Social Media

«Die Begegnung findet auf dem virtuellen Dorfplatz statt»

Erst wenige Gemeinden in der Schweiz nutzen Social Media zur Kommunikation und Information. Für Marc Bamert, stellvertretender Gemeindeschreiber in Meilen, ist das eine verpasste Chance.

Mit Social Media wie Facebook und Instagram tritt die Gemeinde Meilen direkt und mobil in einen Dialog mit ihrer Bevölkerung ein.

Mit Social Media wie Facebook und Instagram tritt die Gemeinde Meilen direkt und mobil in einen Dialog mit ihrer Bevölkerung ein. Bild: Patrick Gutenberg

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Herr Bamert, Sind die Gemeinden gut und ausreichend präsent in den Social Media?
Marc Bamert: Die Gemeinden sind auf Social Media mehrheitlich überhaupt nicht präsent. Ich finde jedoch, es gibt gute Gründe für eine Gemeinde, auf ausgewählten Social-Media-Kanälen aktiv zu sein.

Welche Gründe sind das?
Social-Media-Kanäle wie Facebook und Instagram bieten die Chance einer aktiven, schnellen, unabhängigen, einfachen und kostengünstigen Kommunikation mit einem grossen Publikum. In der Schweiz weist Facebook rund 3,8 Millionen User auf, Instagram nutzen rund 2,5 Millionen Menschen. Sinnvollerweise bringt eine Gemeinde ihre Inhalte dorthin, wo sich die Bevölkerung aufhält: Fish where the fish are.

Entscheidet die Anzahl User?
Die Anzahl der potenziellen Empfänger einer Botschaft ist ein Kriterium bei der Auswahl eines Kommunikationskanals. Es ist dem Fakt Rechnung zu tragen, dass die Digitalisierung die Gesellschaft und deren Gewohnheiten verändert – jeden Tag. Ein Grossteil der Schweizerinnen und Schweizer nutzt _die Social Media regelmässig, meist mittels mobilen Geräten. Das Handy ist heute die Fernbedienung des Lebens. Begegnungen von Gemeinden und Einwohnern finden heute und in Zukunft vermehrt in der virtuellen Dorfplatz-Community statt. Diese Entwicklung nimmt die Gemeinde Meilen auf.

Was bietet Meilen der Bevölkerung in den Social Media?
Die Gemeinde Meilen lässt die Einwohner auch digital am Gemeindeleben teilhaben und zeigt auf ihren Social-Media-Kanälen das aktive und vielfältige Gemeindeleben. Wir möchten mit unseren Social-Media-Aktivitäten Identifikation fördern und das Wir-Gefühl in der Gemeinde stärken.

«Wir möchten  mit unseren Social-Media-Aktivitäten Identifikation fördern und das Wirgefühl in Meilen stärken.»
Marc Bamert

Genügen die traditionellen Kanäle wie Lokal- und Regionalzeitung, Website und Rundschreiben nicht mehr?
Eine Herausforderung in der heutigen Zeit besteht darin, wen man auf welchem Kommunikationskanal erreicht. Uns gelingt es, über die Social Media auch Bevölkerungsgruppen anzusprechen, die wir über andere Kanäle wie zum Beispiel Gemeindewebsite oder amtliches Publikationsorgan nicht erreichen könnten.

Wer gibt den Anstoss zum Social Media-Auftritt einer Gemeinde?
Bei der Gemeinde Meilen ging der Anstoss zum Social-Media-Auftritt von mir aus. Ich habe vor drei Jahren eine Masterarbeit über die Facebook-Auftritte von Zürcher Gemeinden geschrieben. Die dort gewonnenen Erkenntnisse bilden die Basis der Social-Media-Aktivitäten der Gemeinde Meilen.

Welche Meinung hatte dazu der Gemeinderat?
Mir ist der politische Rückhalt wichtig. Beim Start des Social-Media-Auftritts im März 2018 waren unsere Gemeinderäte die ersten Facebook-Fans der Gemeinde. Im Einzelfall geht die Initiative für einen Social-Media-Auftritt einer Gemeinde auch von einem Politiker aus, wie etwa im Fall von Illnau-Effretikon.

Was ist der Standard für den Auftritt in den Social Media?
Es gibt keinen Standard. Zwischen Gemeinden mit Social-Media-Auftritten bestehen grosse Unterschiede. Beispielsweise posten einzelne Gemeinden originelle Instagram-Stories, während andere auf Facebook immer noch Textwüsten veröffentlichen. Ein gutes Beispiel einer Gemeinde auf Facebook finde ich die Stadt Zürich. Auf Facebook und Instagram gefällt mir die Stadt Baden – oder, wenn ich über die Grenze schaue, Hamburg.

