Stäfa

Am See entsprang der Volksaufstand

Die Lesegesellschaft Stäfa feiert ihren 200. Geburtstag. 1830 war sie massgeblich am Ustertag und somit am Umsturz der Herrschaftsverhältnisse im Kanton Zürich beteiligt. Die Ereignisse von damals lesen sich wie ein Krimi.

Der historische Stich zeigt die Volksversammlung der rund 12000 Männer am Zinikerhügel in Uster, wo das Manifest zur Gleichberechtigung der Landbevölkerung verabschiedet wurde.

Der historische Stich zeigt die Volksversammlung der rund 12000 Männer am Zinikerhügel in Uster, wo das Manifest zur Gleichberechtigung der Landbevölkerung verabschiedet wurde. Bild: Sammlung Zentralbibliothek Zürich

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Bauern durften ihr Korn nicht frei verkaufen. Sie mussten es auf den Markt in Zürich bringen. Die Müller vom Land mussten es dort kaufen. Den Rebbauern am See verbot das Gesetz, eigenen Wein auszuschenken. Das sind nur drei Beispiele, wie stark die Bevölkerung in der Zürcher Landschaft unter der Knute der alles beherrschenden Stadt stand. Das Landvolk war im Grossen Rat, dem damaligen Parlament, gemessen an der Bevölkerungszahl krass untervertreten und erhielt kaum Bildung.

Es war die Zeit der Restauration nach dem Sturz von Napoleon und dem Ende der Helvetik 1815. Die Stadtzürcher Aristokratie und die Zünfte drehten das Rad der Geschichte zurück. Die 17 Jahre der Freiheit in waren zwar jäh zu Ende aber das Landvolk vergass nicht, was Gleichheit und Liberalismus bedeuten.

Revolutionäre Gene geerbt

Die Neugründung der Lesegesellschaft Stäfa 1819 entsprang diesem Geist. Sie sollte 1830 eine der treibenden Kräfte des Umsturzes im Staat Zürich werden, weil lesen bildet und Wissen Durst macht – nach Mitbestimmung. Das kam nicht von ungefähr: Schon die erste Lesegesellschaft forderte 1794 im «Stäfner Memorial» Gleichberechtigung, Bildung und Handelsfreiheiten von Zürich. Die Stadt reagierte gnadenlos und besetzte 1795 das Weinbauerndorf. Die Verfasser des Memorials – die später als «Patrioten» zu Helden erhobenen Männer - wurden verhaftet, eingekerkert und zu mehrjähriger Verbannung oder hohen Bussen verurteilt.

1830, elektrisiert von der Juli-Revolution in Frankreich, standen diese Patrioten wieder auf – entweder als Alte oder deren Kinder, die das aufständische Gen geerbt hatten. Unter all den Männer der Lesegesellschaft sollte einer zum Leuchtturm der Ustertag-Bewegung werden: Johannes Hegetschweiler (1789-1839). Der Landarzt lebte im Kehlhof und war mit Katharina Bodmer, einer Enkelin des 1795 zum Tode, später zu lebenslänglichem Gefängnis verurteilten Patrioten Johann Jakob Bodmer.

Vom Landarzt zum Geburtshelfer des modernen Kantons Zürich: Johannes Hegetschweiler.Foto: pd Lesegesellschaft Stäfa

Die Achse des Widerstands

Hegetschweiler gehörte 1819 zu den 27 Neugründern der Lesegesellschaft Stäfa und besass weitherum einen hervorragenden Ruf als Arzt wie auch wegen seines besonnenen Charakters. Dass er im Herbst 1830 zur zentralen Figur des Ustertags wurde, lief ihm zunächst zuwider. Er wuchs in diese Rolle durch die sich täglich zuspitzenden Ereignisse und weil der Aufstand gegen die Zürcher Herren am Zürichsee vorbereitet wurde. Stäfa und Küsnacht, wo der Liberale Ludwig Snell das Küsnachter Memorial verfasste, entwickelten sich zur Achse des Widerstands. Über den Kanton wurden Flugblätter mit ihren Freiheitswünschen verteilt. Die Kreise der Aufständischen vergrösserten sich.

Am 19. November kam es zum entscheidenden Treffen von über 100 Männern aus dem ganzen Kanton im Stäfner Gasthof Krone, dem damaligen Sitz der Lesegesellschaft. Sie wollten eine grosse Volksversammlung im zentral gelegenen Uster vorbereiten. Sieben Männer zogen sich bis Mitternacht ins Lesezimmer der Lesegesellschaft zurück um dort den Aufruf zu verfassen. Dieses Komitee rief «alle Landesbürger, die den Drang und die Noth des Augenblicks fühlen», zu einer allgemeinen Landesversammlung auf Montag, 22. November nach Uster ein. Sogleich wurden die Einladungen in 6000 Exemplaren zum Druck nach Wädenswil und Glarus vergeben und schon am nächsten Tag durch vertraute Reiter, Fahrende und Fussgänger im ganzen Kanton verbreitet.

