Meilen

Amphibien retten sich selbst

In Meilen werden Ausstiegshilfen für Amphibien montiert. Damit sollen sich die Tiere selbst aus dunklen Abwasserschächten befreien können.

Die Terramat soll den Amphibien helfen, von alleine aus den Schächtenheraus zu kommen.

Die Terramat soll den Amphibien helfen, von alleine aus den Schächtenheraus zu kommen. Bild: Manuela Matt

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An dem nasskalten Morgen sind die orange gekleideten Amphibienschützer am Strassenrand nicht zu übersehen. Ein Warndreieck sperrt ein Drittel der Strasse ab. Sie öffnen die Hintertür des kleinen Lieferwagens und entnehmen ihm etwas, das aussieht wie ein aufgewickelter, schwarzer Teppich. Es handelt sich um ein Ausstiegshilfe für Amphibien.

Wenn die kleinen Geschöpfe die jährliche Reise zu ihren Laichgewässern zurück bestreiten, nehmen sie groses Gefahren in auf. Nicht nur die befahrenen Strassen bedrohen ihr Leben, sondern auch dunkle und feuchte Strassenschächte können zu tödlichen Fallen werden. Diese Schächte wirken auf die Amphibien anziehend. Begeben sich die Tiere in die Schächte, schaffen sie es ohne Hilfe kaum mehr heraus. Sie verhungern im Untergrund.

Kletterhilfe

Die Amphibienschützer sind dabei, den schwarzen Teppich in den Gully hinunter zu lassen. «Das ist eine Terramat», erklärt Rebecca Frei, Einsatzleiterin des Vereins Konkret. An dem dreidimensionalen Geflecht aus Kunststoff können sich Frösche, Kröten und Molche aus dem Abwasserschacht wieder nach oben hangeln. Bei einem Versuch sollen es die Mehrzahl der Tiere mit dieser Vorrichtung hinaus geschafft haben. Als Alternative zu der Terramat gäbe es noch andere Konstruktionen, wie Treppen und Rohre, welche verwendet werden.

Das Ziel der Amphibienwanderung sind verschiedene Weiher, in welchen Laich abgelegt wird. Foto: mma.

190 Ausstiegshilfen haben die Mitarbeiter des Vereins Konkret diese Woche schon in Meilen installiert. 30 weitere stehen noch auf dem Programm. Pro Ausstiegshilfe und Gully bezahlt die Gemeinde 35 Franken. Meilen ist nicht die erste Gemeinde in der Region, die Ausstiegshilfen an den Dolen anbringen lassen. Auch Gemeinden wie zum Beispiel Kilchberg, Küsnacht oder Männedorf setzen darauf.

Der Verein Konkret macht praktischen Naturschutz und beschäftigt Zivildienstleistende. Bei diesem Projekt der Ausstiegshilfen arbeitet der Verein mit der Gemeinde Meilen zusammen und wird von der Quadra, einem Planungs- und Beratungsunternehmen, unterstützt.

Korrekter Aufbau

«Als erstes montieren wir am unteren Ende der Matte einen Stein als Beschwerung. Wir müssen sicherstellen, dass die Matte senkrecht hängt», sagt Rebecca Frei. «Sonst könnte es passieren, dass sich der Kunststoff wölbt und die Amphibien nicht mehr hochkommen.» Danach wird von der 30 Meter langen Rolle die passenden Länge Terramat abgeschnitten und in den Gully gehängt. Mithilfe eisernen Kabelbindern befestigen die Zivildienstleistenden das Stück am Doledeckel. Von Aussen unterscheidet sich der Deckel kaum von Anderen.

