Trockenheit

Bauern dürfen jetzt Gewässer anzapfen

Die Kantone Zürich und St. Gallen reagieren auf die Wassernot in der Landwirtschaft. Die zuständigen Ämter haben die Regeln zur Wasserentnahme aus den grossen Gewässern geändert — mit Folgen für die Bauern in der Region.

Wegen des Wassermangels in der Landwirtschaft passen die Kantone Zürich und St. Gallen die Regeln zur Wasserentnahme aus grossen Gewässern an.

Wegen des Wassermangels in der Landwirtschaft passen die Kantone Zürich und St. Gallen die Regeln zur Wasserentnahme aus grossen Gewässern an. Bild: Keystone

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Die Mitteilung des St. Galler Amts für Wasser und Energie (AWE) liest sich dramatisch. «Die Böden sind teilweise so trocken, dass der gefallene Regen komplett versickert und kein Wasser in den Gewässern angekommen ist.» Deshalb untersagte gestern das AWE ab sofort die Wasserentnahme aus kleineren Oberflächengewässern.

Im Linthgebiet dürfen nur noch der Obersee und der Linthkanal angezapft werden — mit Bewilligung des AWE. Auch im Kanton Zürich hat das Amt für Wasser, Energie und Luft (AWEL) reagiert. Es erliess eine Massnahme, die zuletzt 2015 und 2006 getroffen wurde. Das AWEL überträgt die Bewilligung zur Wasserentnahme für die Landwirtschaft an die Gemeinden.

Ausserordentliche Situation

Allerdings kommen in den Bezirken Horgen und Meilen lediglich der Zürichsee und die Sihl zur Bewässerung von Feldern und Kulturen in Betracht. Christoph Noll, Leiter der Sektion Gewässernutzung im AWEL beschreibt die Notwendigkeit der Massnahme. «Es ist eine ausserordentliche Situation, in der wir anders als üblich vorgehen müssen.» Da das AWEL nur langfristige, aber keine spontanen Bewilligungen zur Wasserentnahme aus Oberflächengewässern erteilen kann, ermächtigt das Amt die Gemeinden, Landwirten Wasser für die Bewässerung zu holen.

«Die Gemeinden haben von uns eine Musterbewilligung erhalten», erklärt Noll. Damit soll das Verfahren möglichst einfach gehalten werden. Das bestätigt Didier Mayenzet, Gemeindeschreiber von Meilen. «Im Gesuch muss vor allem der Ort zur Wasserentnahme angegeben werden.» Hydranten dürfen keine angezapft werden. Die Gemeinde werde das Gesuch kulant behandeln. «Die Landwirte müssen doch ihre Felder bestellen können», sagt Mayenzet. Auch Horgen werde speditiv vorgehen, sagt Substitutin Monika Neidhart. «Bei uns melden, wir schauen uns das vor Ort an und beurteilen das Gesuch möglichst schnell.»

Keine Beschränkung

Für die Übertragung der Kompetenz vom AWEL an die Gemeinden spreche viel, sagt Christoph Noll: «Die Gemeinden kennen die Situation vor Ort besser als wir, sie wissen wo eine Wasserentnahme weder mit dem Naturschutz noch mit Freizeiteinrichtungen für die Bevölkerung in Konflikt kommen könnte.» Den Bauern stehen die Mittel zur Wasserentnahme frei, es dürfen jedoch nur mobile Einrichtungen verwendet und die Ufervegetation muss geschont werden.

Michael Eugster, Leiter des St. Galler AWE, erwähnt eine weitere Vorschrift: «Es dürfen keine Fische angesaugt werden.» Darum müssen bei der Entnahme mittels Pumpe die Seiher mit einem engmaschigen Gitter oder Stoff abgedeckt sein.

Anders als im Kanton Zürich bleibt das St. Galler Amt weiterhin alleine zuständig für die Wasserentnahme. «Wer eine bestehende Bewilligung hat, für den ändert sich nichts.», erklärt er. «Wer eine Bewilligung für ein Gewässer hat, aus dem jetzt kein Wasser entnommen werden darf, erhält von uns eine Mitteilung.»

Die Bewilligung zur Wasserentnahme werde «problemlos erteilt, indem man sich bei uns meldet, wir beurteilen das Gesuch», sagt Eugster. Im Übrigen arbeite das AWE eng zusammen mit dem Amt für Landwirtschaft. Im Gegensatz zur im St. Galler Gewässernutzungsgesetz festgehaltenen Obergrenze von 50 Litern pro Minute für den Gemeingebrauch gilt diese Beschränkung zur Wasserentnahme nicht für die Landwirtschaft.

Für Bauern am Berg nutzlos

Obstbauer Martin Dändliker aus Hombrechtikon findet es gut, dass der Kanton jetzt reagiert hat. «Es war an der Zeit, so werden die Wasserleitungen entlastet.» Dennoch ist die Wasserentnahme aus dem Zürichsee für ihn keine Option. Dieser sei schlicht zu weit weg. Für seinen 50 Handballfelder grossen Anbau von Obst und Beeren braucht der Bauer etwa 400 Kubikmeter Wasser. «Diese Menge bringt man mit einem Transport einfach nicht zustande.»

Ein üblicher einachsiger Anhänger fasst 4 bis 5 Kubikmeter, was rund 100 Fahrten runter zum Zürichsee notwendig machte. Wenn man wirklich Wasser entnehmen wolle, bräuchte es dafür eine Leitung, sagt er. Seine Beeren bewässert Dändliker mit Leitungswasser. Solange es nicht regnet, bekommen auch die Obstsorten Wasser aus der Leitung.

Martin Krucker vom Auhof in Wagen (Rapperswil-Jona) empfindet die Trockenheit nicht als dramatisch. Seine Tomaten, Gurken und Beeren könne er aus seiner eigenen Wasserquelle versorgen. Dass es aber über so lange Zeit trocken ist, sei neu für ihn. In der Regel habe er mit zu viel Wasser zu kämpfen. So hat das warme Wetter auch sein Gutes. Krucker findet, dass die Leute besser gelaunt seien und mehr Lust auf Beeren hätten. Das spüre er im Verkauf.

Heu fehlt im Winter

Wenig betroffen ist auch Gottfried Gachnang aus Horgenberg. Seine 20 Apfelbäume könne er gut aus dem Regenwasser-Tank oder der Leitung bewässern. Ohnehin sei er für eine Wasserentnahme gar nicht eingerichtet. Darum sei es günstiger für ihn, das Leitungswasser zu benutzen.

Eine Herausforderung sehen die Bauern wegen der Trockenheit für Milchbetriebe. Da es keinen Sinn mache, Wiesen und Weiden zu bewässern, vertrocknet das Gras. Im Winter könnten Heureserven für das Vieh fehlen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 24.07.2018, 16:57 Uhr

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