Hegetschweiler zögert

Offen war noch, wer am Ustertag reden sollte. Als Erster wurde der «kluge Müller» von Bauma, Heinrich Gujer bestimmt. Als Zweiten wollte man Johannes Hegetschweiler gewinnen, der sich in den Tagen zuvor zurückgezogen hatte und keine aktive Rolle beim Treffen in der Krone Stäfa gespielt hatte. Erst im letzten Moment liess er sich überreden, wie Hegetschweiler am nächsten Tag in einem Brief an einen liberalen Freund, den damaligen NZZ-Chefredaktor Paul Usteri, schrieb: «Ich musste in Uster auftretten, weil eine Gesandtschaft von vier Gemeinderäthen von Stäfa mich dazu aufforderte und es in dieser Zeit keine leichte Sache ist, sich ganz zu entziehen.»

«Ich musste in Uster auftretten, weil eine Gesandtschaft von vier Gemeinderäthen von Stäfa mich dazu aufforderte und es in dieser Zeit keine leichte Sache ist, sich ganz zu entziehen.»Johannes Hegetschweiler

Der Ustertag vom 22. November brach sonnenbestrahlt an. Die Stäfner waren bereits frühmorgens mit den Wädenswilern angerückt. Der Aufmarsch war überwältigend, rund 12000 Männer marschierten aus allen Richtungen an. Da die Kirche als Versammlungsort zu klein war, wurde rasch ein Rednerpult am Zimikerhügel aufgebaut. «Ein vielttausendstimmiger Jubelruf erbrauste aus dem Menschengewimmel, während der Ausschuss die Bühne betrat. Sofort verstummte der Lärm, in fast atemloser Spannung lauschte das Volk entblössten Hauptes den Worten der Redner», beschrieb der Stäfner Chronist Gottlieb Bodmer die Szenerie.

«Der Mensch ist frei»

Der erste Redner, Heinrich Gujer, wies auf die Schwächen der Verfassung hin und sprach: «Nicht bloss zum Zahlen soll der Landmann gut seyn.» Aber er warnte vor Exzess und mahnte zu «Ruh und Geduld». Das war die ideale Überleitung zu Johannes Hegetschweiler, der seine Rede mit Worten von Friedrich Schiller begann: «Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei. Und würd er in Ketten geboren. Lasst euch nicht irren des Pöbels Geschrei, nicht den Missbrauch rasender Toren. Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht, vor dem freien Menschen erzittert nicht.» Hegetschweiler schilderte in seiner Ansprache das Wesen der Freiheit, die Eigenschaften einer «freien Volksverfassung».

Eine solche Verfassung forderte auch der dritte Redner, Steffan von Wädenswil, wenn auch in schärferen Worten. Herausragend blieb aber Hegetschweilers Auftritt. «Seine Worte, sein ganzer Vortrag war würdevoll und einem jeden ächten Eidgenossen aus der Tiefe der Seele entnommen», schrieb der Liberale Ludwig Snell in seiner Zeitschrift «Republikaner». Der Küsnachter schloss in der Überzeugung: «In Uster haben die Bewohner der Landschaft Zürichs gezeigt, dass sie mündig und der ächten schweizerischen Freyheit würdig seyen.»

Und was wurde aus Johannes Hegetschweiler? Der Stäfner Regierungsrat nahm ein tragisches Ende.

Viele tausend Hände erhoben sich zur Unterstützung und 2000 bis 3000 Unterschriften bezeugten die Zustimmung zu dem am rechten Seeufer entworfenen politischen Programm. Am Abend ging das Volk, Freiheitslieder singend, ohne Störung der Ruhe nach Hause.

Fünf Stäfner gewählt

Die Demonstration zeitigte durchschlagende Wirkung. Schon bei der folgenden Sitzung des Grossen Rats wurde einstimmig beschlossen, das Repräsentationsverhältnis auf zwei Drittel zu einem Drittel zugunsten der Landbevölkerung zu ändern. Am 6. Dezember fanden Grossratswahlen statt, an der ersten Sitzung des neuen Parlaments, am 16. Dezember, wurden zudem die 33 indirekten Ratsmitglieder gewählt. Am Ende sassen fünf Stäfner im Rat, darunter auch Johannes Hegetschweiler. Dieser wurde zudem als erster Vertreter der Zürcher Landschaft in die eidgenössische Tagsatzung, die Versammlung der Abgesandten aller Kantone delegiert.