«Vor allem in der Massenwanderungszeit von Mitte Februar bis Ende März ist es wichtig, die Tiere genügend zu unterstützen»Rebecca Frei, Einsatzleiterin des Vereins Konkret

Ein Risiko gibt es aber auch bei der Terramat. Da die Tiere aus dem Schacht hinaus klettern, landen sie fast direkt auf der Strasse. «Das können wir nicht verhindern», sagt Frei. «Wir montieren die Matte zwar so, dass das Tier vorerst am Strassenrand landet, aber danach wird es schwieriger.» Es würde deshalb immer noch helfen, wenn betreffende Strassen ab den Abendstunden gesperrt würden. «Vor allem in der Massenwanderungszeit von Mitte Februar bis Ende März ist es wichtig, die Tiere genügend zu unterstützen», meint Frei.

Der Verein arbeitet sich von Schacht zu Schacht weiter. Gleich neben der Strasse liegt ein Weiher, welcherdas Ziel der Wanderung einiger Amphibien ist. Zusehen ist aber nur Laich. Erdkrötenlaich wie Rebecca Frei meint. Die adulten Kröten ziehen sich den Tag über ins hohe Gras oder unter ein paar Steinen zurück. Nur in der Nacht kommen sie heraus um sich zu paaren.

Im einen Schacht will der Verein Konkret eine Kamera installieren. «Damit können wir überprüfen, ob die Matte angenommen wird», meint Rebecca Frei.

Erstellt: 26.03.2019, 15:32 Uhr

Bedrohlicher Strassenverkehr

Die Amphibien sind auf Hochzeitsreise. Optimale Bedingungen herrschen ab etwa fünf Grad und bei feuchter Witterung. Der Übername «Hochzeitsreise» kommt von dem Grund für die Wanderung. Die Tiere treffen sich zur Paarung und Laichablage.

Die wandernde Schar besteht vor allem aus Grasfröschen, Erdkröten und Molchen. «Die Tiere legen etwas mehr als einen Kilometer zurück, manchmal auch mehr», sagt Mario Lippuner, Biologe und regionaler Vertreter der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (Karch). Sie kehren in der Regel zu dem Laichgewässer zurück, in dem sie einmal geschlüpft sind. Die Wanderung zu den Gewässern findet hauptsächlich im Februar und März statt. Erst im Sommer ziehen sich sowohl die adulten Amphibien als auch die Jungtiere in Waldgebiete zurück.

Auf ihrer Wanderung sind sie grossen Gefahren ausgesetzt. Viele Tiere sterben in Abwasserschächten oder auf Strassen. Letztere durchqueren die Route der Amphibien zu ihren Laichgewässern. Die Kriechtiere erkennen die Gefahr der vorbeifahrenden Fahrzeuge nicht und fallen diesen schnell zum Opfer. Laut Pro Natura werden die Tiere nicht nur getötet, wenn sie überrollt werden, sondern schon der Fahrtwind kann bei Kröten und Fröschen zu tödlichen inneren Verletzungen führen.

Die Strassenabschnitte, welche die Amphibien auf dem Weg von ihrem Winterquartier zum Laichgewässer überqueren müssen, werden Zugstellen genannt.Laut der Karch existieren 163 Zugstellen im Kanton Zürich, davon sieben im Bezirk Horgen und zwölf im Bezirk Meilen.

Rettung vor dem Verkehr

Damit die Tiere nicht auf den Strassen sterben, wurden drei Lösungen entwickelt. Sie sollen den Amphibien das Leben retten. «Am verbreitetsten ist es, temporäre Schutzzäune aufzubauen», sagt Lippuner. Entlang der Zäune werden Eimer im Boden vergraben, in welche die Frösche und Kröten unweigerlich fallen, wenn sie versuchen, am Zaun vorbeizukommen. Von dort aus tragen Freiwillige die Frösche über die Strasse. Eine weitere Massnahme ist die Amphibienschutzanlage. Diese permanente Schutzanlage besteht aus einem Tunnel unter der betreffenden Strasse hindurch. Ausserdem werden Betonmäuerchen angebracht, die die wandernden Tiere zu der Unterführung führen. Eine weitere, häufig eingesetzte Alternative ist die temporäre Strassensperrung. Pro Zugstelle überqueren zwischen Hundert und ein paar Tausend Amphibien die Strasse. An vereinzelten Stellen sogar bis zu 10000.

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