Stäfa

Zopf ab für einen guten Zweck

Chantal Decimo hat sich von ihrem hüftlangen Haar getrennt, damit daraus Perücken für bedürftige Kinder entstehen. Ein Bericht über eine ungewöhnliche Spende.

Zentimeter für Zentimeter schneidet Coiffure Saputelli den Zopf von Chanal Decimo durch.

Zentimeter für Zentimeter schneidet Coiffure Saputelli den Zopf von Chanal Decimo durch. Bild: Michael Trost

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Gedankenverloren fährt Chantal Decimo mit der Hand über ihr langes Haar. Mit seinem goldigen Schimmer passt es zum hellen Teint und den Sommersprossen der 22-jährigen Ürikerin. Sie sitzt auf einer Bank vor dem Coiffuresalon Charisma-Youngstyle gegenüber des Stäfner Einkaufszentrums, wo sie als Drogistin arbeitet und vor wenigen Minuten den Feierabend angetreten hat. Dreieinhalb Jahre sind es nun her, seit sie das letzte Mal ihre Haare schneiden liess. «Damals war es noch schulterlang», erzählt sie. Nicht einmal die Spitzen, die sie nun zwischen Zeige- und Mittelfinger haltend begutachtet, liess sie zurückstutzen. Jetzt reicht ihr das lockige Haar bis zu den Hüften, 70 Zentimeter Länge sind es genau.

Verein Haarfee in Wien

Dass Chantal Decimo so lange auf einen Haarschnitt verzichtet hat, hat seinen Grund. «Von einer Pfadikollegin erfuhr ich, dass diese ihre Haare für einen guten Zweck gespendet hat», begründet die junge Frau, weshalb sie dasselbe im Sinn hat. Anfänglich wollte sie ihre Spende am liebsten einer Schweizer Institution zukommen lassen, fand im Internet aber nichts Gleichwertiges zum österreichischen Verein Haarfee. An dessen Sitz in Wien werden aus Haarspenden Echthaarperücken für bedürftige Kinder gefertigt (siehe Kasten).

Inzwischen hat Chantal Decimo vor dem Spiegel im Coiffuresalon Platz genommen. Inhaber Gabriele Saputelli, der sich von der Idee der Haarspende sofort begeistern liess, wird eigenhändig den wichtigen Schnitt vornehmen, und zwar kostenlos, «weil ich auf diese Weise meinen Beitrag leisten möchte». Für eine Perücke brauche es vier bis fünf Haarbüschel oder Zöpfe, erklärt er, während er das lange Haar zu einem Zopf flicht. Der Coiffeurmeister bekommt eine Gänsehaut und wird auf einmal emotional: «Wenn ich daran denke, dass Chantal etwas von sich weggibt, um andern zu helfen, dann berührt mich das zutiefst.» Und wenn diese Aktion andere Frauen animieren würde, dem Beispiel seiner jungen Kundin zu folgen, dann wäre das eine Win-win-Situation. Jetzt greift Saputelli zu einem Mäschchen, um das Zopfende zusammenzubinden. Und schon hält er mit einem neckischen Grinsen die kleine Schere in die Höhe: «Chantal, bist du bereit?» Die Angesprochene lacht in den Spiegel und nickt.

Zopf in Plastik verpackt

Für den entscheidenden Akt fordert der Coiffeur Chantal Decimo auf, sich zu erheben. Mit der linken Hand hält er nun hinter ihr stehend den Zopf, und mit der andern schneidet er ganz langsam Haarsträhne für Haarsträhne durch, bis der ganze, rund 40 Zentimeter lange Zopf in seiner Hand liegt. Diesen wird er in einen Plastiksack stecken, einpacken und das Ganze dann eingeschrieben dem Wiener Verein Haarfee schicken. Nach Empfang der Spende wird Gabriele Saputelli auf dessen Website als erster Schweizer Coiffuresalon auf jene Liste aufgenommen, wo Haarspenderinnen kostenlos oder zu minimalen Preisen die Haare schneiden können. Bislang figurieren dort lediglich Adressen in Österreich und Deutschland.

Chantal Decimo schüttelt das verbliebene Haar, das ihr immerhin noch bis knapp zu den Schultern reicht, und greift mit der Hand in den Nacken: «Schon etwas komisch, dass da nichts mehr ist.» Doch der neue Look steht der hübschen Frau derart gut, dass wohl auch ihr Freund dem langen Haar nicht nachtrauern wird. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 21.09.2015, 18:16 Uhr

Verein Haarfee

Der Verein Haarfee ist eine unabhängige Non-Profit-Organisation aus Wien. Sie hilft Kindern, die ihr eigenes Haar durch Schicksalsschläge verloren haben (etwa infolge einer Chemotherapie oder Verbrennungen). Echthaar-Perücken kosten in der Regel zwischen 1500 und 3000 Euro. Der Verein setzt sich dafür ein, dass Kinder nicht auf billige Kunsthaarperücken zurückgreifen müssen. Weil diese unecht wirken, werden Betroffene gehänselt, was
zusätzliches Leid bewirkt. Der Verein Haarfee nimmt neben Haaren (als Zopf oder Pferdeschwanz ab einer Länge von 25 Zentimetern) auch Geldspenden entgegen: www.vereinhaarfee.ch.?(mz)

Haare schneiden zum Spenden bei Charisma-Youngstyle, Goethestrasse 25, Stäfa, 044 926?88?87, www.charisma-youngstyle.ch.

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