In der 13-köpfigen Verfassungskommission nahmen mit Johann Caspar Pfenninger und Heinrich Brändlin zwei Stäfner Einsitz, die der neuen liberalen Ordnung mit der Gleichstellung von Stadt und Land im Kanton Zürich zum Durchbruch verhalf. Im März 1831 wurden der Regierungsrat gewählt, drei der 19 Mitglieder waren Stäfner: Hegetschweiler, Rebmann und Pfenninger, zu denen sich 1832 Brändlin als Vierter gesellte.

Autonomie für Gemeinden

Der Ustertag rief Kräfte der Neugestaltung und Demokratisierung wach. Eine der wichtigsten Errungenschaften war das Recht der Gemeindeversammlung, aus der die Gemeindeautonomie entsprang. Mit der Liberalisierung der Wirtschaft gingen auch die Entwicklung des Verkehrs auf Strasse, Schiene und Dampfschifffahrt einher. Die entscheidendste Bedeutung aber erlangte die neue Ordnung auf dem Gebiet der Schulbildung.

Und was wurde aus Johannes Hegetschweiler? Der Stäfner Regierungsrat nahm ein tragisches Ende. Am 9. September 1839 starb er an einer Schussverletzung, als er sich schlichtend zwischen die Fronten des Züri-Putsches stellte. Er war das 15. und letzte Opfer dieses Scharmützels.

Erstellt: 12.11.2019, 14:26 Uhr

Traditionsanlass mit Wädenswiler Einschlag

Die Ustertagsfeier wird seit 1931 alljährlich abgehalten, wobei als Hauptredner jeweils vor allem Politiker (darunter mehrere Bundesräte), Wirtschaftsführer, Wissenschaftler oder Armeeangehörige auftraten. In diesem Jahr wird mit Ernst Stocker (SVP) erstmals seit 57 Jahren ein Regierungsrat die Hauptrede halten. Als Vorredner von Stocker wird am kommenden Sonntag Nationalrat Philipp Kutter (CVP) gastieren. Er beerbte Stocker 2010 als Wädenswiler Stadtpräsident.

Der Festakt in der reformierten Kirche Uster beginnt um 14 Uhr. Nach der Kirche wird in der Landihalle ein Apéro offeriert, ehe der Bevölkerung ein Risotto in der Stadthalle serviert wird und die geladenen Gäste die Nachfeier im Stadthofsaal begehen. (bro)

Wein aus zwei Dörfern

Die historische Bedeutung von Stäfa und Küsnacht am Ustertag macht sich bis heute flüssig bemerkbar. Abwechselnd spendieren die beiden rechtsufrigen Seegemeinden den Wein für die Nachfeier im Stadthofsaal Uster. Damit anerkennt das Organisationskomittes die massgebliche Rolle der Seegemeinden, von der Lesegesellschaft Stäfa wie vom Küsnachter Liberalen Ludwig Snell und seinem «Küsnachter Memorial». Stäfa und Küsnacht geniessen daher den Status eines Ehrengastes. Andere Gemeinden werden nur punktuell eingeladen.

Noch etwas hebt Stäfa und Küsnacht hervor: Jedes Jahr legen die Delegationen den Weg nach Uster gemeinsam zurück - zu Fuss. (di)

Artikel zum Thema

«Mit der Zeitung hat man der Region eine eigene Stimme gegeben»

Stäfa Theodor Gut gehört zur dritten und letzten Generation der Familie, welche die «Zürichsee-Zeitung» geprägt hat. Der 71-jährige Stäfner sieht die ZSZ und die Lesegesellschaft Stäfa als wesensverwandt: Beide dienten der Region als eigenständiges Sprachrohr. Mehr...

«Die Bibliothek gehört zu unserem Grundauftrag»

Stäfa Die Bibliothek ist in der Lesegesellschaft Stäfa vor Ortsmuseum und Kulturveranstaltungen der älteste Pfeiler. Die Lesegesellschaft will die Bibliothek auch in Zukunft nicht aus ihren Händen geben, sagt Präsident Richard Diethelm. Mehr...

Die Zeitung als Kind der Lesegesellschaft

In den 200 Jahren ihres Bestehens hat die Lesegesellschaft Stäfa sich auch als Zeitungsverlegerin verdient gemacht. Das von ihr gegründete «Wochenblatt vom Zürichsee» erfüllte das Bedürfnis nach Nachrichten aus der Region. Daraus ging die ZSZ hervor. Mehr...

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben