Küsnacht

Zwei Ideen für Küsnachts Dorfzentrum

Braucht es in Küsnacht eine Alternative zum geplanten Dorfzentrum? Initiant Hermann Gericke und Gemeindepräsident Markus Ernst (FDP) sind sich uneinig über diese Frage.

In welche Richtung soll sich Küsnacht entwickeln? Gemeindepräsident Markus Ernst (links) und Initiant Hermann Gericke haben darüber diametral verschiedene Ansichten.

In welche Richtung soll sich Küsnacht entwickeln? Gemeindepräsident Markus Ernst (links) und Initiant Hermann Gericke haben darüber diametral verschiedene Ansichten. Bild: Reto Schneider

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Über kein Thema haben die Küsnachter in den vergangenen Jahren so oft abgestimmt wie über die Frage, wie sich das Parkplatzareal an der Zürichstrasse beim Bahnhof entwickeln soll. Zuletzt genehmigten sie im Mai 2014 einen Projektierungskredit von 5,2 Millionen Franken. Auf dem Areal sollen zwei Gebäude entstehen, die Platz für Wohnungen und Gewerbe, für ein Bistro, das Familienzentrum und die Bibliothek bieten. Geplant ist zudem eine Tiefgarage mit 180 Parkplätzen, wovon 160 öffentlich sein sollen. Das Projekt wird rund 64 Millionen Franken kosten, 15 Millionen entfallen auf die bessere Erschliessung des Bahnhofperrons . Über den Baukredit entscheidet die Bevölkerung Ende 2016.

Ein Komitee um den Küsnachter Ingenieur Hermann Gericke hat nach der Abstimmung ein Alternativprojekt lanciert, das für 8,6 Millionen Franken ein Parkdeck statt einer Tiefgarage sowie einen kleinen Park vorsieht. Nicht eingerechnet sind die Kosten für die Erschliessung des Perrons. Mit dem Parkdeck liesse sich die Zahl der Parkplätze von 117 auf 180 erhöhen. Die Gemeindeversammlung vom 22. Juni befindet über den Projektierungskredit von 420 000 Franken. Der Gemeinderat empfiehlt ihn zur Ablehnung.

Die Küsnachter haben sich bereits für einen Projektierungskredit für ein neues Zentrum ausgesprochen. Nun stimmen sie über einen zweiten ab. Weshalb braucht es Ihre Alternative, Herr Gericke?
Hermann Gericke: Die Stimmberechtigten haben Anrecht darauf, dass sie bei einer so grossen Investition mit solchen finanziellen Folgen zwei Varianten zur Auswahl haben. Deshalb sollen zwei Projekte ausgearbeitet werden, zwischen denen sie entscheiden können. Vor einem Jahr fehlten ihnen bis kurz vor der Abstimmung die wichtigsten Zahlen zum Projekt. Ich fragte damals an einer Informationsveranstaltung, wie hoch die Kosten für einen Parkplatz und wie hoch die Parkgebühren sein werden, wo man während der Bauzeit parkieren kann und – mit Blick auf eine Steuerhöhung – wie gross die Folgekosten sind. Auf diese Fragen gab es damals noch keine Antworten.
Markus Ernst: Es stimmt nicht, dass die Stimmbürger erst kurzfristig über die wichtigsten Zahlen orientiert wurden. Diese wurden bereits vor der Abstimmung über den Gestaltungsplan im Herbst 2013 genannt. Es ist aber korrekt, dass es damals auf viele Fragen noch keine Antworten gab. Deshalb brauchte es ja den Projektierungskredit. Die Stimmbürger haben diesen angenommen und uns den Auftrag erteilt, das Projekt auszuarbeiten. Da sind wir jetzt dran. Es ist sinnlos, gleichzeitig eine weitere Variante zu entwickeln.
Gericke: Wir sagen ja nicht, man solle das bisherige Projekt fallen lassen. Ernst: Mindestens einen der beiden Projektierungskredite würden wir abschreiben müssen, wenn sich die Bevölkerung für eine Variante entscheidet. Das ist unnötig. Jeder Franken, den wir ausgeben, sollte wirtschaftlich sinnvoll eingesetzt sein.

Verschleudern Sie also Steuergelder, Herr Gericke?
Gericke: Nein. Es ist gerechtfertigt, weitere 420 000 Franken auszugeben, damit die Küsnachter eine Auswahl haben. Wenn man von Steuergeldern spricht, müsste man eher auf das bisherige Projekt zu sprechen kommen. Die Kosten dafür sind exorbitant hoch. Ich habe ausgerechnet, dass ein Parkplatz in der geplanten Tiefgarage für 27 Millionen rund 142 000 Franken kostet. Ein Parkplatz hat normalerweise einen Marktwert zwischen 30 000 und 40 000 Franken.

