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Er hat Ketamin und Kokain konsumiert wie andere Bonbons

Zehn Gramm Ketamin und sechs Gramm Kokain pro Woche: So viel soll der 31-Jährige konsumiert haben, der in der elterlichen Villa einen Kollegen getötet hat. Der Experte spricht von exzessivem Konsum und Abhängigkeit. Doch war der Deutsche deswegen in der Tatnacht schuldunfähig?

Am ersten Prozesstag vor dem Meilemer Bezirksgericht herrschte von Seiten des Angeklagten vor allem eines: Schweigen.
Am ersten Prozesstag vor dem Meilemer Bezirksgericht herrschte von Seiten des Angeklagten vor allem eines: Schweigen.
Sabine Rock

Wie ein gefallener Engel sitzt er da. Gross, aber mit hängenden Schultern, das Gesicht eingerahmt von schulterlangen, dunkelblonden Haaren. Der Blick geht nach unten, er knetet seine Finger.

Das Leben hatte es eigentlich gut gemeint mit dem 31-Jährigen. Die Kunsthändlerfamilie ist bei den oberen Zehntausend bekannt. Auch dem Junior wurde eine hoffnungsvolle Zukunft prognostiziert. Anschluss in der Schweiz schien der Deutsche locker zu finden, sein Leben spielte sich da ab, wo sich der internationale Jetset trifft: Ibiza, Saint-Tropez, London. Doch sein Drogenkonsum deutet auf Probleme hin. Spätestens seit 2011 begann er regelmässig Kokain und das Anästhetikum Ketamin zu konsumieren. In früheren Jahren bestand wohl eine Cannabisabhängigkeit.

Am ersten von vier Verhandlungstagen befragten die Richter am Bezirksgericht Meilen zwei Gutachter insbesondere zu diesem Drogenkonsum. Der Suchtspezialist wies darauf hin, dass Ketamin leicht zu Wahnvorstellungen und psychotischen Schüben führen kann. Nimmt man zu viel, gerät man in einen tranceähnlichen Zustand, in dem die motorischen Fähigkeiten stark eingeschränkt sind. Um dies zu verhindern, würden viele Konsumenten zusätzlich den Wachmacher Kokain zu sich nehmen.

Nur so ist auch die schlimmste Tat erklärbar, die dem 31-Jährigen vorgeworfen wird: die Tötung eines Kollegen, mit dem es offenbar früher nie Probleme gegeben hat. Wenig war bisher bekannt über die Tat am 30. Dezember 2014 in einer Villa in Küsnacht-Itschnach. Der Beschuldigte wollte nicht viel preisgeben. Er schwieg gestern auf Anraten seiner Anwälte.

Drogen und schwedische Volksmusik

Doch er hat in der Vergangenheit gegenüber einem Gutachter Angaben gemacht. Demnach hat er schon auf dem Weg von seiner Wohnung in Zürich nach Küsnacht psychoseähnliche Erlebnisse gehabt. Es war eine verschneite Nacht, am Bellevue habe es kaum Leute gehabt. Als sein Kollege bemerkte, dass es wäre, als ob sie die einzigen Menschen auf der Welt wären, sei ihm das seltsam vorgekommen, heisst es im Bericht des Psychiaters. Die Freunde nahmen ein Taxi, unterwegs hielten sie an, um Geld abzuheben. Darauf habe ihn der Taxifahrer gefragt, ob er «Millionen abgehoben» habe, so der 31-Jährige. Der Fahrer habe bedrohlich gewirkt. Plötzlich sei ihm auch der Kollege bedrohlich vorgekommen, «wie ein Alien».

In der Villa der Eltern angekommen, wurden erneut Drogen konsumiert. Der Beschuldigte habe Musik aufgedreht, schwedische Volksmusik. Das habe dem jungen Kollegen nicht gepasst. Dass ihm der 31-Jährige daraufhin die Drogen wegnehmen wollte, habe diesen noch mehr aufgeregt.

Rote Augen, grüne Haut, lange Ohren

Dann sollen die Drogen beim Beschuldigten voll eingefahren sein. Der Kollege habe ihn den Teufel genannt. Dann soll sich der Kollege in der Wahrnehmung des späteren Täters verändert haben: «Rote Augen, grüne Haut, lange Ohren. Wie ein Alien sah er aus.» Dieser Ausserirdische soll ihn in Tötungsabsicht angegriffen haben, worauf sich der 31-Jährige gewehrt hat. Mit mehreren schweren Gegenständen hat er auf das Opfer eingeschlagen. Getötet hat er es schliesslich durch Erwürgen.

Nach der Tat hat der Beschuldigte die Wasseraufbereitungsanlage herausgerissen, weil diese «wie ein Jetpack» ausgesehen habe. Damit wollte er so schnell wie möglich wegfliegen. Stattdessen hat er die Polizei benachrichtigt.

Typische Erscheinungen für Ketaminrausch

So weit die Version des Beschuldigten. Die Gutachter halten diese für plausibel. Insbesondere habe der Mann typische Erscheinungen für Ketaminrausch beschrieben. Die Angaben zum Konsum, zehn Gramm Ketamin wöchentlich und sechs Gramm Kokain pro Wochenende, zeigten eine Ketaminabhängigkeit und zumindest einen Missbrauch beim Kokain. Den Streitereien misst der forensische Psychiater nicht viel Bedeutung zu. Doch dass sich der Beschuldigte wegen des vermeintlich bevorstehenden Angriffs in einer Notwehr­situation wähnte, sei entscheidend. Der Gutachter hält den 31-Jährigen zum Tatzeitpunkt für schuldunfähig.

Der Prozess geht am Dienstag weiter mit der Befragung des Beschuldigten und seiner ehemaligen Freundin, die ihn mehrerer Sexualdelikte bezichtigt.

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