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Als neben dem Horn Orang Utans aufwuchsen

Jahrelang hat die Küsnachterin Annemarie Schmidt verwaiste Affenbabys aufgezogen. Das machte sie und ihre Familie im Dorf bekannt. Über diese Zeit hat sie am Donnerstag in der Chrottegrotte erzählt.

Annemarie Schmidt in den 80er-Jahren mit Kappengibbon-Mädchen Mioche und Orang Utan Moni.
Annemarie Schmidt in den 80er-Jahren mit Kappengibbon-Mädchen Mioche und Orang Utan Moni.
Christian Schmidt

«Jö, herzig!» Man muss ziemlich hartgesotten sein, um beim Anblick der Fotos aus Annemarie Schmidts Familienalbum nicht Ausrufe dieser Art zu tätigen. Sie zeigen Babygesichtchen, gekrönt von lustig zu Berge stehenden Haarbüscheln. Grosse, staunende Kulleraugen. Junge Geschöpfe, die fast so gross wie die Windeln zu sein scheinen, in denen sie stecken. Das klingt nach den gängigen Bildern, mit denen stolze Eltern die ersten Lebensjahre ihres Nachwuchses dokumentieren. Dennoch, gängig sind Schmidts Fotos nicht. Zumindest nicht diejenigen, die sie vorgestern Vormittag in der Küsnachter Chrottegrotte präsentierte.

Der rund 15-köpfige Publikumskreis, vor dem die Küsnachterin auf Einladung des Literaturforums Booxkey sprach, wusste freilich, was ihn erwartete. War doch Schmidt in ebender Rolle, über die sie während gut eineinhalb Stunden referierte, nachgerade eine Bekanntheit. Wer ihr im Ort begegnet ist, zwischen den Siebziger- und frühen Neunzigerjahren, der sah sie nicht selten mit einem dicken Bündel vor der Brust. Und der wusste meistens: In dem Tragetuch ist kein Menschenkind, sondern ein Affenbaby.

Nur im Notfall Handaufzucht

15 Äffchen hat Schmidt von 1975 bis 2005 grossgezogen, fast alle im familieneigenen Haus am Küsnachter Horn. Von Wollaffen über Gibbons bis hin zu Orang-Utans und Gorillas. Eine Aufgabe, zu der sie durch ihren Mann Christian gekommen war. Dieser war damals Vize-Direktor am Zoo Zürich, ehe er 1994 nach Frankfurt wechselte. «Affengeburten im Zoo waren selten», blickte Schmidt in ihrem Referat rund 40 Jahre zurück. Nicht so selten sei hingegen vorgekommen, dass sich das Muttertier nicht um das Neugeborene kümmerte – aus verschiedensten Gründen: Sei es, dass es bei der Geburt verstarb, zu wenig Milch hatte oder sich nicht für das Kleine interessierte.

Dann galt es, den raren Nachwuchs mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln durchzubringen. Jedoch, stellte Schmidt klar, «eine Aufzucht bei Menschen war immer eine Feuerwehrübung» – die ultima ratio quasi. Vor diesem Hintergrunds wolle sie ihren Einsatz als Affen-Ziehmutter nicht als «Jö-Geschichte» verstanden wissen. Heute praktiziere man die Heimaufzucht nicht mehr. Erstens gebe es genug Jungtiere, so dass nicht mehr um jedes einzelne gekämpft werde. Zweitens kenne man mittlerweile andere Methoden, etwa die Beifütterung durch einen Pfleger, wenn das Baby aufgrund von Milchmangel gefährdet sei.

Hilflose Affenbabys

Dennoch, es war manches «Jö» zu hören. Dies, als Schmidt ihre ungewöhnlichen Familienmitglieder der Reihe nach mit Bild vorstellte. Familienmitglieder waren die Affen denn auch im wahrsten Sinn. Die eigenen Kinder hätten sie als Geschwister betrachtet.

Die Haustiere – Schildkröten, Katzen, Hunde – alles geduldet, was die Affen mit ihnen machten. So liess etwa Rhodesian-Ridgeback-Hündin Simba Brillenlangur Pumuckel auf ihrem Rücken reiten. Dass der Hund später in Frankfurt um ein Haar auf die Rasseliste gefährlicher Kampfhunde gesetzt worden wäre, quittierten die Zuhörer mit Unverständnis ausdrückendem Raunen.

Für Schmidt bedeuteten die temporären Familienmitglieder aber auch: Erziehungsarbeit. «Menschenaffenkinder sind das erste halbe Jahr völlig hilflos», erklärte die heute 72-Jährige. «Nicht einmal das Klettern ist ihnen angeboren.» Und so lag es an ihr, den Ziehkindern an den Bäumen im Garten zu zeigen, was das Affenleben von ihnen verlangt.

Sirih lebt heute in Amerika

Zu sehen, dass sie ihre einstigen Zöglinge gut auf das Leben unter Artgenossen vorbereitet habe, erfülle sie mit Freude. Immer wieder besucht sie diese in den Zoos und Parks, in denen sie heute leben. Die Tiere kämen dann ganz nah an die Scheibe und kommunizierten auf ihre Weise mit ihr. So auch Sirih. An sie mochten sich alle im Publikum erinnern. 1992 kam das Orang-Utan-Kind nach Küsnacht, nachdem ihre Mutter einem Giftanschlag im Zoo Zürich zum Opfer gefallen war. Heute lebt sie im Zoo von Indianapolis – und ist selber Mutter.

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