Sind die Kosten pro Parkplatz also zu hoch, Herr Ernst?
Ernst: Man kann die Kosten für oberirdische und unterirdische Parkplätze nicht miteinander vergleichen. Zudem sieht unser Projekt nicht nur Parkplätze vor. Da wir diese unter den Boden verlegen, entsteht oberirdisch eine Fläche von 4200 Quadratmetern, die wir neu nutzen können. Die Initianten negieren leider, dass auch dies einen Wert hat. Ihr Vorschlag bringt für knapp 10 Millionen Franken nur 63 neue Parkplätze. So betrachtet würde ein Parkplatz 160 000 Franken kosten. Gericke: Diese Rechnung bezieht sich nur auf die zusätzlichen Parkplätze. Wir müssen aber die Gesamtzahl von 180 Parkplätzen betrachten. Die Parkplätze allein kosten 7 Millionen, ein Parkplatz also nur 39 000 Franken. In der Tiefgarage würde jeder Parkplatz rund 100 000 Franken mehr kosten. Ausserdem gäbe es dort nur 43 neue öffentliche Parkplätze. Ein Parkplatz würde dort somit 560 000 Franken kosten.
Ernst: Noch einmal: Diese Zahlen sind kreuzverkehrt. Man kann die unterirdischen Parkplätze nicht mit den oberirdischen vergleichen, ohne die neu geschaffene Nutzfläche zu berücksichtigen.

Braucht Küsnacht überhaupt zusätzliche Parkplätze?
Ernst: Am Mitwirkungsverfahren, bei dem die Bevölkerung ihre Vorstellungen einbringen konnte, war nie die Rede davon. An das neue Zentrum wurden ganz andere Ansprüche gestellt, die wir nun in unserem Projekt umsetzen. Die Initiative zielt komplett am Volkswillen vorbei. Der heutige Parkplatz an der Zürichstrasse ist nicht ausgelastet.
Gericke: Zu gewissen Tageszeiten ist der Parkplatz praktisch voll. Es besteht Bedarf nach mehr Parkplätzen. Das war nie umstritten, auch nicht am Mitwirkungsverfahren, an dem ich selber teilgenommen habe. Dort gab es in Bezug auf Parkplätze verschiedene Ansichten. Einige Frauen äusserten Bedenken gegenüber der Tiefgarage, weil sie sich in dieser sowie im Lift nicht wohlfühlen würden. Ihre Meinung wurde im Projekt leider nicht aufgenommen, wie viele andere Meinungen auch nicht. Hinzu kommt: Am Mitwirkungsverfahren hat nur ein Prozent der Bevölkerung teilgenommen. Das ist nicht repräsentativ.
Ernst: Es war ein demokratischer Prozess. Jeder hatte die Möglichkeit, daran teilzunehmen.

An der Urne konnte die Bevölkerung über den Projektierungskredit abstimmen. 66,5 Prozent sprachen sich dafür aus. Wie repräsentativ ist das?
Gericke: Je grösser ein Investitionsvolumen ist, desto wichtiger ist es, Varianten auszuarbeiten. Während des Mitwirkungsverfahrens kam aber nie zur Sprache, was das Projekt kosten würde. Auch vor der Abstimmung im letzten Jahr gab es nur eine grobe Übersicht der Kosten. Wie viel es kosten würde, in der Tiefgarage zu parkieren, wusste die Bevölkerung nicht. Jetzt kostet es weit über fünf Franken pro Stunde, deshalb müsste man es mit Steuergeldern subventionieren.
Ernst: Das stimmt doch nicht, das ist eine völlig falsche Rechnung!
Gericke: Das ist eine richtige Rechnung!
Ernst: Wie hoch die Parkgebühren sein werden, wird erst später festgelegt. Sie werden sicher nicht fünf Franken pro Stunde betragen. Und um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich finde es repräsentativ, wenn zwei Drittel einem Projekt zustimmen.

Umgekehrt haben fast 1600 Küsnachter das Flugblatt der Initianten unterschrieben.
Ernst: Auf dem Flugblatt werden völlig falsche Zahlen miteinander verglichen. Deshalb wundert es mich nicht, dass aufgrund dieser Informationen viele Personen unterschrieben haben. Tatsächlich hat aber das Alternativprojekt erhebliche Mängel. Welche?
Ernst: Es gibt kein Verkehrskonzept. Die beiden Zufahrten zu den Parkplätzen verlaufen über das Trottoir an der Zürichstrasse.

Die Ein- und Ausfahrt führt schon heute über das Trottoir.
Ernst: Ja, aber das ist nicht gut. Die Leute müssen das Migros-Wägeli quer über die Strasse zum Parkplatz schieben und kreuzen dabei Autos. Mit dem Parkdeck würde die Situation noch schlechter. Es gäbe eine zweite Ein- und Ausfahrt über das Trottoir. Und 50 Prozent mehr Autos.
Gericke: Die Zufahrt hat sich seit Jahrzehnten bewährt. Es gab nie Unfälle. Fraglich wäre aber die Zufahrt in die Tiefgarage in der Unterführung der Oberwachtstrasse beim Projekt des Gemeinderats. Es bräuchte mitten in einer Kurve einen Kreisel. Zudem hat die Strasse ein Gefälle. Die Unfallgefahr ist sehr gross.
Ernst: Wer sagt das? Verkehrsexperten?
Gericke: Nein, Leute aus der Bevölkerung, die oft in der Unterführung unterwegs sind.