Worüber informiert Meilen?
Dem Social-Media-Auftritt der Gemeinde Meilen liegt ein Konzept zugrunde, welches ich zusammen mit unserer Kommunikationsfachfrau erarbeitet habe. Darin werden unter anderem Ziele, Kanäle wie Facebook oder Instagram, Inhalte und Form definiert. Wir folgen einem Redaktionsplan, der aktuelle lokale Ereignisse aufgreift. Unsere gegenwärtig ein bis drei Posts pro Woche sind bezüglich Darstellung konsequent aufs Handy und nicht auf den PC ausgerichtet. Wir wollen kanalgerecht aufbereitete Posts veröffentlichen und unsere Community nicht zuspammen.

Welche Inhalte postet Meilen?
Bei Social-Media-Beiträgen ist gutes Bildmaterial zentral. Bilder und Videos vermögen eine Stimmung zu vermitteln und Emotionen auszulösen. User teilen und liken auf Facebook und Instagram primär Emotionen und nicht Fakten. Daher zeigt die Gemeinde Meilen auf ihren Social-Media-Seiten Impressionen, Personen und Gesichter aus Meilen. Wir zeigen das vitale und vielseitige Gemeindeleben. Im Vordergrund stehen Posts zu lokalen Veranstaltungen und identifikationsstiftende Themen. Auf Posts mit politischen Inhalten verzichten wir weitgehend.

Unterscheidet sich das Publikum von Facebook und Instagram?
Mit Instagram erreichen wir eine jüngere Zielgruppe. Facebook und Instagram wurden insbesondere wegen ihrer grossen Verbreitung beziehungsweise ihrer Reichweite ausgewählt.

Weshalb nicht auch Twitter?
Unser Entscheid war nicht gegen einzelne Social-Media-Kanäle, sondern für Facebook und Instagram. Unsere Ziele können wir über diese sehr verbreiteten Kanäle am besten erreichen.

Welche Bilanz ziehen Sie?
Das erste Social-Media-Jahr ist ein Riesenerfolg! Die Gemeinde Meilen hat neun Monate nach dem Social-Media-Start eine Community von über 500 Abonnenten auf Facebook und über 300 Abonnenten auf Instagram. Mittlerweile erreichen wir mit unseren Beiträgen zwischen 300 und 3500 Personen.

Ist das als Einbahn-Kommunikation gedacht oder nimmt die Gemeinden dort auch Anregungen oder gar Kritik auf?
Wir von der Gemeinde Meilen setzen uns mit Anregungen und Kritik auseinander und geben in der Regel ein Feedback zu den einzelnen Kommentaren.

Was bringt es Verwaltungsangestellten, wenn ihre Gemeinde aktiv in den Social Media ist?
Social Media-Aktivitäten einer Gemeinde haben nicht nur eine Wirkung nach aussen, sondern auch nach innen. Viele Mitarbeitende sind stolz, wenn ihre Arbeitsleistung beziehungsweise ihr Dienst für die Gemeinschaft, für die Bevölkerung, auf einem Bild oder in einem Video gezeigt wird. Die Mitarbeitenden verleihen einer Gemeinde ein Gesicht. Ein Like, ein positiver Kommentar oder das Teilen eines Gemeindebeitrags durch zufriedene, motivierte Mitarbeitende ist beste Werbung für die Gemeinde.

Was raten Sie Gemeinden, die in den Social Media aktiv sein möchten?
Wichtig erscheint mir, dass der Social Media-Auftritt einer Gemeinde auf einem klaren Konzept basiert. Bei den Involvierten der Exekutive und Verwaltung soll eine positive Grundhaltung, ein Commitment bestehen. Die für den Auftritt verantwortliche Person muss von ihrer Aufgabe begeistert sein und das nötige Knowhow haben, um die Seiten der Gemeinde kreativ zu bewirtschaften. Ausserdem sollten die Entwicklungen der Social Media und in der digitalen Welt verfolgt werden. So wird der virtuelle Dorfplatz der Gemeinde belebt.

Was kostet ein gut betreutes Social-Media- Networking?
Bei der Gemeinde Meilen wenden wir gegenwärtig weniger als 10 Stellenprozente für die Bewirtschaftung von Facebook und Instagram auf. Die verwendeten Fotos und Videos haben wir entweder selbst aufgenommen oder verdankenswerterweise von gemeindenahen Betrieben und von Privatpersonen erhalten. Auf kostenpflichtige Facebook-Anzeigen oder Instagram-Werbung haben wir bisher verzichtet.

Wie weit darf eine Gemeinde bei Social Media gehen, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, sie betreibe reine PR?
Im Sinne von «Tue Gutes und rede darüber» ist PR in eigener Sache in Ordnung. Für eine Gemeinde ist allerdings vor allem das Zuhören und das Erkennen der Bedürfnisse und Anliegen der Bevölkerung wichtig.

Erstellt: 04.01.2019, 15:38 Uhr

Marc Bamert ist stellvertretender Gemeindeschreiber in Meilen und Projektleiter Social Media. 2015 schrieb er eine Masterarbeit über die Facebook-Auftritte von Zürcher Gemeinden.

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