Küsnacht

Als der Küsnachterberg zur Satellitenstadt werden sollte

In den 70er-Jahren wollte der Gemeinderat den Küsnachterberg überbauen, um damit Wohnraum für 6000 bis 8000 Menschen zu schaffen. Es kam aber alles anders als geplant.

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Der Küsnachter- und der Zollikerberg unterscheiden sich wie Tag und Nacht. Während in Zollikon der obere Teil der Gemeinde gut erschlossen und fast schon dicht überbaut ist, dominieren im Küsnachterberg Felder und Wälder das Landschaftsbild. Anstatt in einer grossen zusammenhängenden Siedlung leben die wenigen Einwohner hier in Weilern mit urchigen Namen wie Schmalzgrueb oder Chaltenstein. Höchstens ganz oben, auf der Forch, stehen die Häuser etwas dichter.

Dass die grüne Lunge oberhalb des Dorfes erhalten werden konnte, hängt vor allem mit dem Widerstand der Küsnachter zusammen. In den 70er-Jahren entstand nämlich die Idee, den Küsnachterberg zu überbauen. Einer, der es wissen muss, ist Cedric Guhl. Er hatte mit seinem Planungsbüro «Guhl Lechner Philipp» den von der Gemeinde ausgeschriebenen Wettbewerb zur Projektierung dieser Planung gewonnen. «Es war ein generelles städtebauliches Projekt, das noch nicht ins Detail ging», erinnert sich der heute 88-Jährige.

Steigende Einwohnerzahl

Vorgesehen gewesen sei eine Überbauung für 6000 bis 8000 Einwohner. Der Wille zur Überbauung sei vom Gemeinderat ausgegangen, der damals vom mittlerweile verstorbenen Hans Bollmann (FDP) präsidiert wurde. «Der Gemeinderat war gewerblich orientiert und das Gewerbe war an den Flächen im Küsnachterberg interessiert», sagt Guhl. Als Beweggrund für die Überbauung nennt der inzwischen pensionierte Architekt und Planer zudem die in den 70er-Jahren rapide wachsende Bevölkerungszahl Küsnachts. «Man hatte den Eindruck, dass es in der Gemeinde bald einmal keinen Platz mehr hat.»

«Man hatte den Eindruck, dass es in der Gemeinde bald einmal keinen Platz mehr hat.»Cedric Guhl, Architekt

Dass alles ganz anders kam, ist der Opposition einer Gruppe von Bürgern geschuldet. «Angefangen hat alles 1971», erzählt Alfred Egli, Küsnachter Dorfhistoriker, und mittlerweile 89 Jahre alt. Aus verschiedenen Quellen habe man erfahren, dass eine Satellitenstadt im Küsnachterberg entstehen solle.

Motion half

Damals war es eine Spekulation, heute ist klar, dass der Gemeinderat tatsächlich entsprechende Pläne in der Schublade hatte. «Wir wollten nicht einfach zuschauen und haben eine Motion eingereicht, damit Küsnacht einer Gesamtplanung unterworfen wird», erinnert sich Egli. Als Mitstreiter nennt er die inzwischen verstorbenen Küsnachter Fred W. Schmid und Ruedi Stüdeli. Sie seien führende Köpfe und unermüdliche Mitstreiter gewesen. Ebenfalls aktiv dabei war der damalige Küsnachter Apotheker Hermann Hotz.

Aufschluss über den politischen Vorstoss gibt die «Zürichsee-Zeitung» vom 10. November 1971: 22 Personen hätten die Motion unterzeichnet. Als Forderung wird «die Gesamtplanung anstelle der Planung in einzelnen Zonen und Gemeindegebieten» genannt. Verlangt wurde zudem die repräsentative Beteiligung der Einwohner und die Sicherung von Freihaltezonen in einem genügenden Umfang. Tatsächlich trat der Gemeinderat auf die Hauptforderung ein und erweiterte den Auftrag für «Guhl Lechner Philipp» dahingehend, dass dem Zürcher Büro die Gesamtplanung für die Gemeinde übertragen wurde.

«Dass der
Küsnachterberg der Landwirtschaft vorbehalten blieb, ist eine grossartige Sache.»
Alfred Egli, Ortshistoriker und Zeitzeuge

Enttäuscht, dass aus den Plänen für den Küsnachterberg nichts wurde, ist Cedric Guhl dementsprechend nicht. «Es ist immer interessant, wenn man einen Auftrag in anderer Form weiterführen kann.» Sie hätten als Planer die Bürger mit einbezogen, indem Bürgerversammlungen in sieben Quartieren abgehalten worden seien. «Das war damals ein absolutes Novum», sagt Guhl rückblickend.

13 Jahre Planung

«Dass der Küsnachterberg nicht überbaut worden ist und der Landwirtschaft vorbehalten blieb, ist eine grossartige Sache», kommentiert Alfred Egli die Geschehnisse von damals. Die Ausweitung der Planung hat auf der einen Seite viel Zeit, Geld und Engagement gekostet, auf der anderen Seite aber auch das Ortsbild von Küsnacht entscheidend geprägt. Abgestimmt haben die Küsnachter über diese umfassende Ortsplanung nämlich erst 13 Jahre später: an vier Gemeindeversammlungen im Mai 1984. 140 Redner hatten an den Versammlungen 14,5 Stunden gesprochen, wie in der Zürichsee-Zeitung vom 23. Mai 1984 zu lesen ist.Diese von Bollmanns Nachfolger Arthur Egli (FDP) geleiteten Versammlungen hatten unter anderem zur Folge, dass der Berg unberührt blieb.

Einzig eine Kirche im Küsnachterberg stand als Idee noch im Raum. Planerische Voraussetzungen für diese Kirche wurden schliesslich nicht geschaffen. «Die Versammlung folgte dem gemeinderätlichen Vorschlag, mit der Einzonung zuzuwarten, bis ein konkretes Bauprojekt vorliegt», berichtete die ZSZ. Gebaut wurde das Gotteshaus bis heute nicht.

Erstellt: 06.08.2019, 16:00 Uhr

Unvollendete Bauprojekte

Nicht alles, was Architekten planen, wird auch umgesetzt. Die ZSZ gräbt für ihre Serie über unvollendete Bauwerke in Archiven und spricht mit Zeitzeugen über Projekte, die nie umgesetzt worden sind: Sei es, dass sie an einer Gemeindeversammlung, an der Urne oder gar schon früher gescheitert sind. Auch am Zürichsee sind viele Pläne Visionen geblieben.

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