Meilen

Als Meilen polnischen Offizieren temporäre Heimat war

Von der Kriegsfront in Schweizer Internierung: Das Los polnischer Soldaten während des Zweiten Weltkriegs ist ab Freitag Thema einer Ausstellung in Meilen. Dabei geht es auch um die zentrale Rolle der Gemeinde in dieser Zeit.

Unter der Führung von General Bronislaw Prugar-Ketling (Mitte) waren ab 1943 rund 50 Offiziere und Unteroffiziere in Meilen einquartiert. Davon zeugt diese Aufnahme, in deren Hintergrund ein Bild der reformierten Kirche Meilen zu sehen ist.

Unter der Führung von General Bronislaw Prugar-Ketling (Mitte) waren ab 1943 rund 50 Offiziere und Unteroffiziere in Meilen einquartiert. Davon zeugt diese Aufnahme, in deren Hintergrund ein Bild der reformierten Kirche Meilen zu sehen ist. Bild: PD / Leszek Bialy

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«Nie», sagt Stefan Paradowski nachdenklich, «haben die Eltern über diese Zeit gesprochen.» Im fernen Australien hatten sie sich eine Existenz aufgebaut, eine Familie gegründet. «Diese Zeit» war weit weg. Immerhin aber bekam der heutige Präsident der Interessengemeinschaft (IG) der Nachkommen internierter Polen in der Schweiz mit, was ihm sein Nachname denn auch nicht verbergen konnte: dass er der Sohn eines Polen und einer Schweizerin ist. Dass sich diese Konstellation in den frühen Kriegsjahren im Heimatland der Mutter ergeben hatte. Und dass der Vater nicht ganz freiwillig dorthin gekommen war.

So wie dem Vater von Stefan Paradowski ging es insgesamt gut 12 000 Mann der 2. Polnischen Schützendivision, die in und für Frankreich nahe der helvetischen Grenze gegen die deutsche Wehrmacht gekämpft hatten. Die sich aber, im Juni 1940, in auswegloser Lage wiedergefunden hatten: abgedrängt, eingekesselt, kampfunfähig. Und dann, in der Nacht vom 19. auf den 20. Juni die Grenze überquerten, um sich in der Schweiz internieren zu lassen – die einzige verbleibende Möglichkeit, der deutschen Kriegsgefangenschaft zu entgehen. Legitimiert war die Aktion durch Verhandlungen zwischen der polnischen Exilregierung und dem Bundesrat, gestützt auf das Haager Abkommen von 1907. Das Schicksal dieser Soldaten, wofür jenes von Paradowskis Vater als exemplarisch gelten kann, verdeutlicht ab Freitag und über das Wochenende eine Ausstellung. Unter dem Titel «Auf Polenwegen durch die Schweiz» wird sie im Baukeller an der Meilemer Kirchgasse zu sehen sein.

Arbeit und Ausbildung

Exemplarisch an der Familiengeschichte Paradowskis ist etwa dieses Nichtwissen, das die Internierten ihren Nachkommen über jene fünf Jahre in der Schweiz hinterlassen haben. «Wohl aus einem Gefühl der Schmach und Niederlage heraus», vermutet Stefan Paradowski. Als Präsident der IG der Nachkommen internierter Polen in der Schweiz hat er von mehreren seiner Schicksalsgenossen eine ähnliche Haltung der Väter erfahren. Durch gemeinsames Nachforschen über ihre Geschichte würden sich die Mitglieder der IG denn auch ein Stück ihrer Identität erarbeiten. Dazu gehört auch die Ausstellung, die die IG nun, unter Mitarbeit der Offiziersgesellschaft Zürichsee rechtes Ufer, organisiert hat.

Konzipiert ist diese als Wanderschau vom Polenmuseum Rapperswil und vom Polnischen Institut für nationales Gedenken Warschau. Dies mit rund 80 Tafeln, auf denen Texte und historische Fotos den Aufenthalt der polnischen Soldaten hierzulande nachzeichnen. Die Ausstellung zeige unter anderem, nebst den historischen Hintergründen, welche Arbeit die Angehörigen der Schützendivision in unserem Land verrichtet hätten, erklärt Paradowski. So etwa in Bergwerken, in der Wald- und Landwirtschaft oder im Strassenbau. Dass die Internierten arbeiten sollten, gegen einen symbolischen Sold, sei klar gewesen, hätten doch viele Aktivdienstler als Werktätige gefehlt. Aber auch, weil ein Arbeitsverbot sich negativ auf die Moral der Polen ausgewirkt hätte. Ein anderes der 13 Ausstellungskapitel informiert über die Ausbildungslager der Polen, durch die nicht wenige der Internierten zu einem Abschluss an der ETH oder Uni gekommen seien.

General im Hirschen

Dass die Wanderausstellung in Meilen – ihren fünften – Halt macht, ist kein Zufall: Der Bezirkshauptort spielte bei den damaligen Geschehnissen eine zentrale Rolle. Hier waren ab 1943 rund 50 Offiziere und Unteroffiziere einquartiert. Unter ihnen General Bronis?aw Prugar-Ketling – federführend bei den Verhandlungen um die Internierung. Der lokale Aspekt wird an der Ausstellung mit spezifischen Exponaten berücksichtigt – wie etwa einem Brief des Generals an den hiesigen Zahnarzt oder einer Plakette zum Abschied der Polen.

«Von Meilen aus gingen die Anweisungen an die anderen Lager, die über das ganze Land verteilt waren», sagt Andreas Hess, Verantwortlicher für diesen Ausstellungsteil. Aber auch die Ausbildungslager oder das kulturelle Leben der Polen wurden in Meilen organisiert. Namentlich vom damaligen Restaurant Blumental aus, in dem sich das Stabsbüro befunden habe. «Der General hatte ein Zimmer im Hotel Hirschen, die anderen Offiziere bei Privaten», erzählt Hess. Bei wem genau, wisse man nicht. Genauso wenig, warum gerade in Meilen das Offizierslager war. Vielleicht trägt just die Ausstellung selber zur Klärung der einen oder anderen Frage bei. «An den bisherigen Ausstellungsorten haben uns oft Zeitzeugen angesprochen», sagt Paradowski. Ihre Erinnerungen hätten der IG nicht selten neue Erkenntnisse gebracht. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 15.10.2018, 15:39 Uhr

Die Ausstellung

Die Ausstellung «Auf Polenwegen durch die Schweiz» mit Exponaten aus der Zeit des Offizierslagers Meilen 1943–1945 ist am kommenden Wochenende im Baukeller Meilen zu sehen. Vernissage: Freitag, 19. Oktober, ab 19 Uhr. Einführung Stefan Paradowski, Referat des Militärhistorikers Hans Rudolf Fuhrer. Anmeldung an: ausstellung1940@gmx.ch. Öffnungszeiten: Die Ausstellung ist am Samstag, 20. Oktober, von 10 bis 17 Uhr und am Sonntag, 21. Oktober, von 12 bis 17 Uhr geöffnet. Baukeller, Kirchgasse 9, Meilen. Weitere Infos: www.polonia1940.ch.

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