Die geplante Zufahrt in die Tiefgarage beschäftigt viele, Herr Ernst. Wie sicher ist sie?
Ernst: Die Oberwachtstrasse ist eine Kantonsstrasse, deshalb ist der Kanton zuständig für die Unterführung. Wir können davon ausgehen, dass er den Kreisel so baut, dass er sicher ist. Es ist nicht der erste unterirdische Kreisel, der gebaut wird. Lassen wir den Verkehr nun beiseite. Was bietet Ihre Alternative ausser Parkplätzen?
Gericke: Unsere Lösung verbaut nichts. Es ist möglich, nachträglich ein Gebäude auf dem Parkdeck zu erstellen, sofern dies von der Bevölkerung erwünscht ist. Zudem haben wir einen grünen Park vorgesehen. Mehr wollen die Leute nicht. Es braucht keine Gebäude und auch kein Bistro. Es gibt 16 andere Cafés und Restaurants im Umkreis von 300 Metern.
Ernst: Es stimmt nicht, dass die Leute nicht mehr wollen. Dies haben das Mitwirkungsverfahren und die anschliessende Urnenabstimmung gezeigt. Die Initianten reden sodann von einem grünen Park. Dabei handelt es sich um zehn Parkfelder, die aufgelöst werden. Dort stellen sie ein Bänkchen auf mit Sicht auf Parkplätze. Das ist keine Alternative zu unserem Projekt, das einen begrünten Platz vorsieht. Und eine Nachfrage für das Bistro wird es geben, wenn der Pächter einen guten Job macht. Ausserdem: Wie soll man im Nachhinein ein Gebäude auf dem Parkplatz bauen? Das kann keine befriedigende Lösung geben und würde erhebliche Zusatzkosten auslösen.

Auch für das Gewerbe ist das Zentrum wichtig. Von welchem Projekt profitiert es mehr?
Ernst: Die Migros unterstützt unser Projekt. Dasselbe gilt für den Gewerbeverein, der mit grosser Mehrheit hinter uns steht.
Gericke: Wir haben mit der Direktion der Migros gesprochen. Sie rechnet damit, dass sie während der vierjährigen Bauzeit mehr als 50 Prozent Umsatzeinbusse hinnehmen muss. Sie geht davon aus, dass viele Kunden nach Gemeinden wie Erlenbach ausweichen und nicht mehr nach Küsnacht zurückkommen. Wir haben die Migros angefragt, ob sie unser Anliegen unterstützt. Sie sagte, sie müsse zuerst mit dem Gemeinderat reden. Nachdem sie dies getan hat, lehnte sie ihre Unterstützung ab.

Trauen Sie der Migros keine eigenständige Meinung zu?
Gericke: Die Migros sagte, sie könne nicht gegen die Exekutive von Küsnacht sein.
Ernst: Die Migros ist ein souveränes Unternehmen! Sie übernimmt doch nicht einfach so die Meinung, die der Küsnachter Gemeinderat vorgibt. Sie hat sich einfach bei uns informiert, nachdem du mit ihr Kontakt aufgenommen hast.

Wie sieht es mit dem Kleingewerbe aus, das um seine Kundschaft bangt?
Ernst: Natürlich wird es für diese Gewerbler nicht einfach. Wir werden aber flankierende Massnahmen treffen. Als wir die Dorfstrasse sanierten, lancierten wir gemeinsam mit dem Gewerbeverein die Kampagne «Wir haben trotzdem geöffnet». Der Gewerbeverein ist, trotz der langen Bauzeit, auf unserer Seite.
Gericke: Der Gewerbeverein hat etwa 200 Mitglieder. Sein Präsident ist Gemeinderat Martin Schneider, der das bisherige Projekt unterstützt. So gesehen verwundert die Haltung des Gewerbevereins nicht. An der Versammlung waren zudem nur rund 20 Personen anwesend. Im Gewerbeverein gibt es aber auch kritische Meinungen.
Ernst: Schon wieder hast du Mühe mit einem demokratischen Prozess. Du findest es nicht demokratisch, wenn 20 von 200 Mitgliedern eine Parole fassen. Unsere Demokratie basiert darauf, dass jene Leute bestimmen, die ihre Meinung abgeben. Und die Mitglieder des Gewerbevereins hätten durchaus den Mut, gegen ihren Präsidenten zu stimmen.
Gericke: Ich habe keine Mühe mit demokratischen Prozessen. Aber ich finde, dass es für Küsnacht eine Auswahl braucht. (zsz.ch)

Erstellt: 12.06.2015, 14:02 Uhr

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