuldigte er damit, dass eben Ferien seien. Doch schon nach zwei Monaten Beziehung sei er in einem miserablen Zustand gewesen. Immer wieder habe er versprochen, mit den Drogen aufzuhören. Es gab sogar Abmachungen wie «kein Ketamin in Zürich» oder «keine Drogen im Tessin». Geändert hat sich aber nie etwas. Sie sei eben sehr verliebt gewesen, sagte die Frau, die im Prozess auch als Privatklägerin auftritt. Und sie habe immer Hoffnung gehabt, dass er sich bessern würde.

Diese Hoffnung starb, als es nach ihren Angaben zu einem Vorfall in London kam. Eher untypisch habe er sich plötzlich für ihren Körper interessiert. Doch danach habe er sie gegen ihren Willen anal penetriert, wobei sie kopfüber in die Badewanne fiel. Halb benommen sei sie gewesen, als er sie rauszog und ihr ein Badetuch auf das Gesicht drückte. Sie hätte kaum noch atmen können, sagte die Frau gestern vor Gericht. Sie hörte auf zu schreien, er brachte sie ins Schlafzimmer. Dort «liess ich ihn machen», was heisst, dass er sie vergewaltigt haben soll. Danach habe er sie aufgefordert, ihn oral zu befriedigen. Sie sei dem nachgekommen, weil sie Todesangst gehabt habe.

Aussage wegen Mutter

Noch zwei Tage blieb sie danach bei ihm, auch zurück in Zürich übernachteten die beiden noch einmal gemeinsam. Das hielten die beiden Verteidiger der Privatklägerin vor. Sie sagt, sie habe Zeit gebraucht, um zu realisieren, was da passiert ist. Endgültig weggekommen sei sie, als er ihr gesagt habe, dass ihm völlig gleichgültig sei, was sie als sehr schlimme Grenzüberschreitungen wahrgenommen hatte.

Angezeigt hat sie ihren Ex-Freund erst ein Jahr später. Warum? Sie habe keinen Nutzen gesehen, ihren Ex anzuzeigen. Doch als sie bei der Staatsanwaltschaft wegen des Tötungsdelikts vernommen wurde, habe sie die Mutter des Opfers gesehen, diese «unheimlich traurige Frau», die ihren Sohn beerdigen musste. Alle Bekannten, die aussagen mussten, hätten sich gefreut, weil sie kaum etwas gesagt hätten. «Da wusste ich, dass ich etwas machen musste», erklärt sie.

Kein Blick für Bilder

Die Eltern des jungen Opfers und viele Freunde waren auch am Prozess. Für sie war der Nachmittag eine Tortur. Wie der Brite zu Tode gekommen ist, wollte oder konnte der Beschuldigte nicht sagen. Er schwieg, wie schon am ersten Prozesstag. Der Gerichtspräsident versuchte ihm dennoch Aussagen zu entlocken. Detailliert fragte er, wie es zum Todeskampf gekommen war. Sogar Bilder des Toten liess er dem Beschuldigten vorlegen.

Dieser senkte den Kopf immer weiter, so dass er die Bilder nicht sehen musste. In der Untersuchung hatte der 31-Jährige von Notwehr gesprochen. «Glauben Sie wirklich, dass nach Notwehr jemand so aussieht?» fragte der Präsident, als auf dem Bild der Tote mit einer Kerze im Rachen zu sehen war. Auch Seltsames, wie Gegenstände, die nachträglich zum Toten gelegt wurden oder eine blutige Schleifspur im Wohnzimmer kommentierte der Deutsche nicht.

Die stakkatoartig vorgetragenen Fragen des Gerichtspräsidenten hinterliessen offensichtlich eine Wirkung beim Beschuldigten. Doch selbst, als er aufgefordert wurde, der Opferfamilie Genugtuung zu verschaffen, schwieg er eisern. Auch als ihn der Referent des Gerichts daran erinnerte, dass das Opfer doch sein Freund gewesen sei, brachte der Beschuldigte kein Wort über die Lippen. (zsz.ch)

Erstellt: 29.03.2017, 19:10 Uhr

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