Männedorf

Zwei aussergewöhnliche Geburtstage in der Villa Alma

Françoise Baur und Annemarie Hofer sind bald beide 102-jährig. Trotz unterschiedlicher Biografien verbindet die Jubilarinnen einiges.

Françoise Baur (links) und Annemarie Hofer-Hunziker leben in der Villa Alma in Männedorf und feiern am 20. bzw. am 8. Mai jeweils ihren 102. Geburtstag.

Françoise Baur (links) und Annemarie Hofer-Hunziker leben in der Villa Alma in Männedorf und feiern am 20. bzw. am 8. Mai jeweils ihren 102. Geburtstag. Bild: Michael Trost

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Gut sichtbar hängt die Liste an der Wand. Grüner Spargel mit Ausrufezeichen. Hummer, Scampi, verlorene Eier – und weiteres, nicht minder Delikates. Als Überschrift: «Meine kulinarischen Geburtstagswünsche». Ja, sie freue sich schon sehr auf ihren Geburtstag, sagt deren Verfasserin, Françoise Baur. Die Erlesenheit der gewünschten Speisen widerspiegelt den besonderen Geburtstag: Am Montag wird Baur im Männedörfler Privataltersheim Villa Alma 102 Jahre alt.

Von ungefähr kommt ihre Vorliebe für gutes Essen nicht: Schon in ihrem Elternhaus hatte es einen hohen Stellenwert. Man hielt sich eine Köchin, empfing oft «interessante Leute» zu Besuch: Exponenten der Pharmaindustrie «aus ganz Europa», beruflich Baurs Vater verbunden. Dieser entwickelte erst bei Hoffmann-La Roche in Basel, später bei Ciba Medikamente.

Schwierige Ehe

Doch als auf der anderen Seite der Grenze die Bomben fielen, «mussten wir ins Welschland dislozieren», sagt Baur in ihrem Zimmer mit Blick auf den See. Dem Vater schien die Lage in Basel nicht mehr sicher. Nach dem Krieg kehrte die Familie wieder dorthin zurück. Bald darauf lernte Baur ihren zukünftigen Mann kennen. «Leider», fügt sie an.

«Er war sehr dominant, hielt sich für etwas Besonderes.» Reisen, wie sie sie mit den Eltern und beiden Schwestern häufig unternommen hatte, wurden weniger. Ihre Ausbildung am Konservatorium zur Klavierlehrerin blieb ungenutzt – zugunsten der Hausarbeit. Dann starb 36-jährig auch noch Sohn Christian an einer Überdosis Drogen. Eine schwierige Zeit brachte ihr später zudem die Pflege ihres demenzerkrankten Mannes. Wenngleich: «Er wurde dann sehr lieb.»

Gern ein Glas Wein

Nach dessen Tod habe sie vieles nachgeholt: Klavierstunden erteilt, im Nähen von Röcken ein neues Hobby entdeckt, bei sich zu Hause Studenten aufgenommen, neue Kontakte geknüpft. So empfange sie auch heute noch häufig Besuch – täglich etwa von ihrer Tochter, die in Küsnacht wohnt. Und worin sieht sie das Geheimnis für das lange Leben? Vielleicht darin, dass sie sich zum Essen ab und zu einen Rotwein gönnt. «Nach einem Beaujolais kann man gut schlafen.» Oder im Sport? «Nein», wehrt sie ab. Geschwommen sei sie früher im Rhein zwar schon. «Es war aber grusig damals», erklärt sie, «der Fluss mit Kot verdreckt.»

«Man war einfach immer in Betrieb.»Annemarie Hofer-Hunziker, 102-jährige Bewohnerin Altersheim Villa Alma

«Sport», sagt auch Annemarie Hofer, «war mir nie wichtig.» Das ist nicht die einzige Gemeinsamkeit, die sie mit Françoise Baur teilt. Auch sie lebt in der Villa Alma. Auch sie ist einem «Gläsli Wein zum Abendessen» nicht abgeneigt. Und: Auch Hofer ist im Mai 1917 geboren worden – zwölf Tage nur vor Baur.

Stolz auf Titel

Wie will man bei einer so langen Lebensspanne die wichtigsten Ereignisse hervorheben? Das sei unmöglich, meint Hofer. «Man war einfach immer in Betrieb.» Von da nach dort habe man sich durchgeschlagen – vor allem in den Jahren von Krieg und Krise. Lebhaft ist ihr – die in Zürich geboren wurde und in Feldmeilen aufgewachsen ist – in Erinnerung, wie in den Gärten Kartoffeln und Getreide angepflanzt wurden. Und doch, eine wichtige persönliche Wegmarke zeigt sich, wenn man sie nach ihrem früheren Beruf fragt: «Doktor phil. eins».

Der Doktortitel soll als Antwort genügen. Welche Tätigkeiten sich genau dahinter verbergen: Da sei doch so vieles gewesen, sagt sie. Sie zuckt die Schultern und lacht. Was so viel heissen soll, wie: So wichtig ist das alles doch gar nicht.

Da betritt ihr Stiefsohn Peter den Raum: ein von der Jubilarin freudig begrüsster Besuch. Der Herrliberger ist an diesem Tag zur Feier des Geburtstags gekommen. «Wir feiern gestaffelt», erklärt er: Man sei eine grosse Familie. Fünf Stiefkinder, zehn Enkel, 14 Urenkel, drei Nichten und Neffen zählt die 102-Jährige. Zwar ist sie durch die Ehe mit einem verwitweten Familienvater quasi von einem Tag auf den anderen zu einer Grossfamilie gekommen. Mutterpflichten brauchte die bis dahin Alleinstehende indes kaum mehr erfüllen: Bei der Hochzeit war sie bereits 66-, ihre Stiefkinder über 30-jährig. «Sie hat schnell enge Kontakte in unserer Familie hergestellt», sagt der 71-Jährige.

Keine Lehrerin

Schliesslich gibt die Jubilarin doch noch einige ihre Lebensstationen preis: Chefsekretärin sei sie gewesen. Etwa in einer Anwaltskanzlei, in der Maschinenfabrik Oerlikon, beim Lifthersteller Schindler – wo sie ihren Mann kennen gelernt habe. Aber nie war sie als die tätig, als die sie an der Universität Zürich mit der Arbeit über den «Landammann in der Zeit der Mediation» dissertiert hatte: als Historikerin. «Ich wollte eben nie Lehrerin werden», sagt sie. Und andere Möglichkeiten habe es kaum gegeben. «Historische Sachen» würden sie aber immer noch interessieren, wenn sie sich die Zeitung vorlesen lasse. Das schätze sie heute besonders. Oder einfach auf dem Balkon zu sitzen mit Blick auf den See. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 18.05.2019, 11:02 Uhr

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