Küsnacht

Als Küsnacht zum Katastrophengebiet wurde

Hinter einer Wellenlinie an einem Küsnachter Haus verbirgt sich eine Geschichte voller Dramatik und Leid. 1878 wurde das Dorf von einer gewaltigen Überschwemmung heimgesucht.

Eine einfache Wellenlinie zeigt an der Fassade des Hauses Untere Dorfstrasse an, wie hoch das Wasser am 3. und 4. Juni bei der Überschwemmung 1878 gestiegen war.

Eine einfache Wellenlinie zeigt an der Fassade des Hauses Untere Dorfstrasse an, wie hoch das Wasser am 3. und 4. Juni bei der Überschwemmung 1878 gestiegen war. Bild: Manuela Matt

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Wer das Küsnachter Tobel hinabwandert, erlebt den Dorfbach als idyllisches Gewässer. Welch gewaltige Kraft dieser Bach entwickeln kann, ist heute kaum mehr vorstellbar. Eine Inschrift auf dem Haus an der Unteren Dorfstrasse 2 zeugt vom Wüten des Dorfbachs: Eine Wellenlinie auf etwa 1,60 Metern zeigt die Höhe des Wassers am 3. und 4. Juni 1878 an.

«Es gab mehrere Wolkenbrüche und regnete in Strömen», erzählt Alfred Egli, Präsident des Küsnachter Vereins für Ortsgeschichte. Direkt hinter dem Haus an der Unteren Dorfstrasse trafen die Wassermassen auf die Seestrassenbrücke, unter welcher der Durchfluss durch Geröll und Kies verstopft wurde. «Ursache war ein Bachsteg, der weiter oben mitgerissen worden war und an der Brücke hängenblieb: Das Wasser staute sich bis hinauf zum Dorfkern», schildert Egli, wie das Unglück seinen Lauf nahm. «Die Wassermassen haben sich ein neues Bachbett bis zum Hotel Sonne gegraben.»

In der eigenen Stube ertrunken

Der Überschwemmung fiel ein Mensch zum Opfer. Der Taglöhner Felix Furrer rutschte aus und ertrank in den Fluten. Zurück liess das Wasser zudem ein Bild der Verwüstung. «Die Regierung des Kantons Zürich hat ein De­tachement mit 150 Mann zum Aufräumen geschickt», sagt Egli. 260 000 Franken betrugen die Kosten: Gemäss den Teuerungszahlen des Bundesamts für Statistik würde das heute einem Betrag von etwa 2,3 Millionen Franken entsprechen. Genau hundert Jahre zuvor hatte bereits eine Überschwemmung Küsnacht heimgesucht und 63 Menschenleben gefordert. Am 8. Juli 1778 liess ein Unwetter über dem Küsnachterberg den Dorfbach um ein Vielfaches anschwellen. Die Wassermassen stauten sich an der eben im Bau befindlichen Brücke am Tobeleingang, bevor sie das Dorf fluteten.

«Tote gab es vor allem im Bereich zwischen dem Tobeleingang und der Alten Landstrasse», berichtet Egli. Dort standen viele alte Holzhäuser, in denen die Menschen von herabstürzenden Balken erschlagen wurden. Zu Tode kamen auch ein Mann und seine Frau, die im sogenannten Abegghaus wohnten. Dieses stand ungefähr dort, wo sich heute das Gemeindehaus befindet. «Das Ehepaar wohnte im ersten Stock und stieg auf seinen Ofen, als es das Wasser kommen sah», erzählt Egli. Die beiden Eheleute seien in der eigenen Stube ertrunken. Ebenso wie bei den Ereignissen von 1878 gibt es auch hierfür eine Wasserstandslinie. Sie befindet sich an der Fassade des Hauses mit der Adresse am Bach 7 und liegt noch deutlich ­höher als die andere Linie. «Hier steht dies Haus in Gottes Hand, behüt es Herr vor Wasser und Brand», steht da, gefolgt von den Worten: Den 8. Juli 1778 ist das Wasser gegangen bis an den schwarzen Strich.»

Wenn der Drache wütet

In dem Haus, an dem die Wellenlinie von 1878 prangt, befinden sich heute mehrere Arztpraxen. Im Jahr der Überschwemmung war in dem 1850 erbauten Haus die Werkstatt von Jakob und Johannes Gimpert untergebracht. Die beiden Brüder stellten in den Räumen Feuerspritzen zum Löschen von Bränden her. Bei der Überschwemmung musste die Firma Gimpert und Gimpert allerdings eine Zwangspause von fünf Wochen einlegen. «Die reissende Flut nahm ihren Weg durch die Werkstatt und liess die Räume in Schlamm zurück», schildert das Küsnachter Jahrheft 1973 die Folgen. Zwanzig Jahre nach der Überschwemmung wurde der Bachlauf mit Schwellen versehen, Seiten­mauern wurden befestigt, und die Seestrassenbrücke wurde höhergelegt, um solche Katastrophen künftig zu vermeiden.

Spuren haben die Überschwemmungen nicht nur an Hauswänden, sondern auch in den Köpfen hinterlassen. So erinnert sich Alfred Egli gut an einen sehr regnerischen Junitag des Jahres 1978, der den Pegel des Bachs höchst bedrohlich ansteigen liess. Bis 2014 herrschte im Zentrum vom Küsnacht denn auch eine mittlere und in einem kleinen Bereich sogar eine erhebliche Gefährdung für Hochwasser. Erst durch eine Dorfplatzsanierung wurde die Lage entschärft.

Der Sage nach soll übrigens der Drache, welcher im Tobel in der Drachenhöhle haust, hinter den Überschwemmungen stecken: Er brach aus und verschlang alles, was sich ihm in den Weg stellte – ebenso wie die Überschwemmungen. (zsz.ch)

Erstellt: 19.08.2017, 13:42 Uhr

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