Stäfa/Küsnacht

Aus Langeweile zur Kunst gekommen

Gabriele Saputelli präsidiert neu den Küsnachter Kunstverein Artischock. Der Stäfner sieht sich als Macher und hat mit seiner Narrenfreiheit schon einigen Staub im Verein aufgewirbelt.

Meditation in der Höhe: 
Was nach gepflegter Langeweile aussieht, ist
in Wirklichkeit ganz etwas anderes. Hier auf dem Niesen wird höchste Denkarbeit geleistet – vor Prachtskulisse, versteht sich.

Meditation in der Höhe: Was nach gepflegter Langeweile aussieht, ist in Wirklichkeit ganz etwas anderes. Hier auf dem Niesen wird höchste Denkarbeit geleistet – vor Prachtskulisse, versteht sich. Bild: Katrin Lüthi

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Er hat das Amt nicht gesucht. Als Mitglied des Vereins Arti­schock ist Gabriele Saputelli, ­selber Kunstschaffender, vom Vor­­stand angefragt worden, ob er sich die Rolle als Präsident vorstellen könnte. Warum gerade er, der keine Beziehungen zu Galerien pflegt und von sich sagt, er könne nicht einmal erklären, was Kunst sei?

«Ich betrachtete diese Anfrage als Geschenk, ein Päckli, das ich nicht abschlagen konnte», erzählt der selbstständige Coiffeur an seinem freien Tag zu Hause im Garten. Seit 20 Jahren führt er in Stäfa den Salon Coiffure Charisma-Youngstyle, übt seinen Beruf aber schon seit 34 Jahren aus. ­Davor hatte der damals 16-Jäh­rige keine Ahnung, was er werden sollte. Als er erfuhr, dass ein Coiffeur auch Farben mischen ­müsse, war die Entscheidung rasch gefällt. Zu dieser Zeit hatte er das Elternhaus im Aargau verlassen und ein Studio bei Bern bezogen. Ohne Fernseher – Handys gab es damals noch nicht – war ihm abends langweilig, wie der heute 50-Jährige zurückblickt. «Da habe ich Gläser zersplittert und die Teile wieder zusammengeleimt.»

Wo beginnt Kunst?

Seine kreative Lust war geweckt. Er begann, in Abfallmulden zu wüh­len und aus Zementbrocken, Draht, Altmetall und Gips Ob­jekte zu formen, Collagen zu gestalten. «Mein Studio wurde zur Werkstatt, in der ich vor lauter Objekten kaum noch die Tür öffnen konnte», erzählt er mit seinem befreienden Lachen.

Doch durfte er, der im Begriff war, Coiffeur zu werden, seine Werke als Kunst bezeichnen? Das fragte er sich voller Zweifel. Ein Besuch im Pariser Centre Pompidou schaffte Klarheit. Als er sich vor den Bildern wunderte, was all die Striche sollten, wurde ihm ­bewusst, dass in Sachen Kunst alles­ möglich ist. «Es kommt auf die Sinnhaftigkeit an – wie bringe ich eine Botschaft, Gefühle rüber?» Die damalige Erkenntnis vermittelte ihm jenen Freigeist, der sein künstlerisches Schaffen bis heute prägt. Sei dies in der Fotografie, Videos, in der Objektkunst oder auch mal im Zimmern des eigenen Gartenhäuschens.

Strukturen hinterfragt

Gabriele Sapu­telli, das offenbart sich im Gespräch, sprüht nur so vor Ideen. Wenn ihm Worte nicht reichen, greift er zum Bogen Papier und fasst in Grafiken zusammen, wie er tickt. Ja, der Sohn italienischer Eltern, der «simpel und ohne Barrieren» aufgewachsen ist, ist ein Macher, erkennt Zusammenhänge. «Obwohl ich nur die Realschule besuchte und ein eigenwilliger Schüler war.»

Als Erstes hinterfragte der frisch gewählte Artischock-Präsident die starren Strukturen des seit 1989 bestehenden Vereins für Kunstschaffende und Kunstinteressierte. Um seine Gedanken mit dem Vorstand und den rund 300 Mitgliedern zu teilen, rich­tete er sich im Vereinsbulletin direkt an sie. Er habe vernommen, «dass man Freude hat, wenn ein wenig frischer Wind in den Verein kommt.

Aber wie ist es, wenn man gerne den frischen Wind hätte, aber vergisst, das Fenster zu öffnen?» Damit hatte er sich selber einen Freipass für etwas Narrenfreiheit verschafft. Denn: Sapu­telli treibt alles gerne auf die Spitze, um zu provozieren und wachzurütteln. Hauptsache, die Menschen um ihn bewegen sich, denken nach, denken um oder überdenken festgefahrene Strukturen. Und er mag Kritik. Nur so könne er anfangen, sich Gedanken über Lösungen zu machen.

Chance zur Werbung gepackt

An der ersten Vorstandssitzung überzeugte er sein Team, dass Arti­schock sich an der Kulturnacht in Küsnacht beteiligen solle. Und schlug gleich vor, mit welchem Auftritt dies geschehen solle. Zudem hat Sapu­telli sich am vom Küsnachter Vereins-Kartell initiierten Vereinsversand beteiligt. ­Dabei hatte jeder Dorfverein die Gelegenheit, zu Werbezwecken eine Drucksache zu gestalten. Die Gemeinde Küsnacht übernahm die Kosten fürs Verpacken, für die Couverts und den Versand an die 7600 Haushalte.

Der Artischock-Präsident hat dazu eine Collage mit drei stilisier­ten Blumen fotografiert und darunter die Adjektive «harmo­nisch», «strukturiert» und «spontan» vermerkt. «Ohne viele Worte sagt die Karte viel über unseren Verein aus», ist er überzeugt. Und als versierter Filmer hat Sapu­telli die jurierte Ausstellung des Kunstvereins vom Juni per Video festgehalten und dazu einen Youtube-Kanal eingerichtet. Ein Novum im Arti­schock.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 12.08.2017, 10:32 Uhr

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